Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Ausgeschlafen in den Klassenkampf

Der Rapper Killer Mike ist der US-Aktivist der Stunde: Mit seinem Rapduo Run the Jewels hat er gerade ein weiteres kämpferisches Meisterwerk veröffentlicht, und in einer so witzigen wie klugen Netflix-Serie nimmt er sich die rassistische Gesellschaft zur Brust.

Von David HunzikerMail an AutorIn

Warum macht eine von einer schwarzen Gang produzierte Limonade Angst? Killer Mike (Mitte) in einer Szene aus der Serie «Trigger Warning with Killer Mike». Still: Netflix

Es ist ein unglaublich schönes Bild, mit dem die 80-jährige Soulsängerin Mavis Staples die antirassistische Revolte einzufangen scheint, die gerade auf den Strassen der USA wütet. Sie werde vom Schmerz zerrissen, singt Staples mit ihrer kräftigen, majestätischen Stimme: «There’s a grenade in my heart and the pin is in their palm» – da ist eine Granate in meinem Herzen, und der Zünder liegt in deren Hand. Eine heulende Gitarre und ein Chor tragen ihre Stimme wie auf Händen. Dann beschwört Killer Mike als bibelfester Gangster in virtuosen Rapzeilen den Klassenkampf herauf: Wieso sollen wir, die wir hier unten im satanischen Elend schmoren, weiter die Heiligen spielen, während die Dämonen dort oben die Reichtümer scheffeln?

«Pulling the Pin» heisst diese zarte wie angriffige Widerstandshymne aus «RTJ4», dem neuen Album des Rapduos Run the Jewels. Wie der warme Klang von Staples’ Stimme und der Gitarre von Josh Homme (Queens of the Stone Age) hier verwoben sind, das ist wieder so ein Geniestreich von EL-P, neben Killer Mike der zweite Rapper und der begnadete Produzent von Run the Jewels. Obwohl die beiden nicht ahnen konnten, wie heftig die Granaten nach einem weiteren brutalen Mord eines US-Polizisten an einem Schwarzen wieder hochgehen würden, klingt es so, als hätten sie «RTJ4» für diesen historischen Moment geschrieben. Es läuft einem kalt den Rücken hinunter, wenn man aus Killer Mikes Mund nun Zeilen wie diese im Song «Walking in the Snow» hört: «And you so numb, you watch the cops choke out a man like me, until my voice goes from a shriek to whisper, ‹I can’t breathe›». Am Schluss zerbricht die Stimme, als würde er tatsächlich ersticken.

Der Mann, der hier von einem Polizisten erdrosselt wird, während die Weissen zusehen, ist nicht George Floyd, sondern Eric Garner, der 2014 in New York unter ähnlichen Umständen ums Leben kam. Unheimlich, wie man hier die Geschichte sich wiederholen hört.

Wut und Tränen

Run the Jewels haben nicht nur ein Gefühl für dringliche Musik, sie tauchen auch immer dort auf, wo in den USA gerade der Aufstand tobt. 2013 und 2014, zu Beginn der Black-Lives-Matter-Bewegung, erschienen «Run the Jewels» und «Run the Jewels 2» – wahnsinnig gute Alben mit diesem düsteren, verspielten Sound, der einen in eine Stimmung versetzt, in der man Paläste niederbrennen und dazu feiern will. So etwa geht eine Zeile aus dem Song «Hey Kids (Bumaye)» vom dritten Album, erschienen kurz nach Donald Trumps Wahlsieg und auch wieder strotzend vor Aggression und Lebensfreude. Wie alle ihre Alben haben sie nun auch «RTJ4» gratis zum Download ins Netz gestellt mit der Bitte, an die National Lawyers Guild zu spenden, eine Vereinigung progressiver JuristInnen, die soziale Bewegungen unterstützt.

