Nr. 15/2015 vom 09.04.2015

Der sizilianische Odysseus

Ein gewaltiges Nachglimmen der literarischen Moderne: Vierzig Jahre nach dem italienischen Original ist Stefano D’Arrigos monumentaler Seemannsroman «Horcynus Orca» endlich auf Deutsch erschienen. Ein Ereignis.

Von Lennart Laberenz

Es ist eine Sensation, und sie beginnt so: «Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ’Ndrja Cambria, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.»

Vier Tage und doch das Kaleidoskop eines ganzen Lebens: «Horcynus Orca» von Stefano D’Arrigo ist ein gewaltiges Nachglimmen der vergangenen Epoche der literarischen Moderne. Ein Werk, das sich neben Herman Melvilles «Moby Dick», dem «Ulysses» von James Joyce oder Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften» einordnet. Exakt vierzig Jahre nach Veröffentlichung des italienischen Originals ist der Roman jetzt endlich auf Deutsch erschienen und damit überhaupt erstmals aus dem Italienischen übersetzt worden.

Die Sprache als Ereignis

In der Sprache von D’Arrigo wird die Welt des Oberbootsmanns ’Ndrja Cambria flüssig. Brillant ist auch die Nachdichtung des Übersetzers Moshe Kahn, der gemeinsam mit Verleger Egon Ammann zwölf Jahre daran arbeitete. Meergleich rollen Erzählung und Erzählsprache zwischen Skylla und Charybdis, zwischen Sizilien und Kalabrien, gurgeln Erinnerungen und Episoden aus der Vergangenheit hervor, schwemmen Mythen der Meerenge an, umspülen plastisch die Armut und die Gewalt des Kriegs, die Sonnenhitze, den Schirokko. Es wogen heran: seltsame Figuren, versprengte Soldaten, Strandläufer, Frauengestalten, die oft zwischen realen Figuren und mythischen Wesen oszillieren. Auf Tage und Wochen löst sich die Realität des Lesers auf, der mit D’Arrigo und Cambria auf Reisen geht.

Denn Stefano D’Arrigos Sprache allein ist ein Ereignis: Im Jahr 1919 in Messina geboren, wollte er den Klang seiner Kindheit wiederaufleben lassen, und so ist sein Sizilianisch durchsetzt von rund 2000 Neologismen. Gleichzeitig changiert es ins kultivierte Italienisch: ein Pastiche, eine Hypersprache, selbst für viele ItalienerInnen schwer zugänglich.

Und spektakulär ist auch die Entstehungsgeschichte: 1960 veröffentlichte D’Arrigo hundert Seiten aus einem ersten Konvolut in der Literaturzeitschrift «Il Menabò», 600 Seiten druckte Italiens renommiertester Verlag Mondadori, wobei die Druckfahnen, verbunden mit einem monatlichen Salär, zur Korrektur an D’Arrigo zurückgeschickt wurden. Die Korrektur dauerte vierzehn Jahre, die D’Arrigo grösstenteils unter Wäscheleinen verbrachte – er hatte sie durch sein Arbeitszimmer gespannt und daran die einzelnen Druckfahnen aufgereiht. Untenan klebte er seitenweise Ausführungen, daneben immer wieder Einschübe, ein ganzer zweiter Teil wuchs heran.

Als der Roman 1975 schliesslich erschien, hatte Stefano D’Arrigo zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. Aus der Sensation der italienischen Nachkriegsliteratur, einem Werk, das sich lange wie ein Gerücht gehalten hatte, war ein schwer zugängliches, eigentlich unübersetzbares Epos geworden – dabei hatte sich weltweit längst der literarische Minimalismus durchgesetzt, in Frankreich zweifelte man grundsätzlich an der Romanform. D’Arrigo, heisst es, sei dagegen noch bei der Veröffentlichung mit dem poetischen Sizilianisch unzufrieden gewesen, es kam ihm verbesserungswürdig vor. Kurz vor seinem Tod 1992 wollte er noch einmal ein vergleichbares Epos beginnen.

«Das Dingding des Glöckchens»

In der deutschen Druckfassung umfasst der Roman knapp 1500 eng bedruckte Seiten. Drei Teile mit zusammen fünfzig einzelnen Episoden, dem «Don Quichotte» von Miguel de Cervantes nicht unähnlich. Ein Werk, das sich der Zusammenfassung verwehrt. Versuchen wir es so: Zunächst ein Fussmarsch auf der kalabrischen Seite bis zum Landstrich der Feminoten. Dann, im Kern des Romans, das Streifen des Protagonisten durch eine vom Krieg aufgelöste Realität: Region und BewohnerInnen sind zerfetzt, verarmt und verroht. Die Fetzen des alten Lebens begegnen uns immer auch als Sprache, als Analogie und Rhythmus.

Bereits in Kalabrien begegnet ’Ndria Cambria auch der Fere, dem wilden, ungezähmten Biest, und den Delfinen in der Meerenge, hinterlistigen Gestalten, die für die Pellisquadre, wie die Handarbeiter der Meere genannt werden, grausam, tückisch, netzzerreissend und obendrein kaum geniessbar sind: In schlimmen Zeiten, in denen der «Mangel im Meer» die Fischer zur Verzweiflung treibt, lachen und spotten sie und können allenfalls mit Starkessig zu Dörrfleisch verarbeitet werden.

Schliesslich schafft es ’Ndrja Cambria entgegen allen Vorhersagen nach Sizilien, nächtens herübergeschifft von einer mythischen Frau, Zauberin, Hure, Schmugglerin, Händlerin, Geistbeschwörerin, deren im Zopf verflochtene Glocke noch lange nachklingt, auch wenn sie längst in der dunklen Nacht und übers Meer verschwunden ist: «Ihm war, als würde er über ganze Meilen hinweg die Feren hören und das Meer unter ihnen, immer feiner und dunkler, immer verschwommener in der Stille der Nacht. Dann hörte er über der Stille nur das Dingding des Glöckchens, diesen Ton des Fingernagels über den Rand eines Glases; und er hörte es noch einmal, als dieses Glas sich mit Wasser zu füllen schien, als müsste es alles Wasser des Meeres in sich fassen.» Das Klingeln – vielleicht ist es die Warnglocke der Differenz, die sinnliche Erinnerung, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Der Reigen der Delfine

Im zweiten Romanteil trifft ’Ndrja den Vater auf Sizilien, «fand ihn dort, wo er ihn verlassen hatte, als wäre er nur eben zwei oder drei Minuten fort gewesen, nicht drei Jahre, immer noch an der gleichen Stelle, alt geworden …» Das Leben ist allerdings zu einer vielgestaltigen Katastrophenvision geronnen, nicht nur sind alle Fährboote versunken, sondern auch das Leben der Pellisquadre: ’Ndrja findet unter ihnen nichts als Hunger und Angst. Die Pellisquadre halten sich an die poetischen Mythen, fischen dagegen ganz handfest mit Handgranaten. Am Ufer säbeln Frauen an den verwesenden Gerippen der Feren herum – der Krieg hat auch das Ethos zerstört. ’Ndrja findet im Schilf der Insel ein Totenbild – Flaksoldaten sitzen um ein zerschossenes Festmahl eines Ferenkopfs, ein Anblick, den ’Ndrja als Metapher für die InselbewohnerInnen entschlüsselt: «Der Sinn, ihr Sinn war, dass sie, wenn sie in diesem Tempo so weitermachten, in jeder Familie von Charybdis am Ende mit dem Tod in der Mitte des Tisches tafelten, dem Tod in Gestalt der Fere.»

Der Tod und die Fere sind keine Gegenbilder, Tod und Leiden sind, wie der Übersetzer Moshe Kahn feststellt, «der Grund- und Orgelton» der Sinfonie des «Horcynus Orca». Und der Reigen der Delfine selbst ist – wie auch der Mensch selbst – ihre Verkörperung.

Und wenn ’Ndrja schliesslich dem Orca gegenübersteht, eine Predigt an Ungeheuer und Meer hält, zeichnet sich ab, was im letzten Teil des Romans eintritt: sein eigener Tod auf dem Meer, bei dem er wirkt, als wolle er «seine Stirn freiwillig der Kugel darbieten». Damit ist auch die Suche nach der alten Welt abgeschlossen – ein Schlusspunkt unter das düstere Epos.

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