Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

«Haben Sie eigentlich Groupies?»

Slampoetin Fatima Moumouni findet, dass man mehr über Begriffe nachdenken muss, und erzählt, was sie mit gewonnenem Whiskey macht.

Von Nina Kunz (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Fatima Moumouni auf der Terrasse der Zürcher ETH: «Sie hätten ja einfach fragen können, ob Sie ‹Schwarze›, ‹Dunkelhäutige› oder ‹People of Color› sagen sollen.»

WOZ: Frau Moumouni, wir befinden uns im Lichthof der Universität Zürich. Gestern hat das neue Semester angefangen. Was haben Sie sich dafür vorgenommen?
Fatima Moumouni: Oh, gestern hat alles ganz schlecht angefangen.

Warum?
Ich wollte früh aufstehen, aber dann war es halt schon 11 Uhr. Dabei ist es mein Vorsatz, früh aufzustehen und viel zu erledigen. Aber gestern fiel dann auch noch ein Zug aus und ich kam schon am ersten Tag zu spät.

Viele Studierende gönnen sich nach einem solchen Tag ein Bier. Fällt es den anderen auf, dass Sie nicht trinken?
Vor allem, wenn jemand eine Runde ausgibt und ich eine Apfelschorle bestelle. Dann kommt schon mal der Spruch: Sei doch nicht so langweilig! Aber wenn sie dann checken, dass ich generell nicht trinke, lassen sie es sein mit den Überredungsversuchen. Aber auch beim Slam gehört der Alkohol dazu. Bei Wettbewerben gewinnt man oft eine Flasche Whiskey.

Was machen Sie dann?
Ich gebe sie an den zweiten Platz weiter.

Ich bin ja selbst in dieses Fettnäpfchen getreten. Nach unserem letzten Gespräch lud ich Sie auf ein Bier ein. Dann haben Sie nichts gesagt und mich ungläubig angeschaut.
Sonst lasse ich Leute auch nicht auflaufen. Aber ich fand das lustig, weil wir gerade zwei Stunden lang über Religion gesprochen hatten.

Beim letzten Mal bin ich auch fast verzweifelt, weil ich Angst hatte, etwas zu fragen, was rassistisch sein könnte. Denn Sie lassen es einen merken, wenn man etwas sagt, was Sie so nicht sagen würden.
Ich wusste nicht, dass ich eine so bestrafende Ausstrahlung haben kann. Es ist mir klar, dass man gerade in Gesprächen nicht immer alles korrekt sagen kann. Es ist zum Beispiel mühsam, immer «Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer» zu sagen.

Aber an welchem Punkt mündet politische Korrektheit in Sprachlosigkeit?
Nie. Denn sprachlos ist man nur, wenn man nicht weiss, was die Worte bedeuten, die man verwendet. Es geht darum, über Begriffe nachzudenken, nicht, sie zu verbieten.

Es ist doch zum Verzweifeln. Man kann es nie «richtig» machen, selbst wenn ich den Anspruch habe, mich korrekt auszudrücken.
Nein, solange man versucht, korrekt zu sein, und nicht einfach davon ausgeht, dass einen das Gegenüber schon richtig versteht, ist alles in Ordnung. Ich bin für eine ehrliche Kommunikation. Sie hätten ja einfach fragen können, ob Sie «Schwarze», «Dunkelhäutige» oder «People of Color» sagen sollen.

Um Begrifflichkeiten geht es auch der Uni. Beeinflusst das Ethnologiestudium Ihr Schreiben?
Ja, einerseits inspiriert es mich thematisch, und andererseits hat es mich eben gelehrt, Worte und Begriffe zu hinterfragen. Seit ich studiere, schreibe ich bewusster.

Wissen Ihre Mitstudierenden, dass Sie Slam-Poetin sind?
Immer mehr. Jetzt mit dem WOZ-Gespräch kamen am Semesteranfang einige zu mir. Sogar eine Gastdozentin aus der Türkei hat mich darauf angesprochen.

Möchten jetzt plötzlich mehr Leute in den Vorlesungen neben Ihnen sitzen?
Nein, auch beim Slam haben vor allem die Männer Groupies.

Trotzdem erhalten Sie Aufmerksamkeit für Ihre Texte. Haben Sie nicht hie und da das Gefühl, dass der Alltag an der Uni kaum zu verbinden ist mit dem Spass, auf der Bühne zu stehen?
Nein, ich darf ja an beiden Orten viel reden. Nur bei der Sprache muss ich etwas aufpassen. Ich finde es ganz schlimm, wenn so aufgeweckte junge Leute an der Uni plötzlich so komisch steif reden.

Arbeiten Sie neben dem Studium?
Ich mach halt das Slam-Zeugs. In der Schweiz kann man recht gut vom Schreiben leben.

Wie oft treten Sie denn auf?
Im Schnitt schon jede Woche.

Das ist viel. Haben Sie nie einfach keine Lust?
Doch, aber dann muss man halt trotzdem auf die Bühne. Das ist wie ein Job.

Ich habe Ihnen so viele Fragen gestellt, die man mit der Formulierung «Sie als schwarze Frau …» hätte einleiten können. Haben Sie Lust, dieses Spiel für die letzte Frage umzukehren?
O ja! Sind Sie sich im Alltag bewusst, dass Sie eine weisse Frau sind?

Ja, aber nur im Positiven, muss ich gestehen. Ich werde nie willkürlich von Polizisten kontrolliert, und wenn ich mit dem Fahrrad bei Rot fahre, interessiert das niemanden.
Das ist aber vielleicht einfach der Frauenbonus. Den habe ich schon auch genutzt. Zum Beispiel wenn der Kontrolleur kommt und ich nicht «weiss», dass ich einen Zuschlag hätte lösen müssen. Solche Sachen kann man als Junge mit Cap und Baggyhose nicht bringen.

Fatima Moumouni (22) sammelt Socken. 
Beim Interview trug sie ihr Lieblingsmodell 
mit Löwenmotiv.

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