Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Der Meister der beängstigenden Unlust

Er ist eine der schillerndsten Randgestalten der Filmgeschichte: Max Castle, der fast vergessene Doyen des Bösen im Kino. Eine Spurensuche im Herz der Finsternis.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Das Kino ist ein verdammt steriler Ort geworden. Man muss sich nur in unseren Multiplexhäusern mit ihren gebohnerten Böden und ihren keimfreien Interieurs umsehen, um zu merken: Der Film, einst geboren aus dem Zwielicht der Jahrmärkte, hat seinen Ruch als unsittliches Vergnügen längst abgestreift. Nur dann und wann zuckt noch eine Ahnung seiner alten verderblichen Kraft über die Leinwand.

«Je stärker das Böse, umso stärker der Film.» Diese alte Maxime von Alfred Hitchcock klingt heute wie ein Echo aus einer versunkenen Epoche. Denn das Böse ist längst aus dem Kino abgewandert: in die Welt der Videospiele, ins Internet. Dort wuchert und gärt heutzutage die verführerische Unmoral, die unsere Kinder vergiftet. Das Kino dagegen: ein Ort der Harmlosigkeit.

Wenn wir das Kino vor der Bedeutungslosigkeit retten wollen, müssen wir es wieder gefährlicher machen, und da hilft es vielleicht, an einen fast vergessenen Meister des Unheimlichen zu erinnern, neben dem sich die abgründigsten Fantasien eines Hitchcock wie Kinderzeugs ausnehmen. Sein Name: Max Castle. Der gebürtige Deutsche war ein Fürst der Finsternis, der stets auf der Kehrseite der Traumfabrik operierte – und damit zum bis heute verkannten Übervater von Regisseuren wie Lars von Trier oder David Lynch wurde. Wenn Letzterer etwa im ersten Teil von «Lost Highway» (1997) diese diffuse Atmosphäre der Angst erzeugt, so greift er damit unverkennbar auf Max Castle zurück, der schon in seinem Frühwerk «Judas Jedermann» (1925) zu einer ähnlich klaustrophobischen Bildsprache gefunden hat.

Lust und Hypnose

Geboren wird er 1899 als Max von Kastell, erste Erfahrungen beim Film sammelt er auf dem Set von «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1919) als Assistent von Regisseur Robert Wiene. Schon im Jahr darauf wird er bei der Universum Film AG (Ufa) zum Regisseur befördert. Kastell ist erst zwanzig Jahre jung, als er mit «Die träumenden Augen» debütiert, einem expressionistischen Schauerstück um Lust und Hypnose. In den folgenden Jahren beliefert er das Ufa-Studio mit Fliessbandware aus dem Repertoire der deutschen Schauerromantik: Vampire, Monster, Werwölfe, das ganze Arsenal des Schreckens. Reine Gebrauchswerke waren das, schnell gedreht und zum raschen Verzehr bestimmt. Kaum ein Film aus jener frühen Schaffensphase ist erhalten, manche gelten als verschollen.

Drei Jahre nach seinem Debüt befreit sich Kastell aus dem Reservat des billigen Horrors. Er dreht einen Film über den Ketzer Simon Magus, prominent besetzt mit Emil Jannings und dem jungen Peter Lorre. Für einen regelrechten Skandal sorgt aber der kurze Auftritt einer jungen Frau, die unter Hypnose einen «unerträglich obszönen» Tanz aufführt, wie ein Kritiker damals notiert. Die Tänzerin ist Louise Brooks in ihrer allerersten Filmrolle, etliche Jahre bevor sie in «Die Büchse der Pandora» (1929) zum Star werden sollte. Die Entrüstung über «Simon Magus» ist so heftig, dass der Film schon bald nach der Premiere aus den Kinos verbannt wird.

1925 setzt sich Kastell nach Hollywood ab, wo er sich fortan Max Castle nennt, und wird bei den MGM Studios unter Vertrag genommen. In Rom und Jerusalem dreht er «The Martyr», ein weiteres christliches Epos, mit Louise Brooks in der Rolle der Maria Magdalena, doch erste Anzeichen von Grössenwahn werden dem jungen Aufsteiger zum Verhängnis: Sein Director’s Cut ist elf Stunden lang, Studioboss Louis B. Mayer verlangt eine Fassung, die höchstens halb so lang ist.