Diese Macherattitüde, verbunden mit Sendungsbewusstsein, Eloquenz und einem bübischen Humor: Das macht den 1,90 Meter grossen Michael Render, der seine Rapkarriere als Killer Mike im Umfeld der Hip-Hop-Legenden von Outkast begonnen hatte, zu einem Aktivisten der bemerkenswerten Sorte. Kurz nach Floyds Tod hielt der 45-Jährige in seiner Heimatstadt Atlanta eine emotionale Rede: «Ich bin verdammt wütend, gestern bin ich aufgestanden, und ich wollte die Welt niederbrennen sehen», sagte er unter Tränen und forderte die Leute auf, ihre eigenen Häuser nicht anzuzünden. Stattdessen sei nun die Zeit, «zu planen, Strategien zu entwickeln, sich zu organisieren, zu mobilisieren». Wie genau er den politischen Nerv trifft, sah man letztes Jahr auch in «Trigger Warning with Killer Mike», einer sechsteiligen Serie auf Netflix. Darin beleuchtet er verschiedene Facetten des strukturellen Rassismus der US-Gesellschaft und gründet zum Schluss, inspiriert von Fela Kutis Kommune Kalakuta Republic, einen utopischen Staat: New Africa.

Fuck Hope

Was Killer Mike hier tut, wirkt zunächst total absurd, wenn er in einer Folge etwa eine eigene Religion mit dem Slogan «Do Dope, Fuck Hope» gründet, dabei einen ständig bekifften Homie, der nie ein Wort sagt, zum schwarzen Messias erklärt und Schlaf als Weg zum Seelenfrieden predigt. Oder wenn er der schwarzen Strassengang Crips aus Atlanta dabei hilft, ihren eigenen Softdrink zu vermarkten. Doch dann entpuppen sich diese kruden Pläne als scharfsinnige politische Satire. Schlaf, so Killer Mike, sei für die Schwarzen in den USA schon immer problematisch gewesen: Für nichts wurden die Sklaven früher härter bestraft als fürs Verschlafen, und heute würden viele Schwarze in Gegenden mit hoher Lärmbelastung leben. Neben einem schwarzen Jesus bräuchten sie also vor allem erholsamen Schlaf.

Und der Episode mit den Crips liegt eine kecke Frage zugrunde: Wieso lieben die US-AmerikanerInnen eine kriminelle weisse Gang wie die Hells Angels und kaufen ihre Merchandisingartikel, während die von einer schwarzen Gang produzierte Cola ihre Angst vor Gewalt und Drogen triggert?

Manchmal redet Killer Mike, der in Atlanta auch einige Barbershops betreibt, als würde er das Heil der schwarzen Community im Kapitalismus sehen. Wenn er bei einem Schulbesuch etwa das Bildungswesen dafür kritisiert, dass die Kinder unnötige Bücher lesen müssen, statt dass sie lernen, wie man Geld verdient. Einem schwarzen Jungen, der sagt, er wolle Präsident werden, rät er, sich diesen Traum gleich abzuschminken, aber er könne doch ein gutes Handwerk lernen. Killer Mike motiviert zu irgendeiner Form von Selbstermächtigung, sei es nur ein sicherer Job. Er verkörpert darin die Antithese zum Hoffnungspathos eines Barack Obama. Hoffnung braucht nur, wer keine Perspektive hat.

Sowieso spricht die Musik von Run the Jewels eine ganz andere Sprache, etwa «JU$T» vom neuen Album, ein wütendes Fanal gegen ökonomische Ungerechtigkeit. Diese Protestmusik wirkt auch darum so stark, weil bissige Kritik und hedonistischer Humor sich darin so charmant verschränken. In «Yankee and the Brave (Ep. 4)» rappt Killer Mike, dass die Bullen ihn nie lebend kriegen würden – worauf der weisse EL-P antwortet, sein Bruder könne jetzt nicht einfach sterben, er schulde ihm schliesslich noch Geld für seine Nikes.

«Trigger Warning with Killer Mike». USA 2019. Regie: Vikram Gandhi. Läuft auf Netflix.

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