Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Blaubart 2.0

Von Florian KellerMail an Autor:in

Die Frau ist mehr als nackt. An manchen Stellen können wir wie mit einem Röntgenblick in sie hineinschauen, aber dort, wo ihre Wirbelsäule, Eingeweide und Armknochen sein sollten, sehen wir nur: Drähte, Kabel, Leuchtdioden. Die Frau heisst Ava, und sie ist ein Roboter.

Ihr Erfinder ist der Internetmilliardär Nathan (Oscar Isaac), der sich in einem lauschigen Luxusbunker fernab der Zivilisation ein Labor errichtet hat. Jetzt hat er einen Nerd aus den Niederungen seines Konzerns auserkoren, um die Roboterfrau (Alicia Vikander) einem Turing-Test zu unterziehen. Der Informatiker (Domhnall Gleeson) soll prüfen, ob Ava so gut programmiert ist, dass sie menschliches Bewusstsein zeigt. Und Nathan hat ihr Innenleben extra nicht am ganzen Leib lebensecht verpackt: Der wahre Test ist ja, ob du die Frau selbst dann für einen echten Menschen hältst, wenn du siehst, dass sie nur eine Maschine ist. Wobei natürlich bald nicht mehr so klar ist, wer hier getestet wird und worauf.

Der Mann als Schöpfer von eigenen Gnaden, die Frau als seine Erfindung, die er einem anderen Mann zum Test anvertraut: Da sind wir im Sumpf der ältesten Männerfantasien. Dieser Nathan ist ein digitaler Erbe des Pygmalion, er ist der Frankenstein der Generation Google, und in einer besonders gespenstischen Szene zeigt sich: Blaubart 2.0 ist er auch. Oscar Isaac («Inside Llewyn Davis») spielt den verrückten Wissenschaftler als kumpelhaften Obermacker, der sich beim Bier mit seinem Untergebenen über die Vorzüge seiner künstlichen Frau unterhält.

Den misogynen Bodensatz seines Stoffs bekommt der britische Schriftsteller und Drehbuchautor Alex Garland («The Beach») in seinem Debüt als Regisseur nicht ganz weg. Aber wie er die altbekannten Motive hier nicht einfach aufdatiert, sondern konsequent gegen den Strich bürstet, das ist ziemlich smart, und nur manchmal wirkt die Cleverness etwas penetrant. «Ex Machina» ist ein futuristisches Kammerspiel über Geschlechterstereotype, ein Thriller über männliche Allmachtsträume – und Garland führt diese so weit vor, bis sie sich gegen ihre Urheber wenden.

Ab 24. April 2015 im Kino.

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