Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Wandelbare Al-Schabab

Nairobi läuft nach dem jüngsten Anschlag von al-Schabab schon fast wieder im Normalbetrieb. Doch die Terrormiliz hat offenbar ihre Strategie geändert. Das ist alles andere als beruhigend.

Von Markus Spörndli, Nairobi

Kenia gilt als eines der Länder der Welt, die besonders stark vom internationalen Terrorismus betroffen sind. Ähnlich wie etwa in Israel hat sich die Bevölkerung hier längst an ein Sicherheitsregime gewöhnt, unter dem man immer wieder auf verdächtige Gegenstände durchsucht wird, sobald man sich einem Gebäude oder Gelände nähert, das als mögliches Angriffsziel gilt.

Trotzdem waren die allermeisten KenianerInnen vom jüngsten Anschlag überrascht. Bei einem Angriff der somalischen Terrororganisation al-Schabab kamen letzte Woche in Nairobi mindestens 21 Menschen ums Leben. Es hätten leicht viel mehr sein können; immerhin gelang über 700 Menschen die Flucht vom Gelände, auf dem sich neben einem gehobenen Hotel und Restaurants auch Geschäftsgebäude befinden. Das Areal im Westen der Hauptstadt ist aus Sicherheitsgründen komplett umzäunt und weist nur einen einzigen offiziellen Eingang auf.

Lange Terrorpause

Unerwartet kam der jüngste Anschlag vor allem deshalb, weil das ostafrikanische Land und vor allem dessen kosmopolitische Metropole Nairobi jahrelang von grösseren Terrorattacken verschont geblieben waren. Das war besonders in den Jahren 2012 und 2013 noch ganz anders: Kurz davor waren kenianische Streitkräfte – auf Einladung der somalischen Armee – gerade im nordöstlichen Nachbarland einmarschiert, um in der Grenzregion al-Schabab zu bekämpfen. Die Dschihadisten reagierten sofort und überzogen Kenia mit einer Terrorwelle. Es verging kaum eine Woche, in der nicht irgendwo im Land mehrere Menschen bei Anschlägen ihr Leben verloren.

Der bisher schlimmste Anschlag in Nairobi, die Attacke auf die Westgate Mall im September 2013, die 67 Tote und sehr viele Verletzte forderte, war noch Teil dieser Terrorwelle. Kurz darauf beruhigte sich die Lage, der Angriff auf die Garissa-Universität im Nordosten Kenias vom April 2015 war dann schon eine Art Ausreisser – wenn auch, mit 148 Toten, ein Ausreisser von extremem Ausmass. Bei beiden Anschlägen sahen die kenianischen Sicherheitskräfte schlecht aus: Ihre Reaktion war langsam und unkoordiniert, bei der Westgate Mall beschossen sich verschiedene Einheiten sogar gegenseitig.

Vergleichbare Vorwürfe waren nach dem aktuellen Anschlag bisher nicht zu vernehmen. Seit der Anschlagswelle vor über sechs Jahren begann sich die staatliche Terrorbekämpfung zu professionalisieren. Nach Regierungsangaben wurden etliche Anschlagversuche vereitelt. Antiterroreinheiten schossen allerdings auch deutlich übers Ziel hinaus: Sie zwangen vier Moscheen zur Schliessung, sie gingen brutal gegen angeblich extremistische muslimische Religionsführer vor und sollen einzelne von ihnen gar ermordet haben. Generell nahm die staatliche Gewalt gegenüber MuslimInnen und besonders gegenüber Somalis in Kenia zu.

Früchte der Repression

Diese Repression mag kurzfristig gewirkt haben – doch gleichzeitig entfremdete sich die Minderheit, die wirtschaftlich und politisch bereits länger diskriminiert war, noch stärker vom kenianischen Staat. Die Führung von al-Schabab, die wegen der internationalen, von der Afrikanischen Union geleiteten Militäroperation in Somalia immer mehr unter Druck geriet, machte sich zunehmend daran, ihre Attentäter innerhalb der muslimischen Minderheit in Kenia zu rekrutieren. So beschrieb es eine Analyse der International Crisis Group vom vergangenen September.

Und das scheint sich mit dem jüngsten Anschlag zu bestätigen. Anders als bei früheren Anschlägen waren diesmal sämtliche Angreifer kenianische Staatsbürger. Der Hauptverantwortliche war gar der Sohn eines Militäroffiziers und lebte in einer mittelständischen Gated Community am Rand Nairobis. Eine Schläferzelle so weit weg von der somalischen Grenze, das schien bisher kaum vorstellbar. Die Terrorgefahr kommt zunehmend von innen.

Neben einer fünfköpfigen bewaffneten Truppe kam diesmal erstmals in Kenia auch ein Selbstmordattentäter zum Einsatz. Dieser soll in der Küstenmetropole Mombasa rekrutiert und dann in Somalia während fünf Jahren auf seinen Einsatz in Nairobi vorbereitet worden sein. Es ist zu befürchten, dass er nur eines von vielen Mitgliedern einer Al-Schabab-Zelle war, die sich derzeit auf Selbstmordanschläge spezialisiert. Beides – der Einsatz von Selbstmordattentätern und von kenianischen Staatsbürgern – deutet auf eine bedrohliche Strategieänderung der Al-Schabab-Führung hin. Nachhaltig kann ihr in Kenia nur begegnet werden, indem die muslimische Minderheit nicht noch weiter bedrängt – sondern im Gegenteil ermächtigt wird.

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