Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

«Das Wesentliche bleibt hinter den Worten verborgen»

In ihrem tagebuchartigen Roman «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» verbindet Hanna Johansen ihr Erlernen des Klavierspiels als Seniorin mit Kindheitserinnerungen.

Von Hans Ulrich Probst

«Worte sind Kleider der Wahrheit, die selbst unsichtbar ist für das Auge»: Autorin Hanna Johansen. Foto: Flurin Bertschinger

Es ist ein ungewöhnliches Tagebuch, das die 75-jährige Wahlzürcherin Hanna Johansen mit ihrem neuen Roman «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» vorlegt: Die Eintragungen von September bis Dezember 2010 verzeichnen nebst vielem anderen, wie die Autorin im Seniorinnenalter im Selbststudium das Klavierspiel erlernt. Bewusst verzichtet sie auf Unterricht, verlässt sich auf gedruckte Lehrmittel und schildert, wie auch geschickte Hände beim späten Erlernen pianistischer Fingerfertigkeit zunächst auf erhebliche Probleme stossen.

Das Tagebuch verknüpft witzige Zeugnisse vom hartnäckigen Kampf mit den Tücken des Tasteninstruments mit zwei weiteren Elementen: der poetischen Schilderung durchaus prosaischer Arbeiten im herbstlichen Garten und – dies der Kern von Johansens Journal – mit der Vergegenwärtigung ihrer Kindheit. Die anfangs unbeholfenen Exerzitien am geliehenen Instrument führen die Tagebuchschreiberin wie selbstverständlich zur Erinnerung an frühe Lernerfahrungen. Erzählend denkt Johansen über Verstandenes und Unverstandenes aus dem Leben des Kleinkinds, des Mädchens und der Jugendlichen Hanna nach.

Ein Grossvater als Lebenslehrer

Aufgewachsen ist die Autorin, wie wir aus ihrem bislang einzigen offen autobiografischen Buch «Die Analphabetin» (1982) wissen, in Bremen nahe bei einer Gärtnerei und einem Friedhof. Ihre Kindheit war nicht nur geprägt von den Bombennächten bis 1945 und vom Mangel der Nachkriegszeit, sondern auch von der im Krieg zerbrochenen Ehe der Eltern, von der tüchtigen Mutter sowie vom ihr zugewandten Lehrer-Grossvater väterlicherseits.

Wie in ihren Romanen und Erzählungen, die sich mit analytischer Schärfe und meist aus weiblicher Perspektive den Verwerfungen in den Beziehungen von Mann und Frau widmen, ringt Johansen auch in diesem uneitlen Tagebuch um äusserste Genauigkeit – im Erinnern wie im Formulieren. Zwar weiss die Verfasserin, dass, «wer etwas liest, sogleich beginnt, ohne es zu merken die Wörter aufzufüllen (…) mit Inhalten, die der eigenen Lebenserfahrung entstammen» und die mit dem gelesenen Text oft wenig gemein haben. Das macht, so Johansen «Sprache zu einem unzuverlässigen Verständigungsmittel». «Aber», registriert sie nüchtern, «ich kenne kein besseres.»

«Das Wesentliche», so schrieb die Autorin schon vor rund dreissig Jahren, «bleibt auf alle Fälle hinter den Worten verborgen. Worte sind nicht dazu da, das Wesentliche zu sagen. Sie sind Kleider der Wahrheit, die selbst unsichtbar ist für das Auge.»

Intensive Spurensuche

Gerade diese Sprachskepsis und der skrupulöse Zweifel an dem, was das Gedächtnis der Autorin erinnert (und «erfindet»), beleben die Lektüre. All die so behutsam wie plastisch gestalteten Klavier-, Garten- und Kinderszenen regen die LeserInnen zu Erinnerungen an die eigene Kindheit und zu deren Prüfung an. Bei ihrer Spurensuche besteht Hanna Johansen auf dem Vorrang individueller Erfahrung vor späterer kollektiver Erinnerungsfixierung, wobei sie Erzählung und Reflexion mühelos verbindet.

Komische und beklemmende Momente wechseln ab, es gibt träfe politische Einschübe, dazu Bemerkungen zur Naturerfahrung und zum Umgang mit Tieren – den Hühnern etwa –, wie sie die Autorin auch in ihren Kinderbüchern unnachahmlich beschrieben hat. Gelassen weicht sie auch den wachsenden Unwägbarkeiten und Widrigkeiten des Älterwerdens nicht aus. So schauen wir der lebensklugen Tagebuchschreiberin über drei Monate hin gerne über die Schultern, wie sie persönlich einzigartig Erlebtes mit historischen Erfahrungen verwebt.

Unverständlich nur, dass der Hanser-Verlag, der seit Johansens Debüt «Die stehende Uhr» im Jahr 1978 alle ihre Bücher für Erwachsene herausgebracht hat, diesen fesselnden und poetisch reichen Text zu publizieren verweigert hat. Mit Sabine Dörlemanns Verlag hat die Autorin würdigen Ersatz gefunden.

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