Als Castle sich weigert, den Film zu kürzen, lässt Mayer das Monumentalwerk auf immer noch monumentale vier Stunden zusammenschneiden. Castle droht mit einer Klage, derweil sich sein Film auch in der gekürzten Version als kommerzielles Desaster erweist: Nur eine Woche nach der Premiere wird «The Martyr» wieder abgesetzt. Die Hollywoodkarriere des einstigen Wunderkinds ist beendet, bevor sie richtig begonnen hat.

Judas im Untergrund

Castle steht wieder dort, wo er angefangen hat. Er schlägt sich als Auftragsregisseur durch und dreht schäbigen Horror am Laufmeter, Filme wie «Isle of Terror» (1934) oder «Revenge of the Zombie» (1937). Doch im Verdeckten treibt Castle seine Experimente weiter. Kino ist bei ihm immer ein Labor der Wahrnehmungspsychologie. So perfektioniert er das Spiel mit flackerndem Licht, um die verstörende Wirkung seiner Filme zu steigern. Und er entwickelt das Sallyrand, ein optisches Gerät, das gewissermassen wie eine metaphysische 3D-Brille funktioniert. Castle hat seine Erfindung nicht zufällig nach der US-Stripperin Sally Rand (1904–1979) benannt: Das Sallyrand wirkt als Verzerrungsfilter, um verdeckte Schichten eines Films sichtbar zu machen, also die Bilder sozusagen zu entblössen.

In seinen Filmen legt er es derweil mit einer schier dämonischen Inbrunst darauf an, die zersetzende Kraft des Kinos auf die Spitze zu treiben. Man bekommt das schon in seinem Frühwerk zu spüren, wenn man sich etwa den widerstreitenden Reizen von «Judas Jedermann» aussetzt, dem lange verschollenen Schlüsselwerk aus seiner ersten Schaffensphase. Castle versetzt hier den biblischen Judas ins Berlin der wilden Zwanziger und zeigt ihn als Verräter im revolutionären Untergrund. Es ist ein Film zwischen Wahn und Wirklichkeit, ein Fiebertrip ins Bewusstsein eines Mannes, der an seinen Schuldgefühlen zugrunde geht – und dessen schlechtes Gewissen wie ein böser Geist auf das Publikum übergreift.

Die perverse Potenz des Kinos

Das erklärt auch, weshalb Castle in Hollywood stets eine Randfigur geblieben ist. Seine stärksten Filme schenken uns nicht die gefahrlosen Sensationen des Horrors, sondern sie erzeugen eine beängstigende, profunde Unlust, die sich so leicht nicht abschütteln lässt, weil sie sich gleichsam in unserem Nervensystem einnistet. Diese Filme verführen nicht zum Konsum, sondern machen uns immun dagegen, und genau das macht sie zur unmittelbaren Bedrohung für die Unterhaltungsindustrie: Bei Max Castle wendet sich die verderbliche Macht des Mediums gegen das Kino selbst, darin besteht die perverse Potenz seiner Filme. Wer sich «Jesus Jedermann» anschaut, erlebt eine obszöne Katharsis. Danach fühlt man sich, als wäre man mit Scheisse gereinigt worden.

In der einzigen Studie über Max Castle und sein Werk hat der US-Filmhistoriker Jonathan Gates auch schon über eine Verbindung zu einer urchristlichen Sekte spekuliert – aber das gehört vermutlich ins Reich der Verschwörungstheorien. Die Finsternis, die der Regisseur in seinen Filmen zelebrierte, hat ihn schliesslich selbst aufgesogen: Castle stirbt angeblich 1943 als Passagier eines französischen Frachtschiffs, das von den Nazis bombardiert wird. Laut dem kurzen Nachruf, der damals in der Branchenzeitschrift «Variety» erscheint, war er auf dem Weg in die Schweiz.

Der Autor hat leider noch nie einen Film von Max Castle gesehen, weil es diese Filme gar nicht gibt. Castle ist eine Erfindung des US-Schriftstellers Theodore Roszak, der 
in seinem Kultroman «Flicker» (1991) einen cinephilen Thriller um diesen fiktiven Regisseur entworfen hat. Auf Deutsch ist der Roman unter dem Titel «Schattenlichter» bei Heyne erschienen, aber momentan leider vergriffen.

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