Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Wie linke Kritik rechte Interessen bedient

Von Yves Wegelin*

«Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment»: Es ist fast fünfzig Jahre her, dass sich die Jugend mit solchen Rufen gegen die Moral des Bürgertums erhob, das sich seit der Französischen Revolution 1789 allmählich an die Macht gekämpft hatte. Heute ist alles erlaubt. Zumindest solange es nur das eigene Leben betrifft. In einer Zeit, in der eine Dragqueen mit Bart den Eurovision Song Contest gewinnt, scheinen der Emanzipation des Individuums kaum noch Grenzen gesetzt. So schwach im 21. Jahrhundert die moralischen Zwänge im Privaten, umso dominanter sind sie in der Wirtschaft: Die Schuld der Griechen! Sie haben mehr verprasst, als sie verdienen! Die gegenläufigen Entwicklungen sind kein Zufall: Das Programm der Linken, das Individuum von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, passte zum damaligen Programm der Bürgerlichen, das Kapital zu befreien. Die Zwänge des Kapitalismus interessierten einen Grossteil der Linken, die sich in die Theorien Michel Foucaults über die disziplinierende Moral verliebten, immer weniger. Deshalb sehen einige Linke noch heute die Emanzipation der Frau darin, dass sie wie der Mann Vollzeit arbeitet.

Mit ihrer Dekonstruktion der bürgerlichen Moral, die in Staatskritik gipfelte, hat die Linke geholfen, der neuen Rechten den Boden zu bereiten: Diese ist daran, nicht nur die Moral («Gutmensch» gilt jenen als Schimpfwort), sondern sämtliche der Moral zugrunde liegenden Werte der Französischen Revolution zu demontieren, die nicht ihren (Kapital-)Interessen dienen oder ihnen gar Schranken setzen könnten. SVP-Bundesrat Ueli Mauer will nun sogar die Europäische Menschenrechtskonvention kündigen.

Die Werte der Französischen Revolution sind bürgerlich. Doch sie sind kein reines Abbild des Kapitalismus, wie die Linke mittlerweile weiss. Sie enthalten eine universelle Moral, die der Philosoph John Rawls mit dem «Schleier des Nichtwissens» begründet hat: Wenn Maurer die Gesetze einer Welt festlegen könnte, ohne zu wissen, ob er als Bundesrat oder als algerischer Arbeitsmigrant auf ihr leben wird – würde er die Menschenrechte nicht verteidigen?

* Wunsch von Rebekka Köppel: «Sagt mir, was Moral ist.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch