Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Verhaltene Verstörung

Von Timo Posselt

Es ist eine zermürbende Krankheit: chronisches Erschöpfungssyndrom. Neben der steten Müdigkeit hat man Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, und selbst der Schlaf ist nicht erholsam. Sieben Jahre lang litt Stuart Murdoch, der Leadsänger von Belle and Sebastian, daran. Die Einsamkeit und Antriebslosigkeit, die durch die Krankheit verursacht werden, besingt er im ersten Song des neuen Albums «Girls in Peacetime Want to Dance» – es ist sein bisher persönlichster. Dabei klingt «Nobody’s Empire» wie ein tänzelnder Mitsummhit, die Verstörung stellt sich erst nach wiederholtem Hören ein.

Es ist einer der wenigen bleibenden Eindrücke von diesem Album. In den Songtexten gelingen weitere, musikalisch hingegen bleibt es eher mittelmässig. Die Band, die sich einst als Produkt eines «verkackten Kapitalismus» bezeichnete, rennt seit einigen Jahren ihrer eigenen Definition von Pop nach. Das mag als Entwicklung berechtigt sein, doch haben sie dies auf «Dear Catastrophe Waitress» (2003) und «The Life Pursuit» (2006) schon besser getan. Ihre grösste Kraft aber lag in der Ruhe ihrer frühen Meisterwerke von «Tigermilk» (1996) bis «The Boy with the Arab Strap» (1998). Fast zwei Jahrzehnte lang komponierten sie so den Soundtrack für die Tagträume der belesenen Indie-Jugend.

Literarische Anspielungen finden sich auch auf dem neunten Album – zum Beispiel in «Enter Sylvia Plath». Schlicht unerträglich jedoch: Der Song klingt wie stampfender Eurotrash. Für die Elektronik ist wohl der Produzent Ben H. Allen verantwortlich, der auch schon das schwer zugängliche letzte Album von Animal Collective abmischte. Mit «The Cat with the Cream» und «Ever Had a Little Faith» finden sich unter den zwölf Songs immerhin zwei typisch entwaffnende Belle-and-Sebastian-Balladen. Es ist also nicht so, dass es der genesene Stuart Murdoch verlernt hätte – auch auf «Girls in Peacetime Want to Dance» zeigt er, dass er ein grossartiger Songschreiber ist. Nur scheint er sich hier unnötig zu verrenken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch