Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Auf Irrfahrt durchs Patriarchat

Der grosse Odysseus als blosse Randerscheinung? Gleich drei zeitgenössische Autorinnen drehen das einflussreichste Epos aller Zeiten mit weiblichen Hauptfiguren in eine neue Richtung.

Von Martina Süess

Endlich aus den Klauen der PhilologInnen befreit: «Circe» (1889) des britischen Malers Wright Barker. Foto: Bridgeman Images

Mit einem verstörenden Bild schliesst Rachel Cusk ihre Trilogie einer «weiblichen Odyssee durchs 21. Jahrhundert» im Roman «Kudos» ab: Nachdem die Protagonistin über drei Romane hinweg den Erzählungen anderer zugehört hat, geht sie an einem griechischen Strand schwimmen. Als sie sich in den Wellen der Ägäis erfrischt, taucht ein grosser, bärtiger Mann auf, stellt sich «prachtvoll, wie eine Gottheit» ans Wasser, packt sein Geschlechtsteil aus und uriniert ins Meer. «Der Mann sah mich an, in seinen schwarzen Augen lag boshaftes Entzücken und die goldene Fontäne ergoss sich unaufhörlich, als würde sie niemals versiegen.»

Man kann dieses Bild kühn als Kommentar zu den Geschlechterverhältnissen der Gegenwart lesen, aber auch als Antwort auf die Frage: Was wäre die Odyssee für eine Geschichte, wenn sie von einer Frau erzählt würde? Vermutlich müsste sich die Heldin dann nicht gegen mythische Kräfte und Verführungen behaupten, sondern gegen männliche Demütigung und patriarchale Unterdrückung.

Krieg und Vergewaltigung

In Cusks Trilogie wird dieser kritische Bezug zur Odyssee mehr angedeutet als ausbuchstabiert. Nun sind zwei Romane erschienen, die sich ganz explizit damit auseinandersetzen, wie die Odyssee aus weiblicher Perspektive neu erzählt werden kann. Sie beweisen, dass das Potenzial des antiken Epos noch lange nicht ausgeschöpft ist. In «O.» erzählt Sabine Scholl am Leitfaden ihrer Heldin eine Geschichte von Flucht und Vertreibung im 21. Jahrhundert. In «Ich bin Circe» lässt die Bestsellerautorin Madeline Miller eine Figur zu Wort kommen, die seit Homer als Inbegriff weiblicher Verführungskunst und Gefahr gilt: die Zauberin, die Männer «bezirzt», um sie in Schweine zu verwandeln.

Beide Romane nutzen den Mythos, um jene Stimmen hörbar zu machen, die gewöhnlich marginalisiert oder unterdrückt werden. Sie greifen damit ein Grundmotiv von Homers Odyssee auf. Sein Odysseus ist nämlich nicht nur die Urfigur des modernen Helden, der unfreiwillig umherirrt und schliesslich trotz aller Gefahren und Verluste zu seiner Familie und seinem Königreich zurückkehrt. Odysseus ist gleichzeitig auch die Urfigur des Erzählers. Homer rollt das Epos vom Ende her auf, kurz bevor der Held heimkehrt. Auf der letzten Station seines Abenteuers, auf der Insel der Phäaken, berichtet Odysseus von den Schrecken und Gefahren, denen er entkommen ist. Das Erzählen wird zur Überlebensstrategie: Odysseus bewältigt die traumatischen Erfahrungen und macht sie für andere erfahrbar. Durch das Erzählen distanziert er sich von den Schrecken des Meeres und findet zurück zu den Menschen.

Dieser Aspekt steht bei Scholl im Vordergrund. Ihre Odyssee beginnt auf einer Insel, die an Griechenland erinnert: Ferienort für die einen, Zwischenstation auf der Flucht für die anderen. Auf der Suche nach sich selbst trifft die Musikerin O. zufällig auf Calypos, jene Verführerin, die bei Homer Calypso heisst und auf deren Insel Odysseus acht Jahre verbringt. Auch O. lässt sich von Calypos verführen. Doch die Begegnung mit Frauen auf der Flucht weckt in ihr das Bedürfnis, weiterzuziehen. Sie baut ein Boot und reist mit den «Gefährtinnen» um die Welt, auf der Suche nach dem «erhofften Land».

Die Irrfahrt bietet einen erzählerischen Rahmen für die Geschichten der Nebenfiguren. Sie erzählen von Flucht, Krieg, Vertreibung, Vergewaltigung, Naturkatastrophen und von der Hoffnung auf Heimat. Diese Einsprengsel sind inspiriert von Erfahrungsberichten von Betroffenen, aus der Presse und aus wissenschaftlichen Studien. Scholl verwebt diese Zeugnisse realer Fluchterfahrungen nahtlos mit den mythologischen Referenzen und schafft so eine Polyfonie weiblicher Stimmen.

Die vertane Chance nagt

In fantasievollen Bildern verbindet Scholl die mythologischen Figuren und Motive mit der Gegenwart. Circe, die in der Mythologie auch für ihre Webkunst bekannt ist, besitzt hier eine Teppichfabrik. Allerdings nur zur Tarnung: Nachdem Circe die Frauen in der Fabrik ausgebeutet hat, macht sie aus ihnen Prostituierte. Grauenerregend ist auch die Unterwelt aus Röhren und Schläuchen, durch die Blut gepumpt wird. Und auch dort hört O. Geschichten: Tyro und Antiope wurden von Zeus vergewaltigt, die mächtige Göttin Cybele wurde verbannt und vergessen, und unzählige Künstlerinnen warten auf die Anerkennung ihrer Werke. Eine Frau namens Alma erklärt: «Ich wurde zur Muse und Assistentin mehrerer Genies. Und jetzt nagt die vertane Chance. Die Rache der Götter lautet, dass meine Füsse mit jedem Schritt wie Hölle schmerzen. Und ich werde nicht erlöst, so lange man nicht auf Erden meine Oper inszeniert, die ich schrieb, bevor ich meinen ersten Mann verführte.» Unerlöst ist aber auch der Kriegsheld Achill, weil er nicht erzählen darf, «was wirklich geschah in den Kriegen».

Wer darf erzählen, was wirklich geschah? Wessen Erfahrungen werden zum Massstab für die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Leids? Welche Geschichten bestimmen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein? Diese Leitfragen der Odyssee erfahren bei Scholl eine neue Wendung. Das ist aktuell, spannend und unglaublich vielschichtig komponiert.

Weniger raffiniert, aber von ähnlichen Motiven geleitet ist Millers «Ich bin Circe». Der Roman ist eine Mischung aus Aschenputtel, Harry Potter und Michael Köhlmeiers «Sagenbuch»: trivial in der Anlage, aber versiert im Umgang mit Mythen. Als Nymphe steht Circe ganz unten in der Hierarchie der Götter. Da sie nach göttlichem Massstab hässlich ist, taugt sie nicht einmal als Tauschobjekt. Als Verbannte auf der Insel Aiaia entdeckt sie ihre Zauberkraft und besiegt das Böse auf ihre Weise.

Die Begegnung mit Odysseus wird zum Wendepunkt in ihrem Leben. Anders als die anderen Männer versucht er nicht, sie zu vergewaltigen, sondern verführt sie mit Worten – und schwängert sie. Die Irrfahrten des Helden werden zur Episode in einer viel grösseren Erzählung. Der Roman erinnert daran, dass die Geschichte des Odysseus nicht mit der glücklichen Heimkehr endet. Es folgen: ein Massaker, der Tod des Odysseus durch Circes Sohn, die Rache des Telemachos: ein Kreislauf von Gewalt, dem Millers Circe ein Ende setzt. Gemeinsam mit Penelope – Odysseus’ Witwe – und deren Sohn Telemachos sucht Circe nach anderen Möglichkeiten des Zusammenlebens. Sie widersetzen sich den Lockrufen der Götter und verzichten auf Ruhm und Ehre, aber auch auf Unsterblichkeit.

Doch Circe lässt sich nicht beirren: «Ich wollte weiterkommen in meinem Leben, und jetzt bin ich hier, am Ziel. Ich habe die Stimme einer Sterblichen, nun will ich auch den ganzen Rest.» Das ist kitschig und literarisch wenig anspruchsvoll. Aber der Roman zeigt auf faszinierende Weise, was «Arbeit am Mythos» bedeuten kann. Indem Miller aus vielen Quellen schöpft, befreit sie Circe aus den Klauen der Homer-PhilologInnen und macht aus dem «Mythos der Weiblichkeit» eine weibliche Protagonistin mit einer eigenen Geschichte.

«O.» und «Ich bin Circe» beschreiben eine Ordnung, die an ihr Ende gekommen ist. Indem sie die Odyssee neu und aus weiblicher Sicht erzählen, entwerfen sie Visionen einer Gegenwart, in der die phallischen Götter ausgedient haben und ihre goldenen Fontänen der Verachtung sich ins Leere ergiessen.

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