Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Dienen und dann sterben

Von Noëmi Landolt*

«Fuck the Lannisters!» steht seit einigen Tagen in der Nachbarschaft an eine Bretterwand gesprayt. Die Lannisters sind die fiese, hinterhältige Familie aus «Game of Thrones» (GOT), der TV-Adaption von Fantasyautor George R. R. Martins Romanserie «A Song of Ice and Fire». Die Lannisters, das sind die Bösen. «Halt!», werden einige jetzt rufen. Das Tolle an dieser Serie ist es doch gerade, dass für einmal nicht klar zwischen Gut und Böse unterschieden wird. Alle sind brutal und egoistisch und doch irgendwie einfach menschlich. – Aber seien wir mal ehrlich, kaum jemand würde «Fuck the Starks!» an die Wand sprayen. Was auch daran liegen mag, dass fast alle Mitglieder dieses Familienclans im Lauf der vier Staffeln bestialisch ermordet wurden – und über Tote soll man nicht schlecht reden. «Valar morghulis» (hochvalyrisch für: Alle Menschen müssen sterben) ist eine geläufige Redewendung in Westeros. Die geläufige Antwort ist «Valar dohaeris» (Alle Menschen müssen dienen). In diesen zwei Sätzen finden sich auch die zentralen Motive dieses Epos.

Ja, die brachiale Gewalt, die da am Fernsehen gezeigt wird, ist manchmal kaum auszuhalten. Und ja, die Serie ist sexistisch, rassistisch und kolonialistisch. Nackte Brüste dienen ebenso als Hintergrunddeko wie beiläufige Vergewaltigungen. Auf der anderen Seite der Meeresenge leben die dunkelhäutigen, mysteriösen Anderen, mit einer unbändigen Libido, auch barbarisch und brutal, doch eigentlich reinen Herzens. Zu ihrer Rettung kommt eine alabasterhäutige Teenagerprinzessin, die sie durch die eigene Wüste führt, nebenbei ein paar Sklavenvölker befreit und sich als «Mhysa» (Mutter) bejubeln lässt.

Was mich jedoch am meisten stört: Die herrschende Gesellschaftsordnung wird nie grundlegend hinterfragt. Die wenigen Figuren nicht adliger Abstammung sind entweder Prostituierte oder jene, die sich aus der Gosse hochgekämpft haben. Jedoch nur um ihren HerrInnen ewige Treue zu schwören, ihnen zu dienen bis in den Tod. «Organisiert euch!», würde ich ihnen gerne zurufen. «Rebelliert gegen die feudalistischen Herrschaftsverhältnisse!»

Und warum lässt sich all das so einfach ausblenden? Warum macht GOT dennoch so grossen Spass? Ich weiss es nicht. Oder um es mit Ygritte zu halten: «You know nothing, Jon Snow.»


* Wunsch von Ruedi Besmer und Raphael Dürr: «Schreibt mal was 
zu ‹Game of 
Thrones›.»

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