Care-Arbeit : Worüber wir uns alles sorgen müssen

Nr. 18 -

Wer soll sich um die Alten, Kranken und Kinder kümmern? Die Soziologin Gabriele Winker stellt die Care-Arbeit in Beziehung zur Finanzmarktkrise und skizziert Ansätze einer Care-Revolution.

Seit Wochen streiken in Deutschland die Kitabeschäftigten. Sie kämpfen dafür, in höhere Lohngruppen eingeordnet zu werden, und damit auch für die Aufwertung ihres Berufs. Gleichzeitig hat der deutsche Finanzminister seinen lang anhaltenden Widerstand gegen einen höheren steuerlichen Freibetrag für Alleinerziehende aufgeben müssen.

Ob dies schon Spuren einer «Care-Revolution» sind, wie sie sich die in Hamburg lehrende Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker im gleichnamigen Buch wünscht? Als Signal können diese Phänomene durchaus gedeutet werden. Sorgearbeit, sei sie entlöhnt oder unentgeltlich geleistet, wird ein immer grösseres Problem in unseren Gesellschaften. Von Frauen wird erwartet, erwerbstätig zu sein und sich für den Arbeitsmarkt zu optimieren, gleichzeitig gelingt es nicht, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Pflege gesellschaftlich so zu organisieren, dass es Bedarfe deckt und Bedürfnisse erfüllt.

Im Unterschied zu vielen anderen GenderexpertInnen geht Winker von einer marxistischen Analyse aus. Sie grenzt Reproduktionsarbeit ab von Care. Unter Reproduktion fasst sie alle Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit, die notwendig sind, um die menschliche Arbeitskraft zu erhalten. Das schliesst auch die Selbstsorge – etwa lebenslanges Lernen und Musse – mit ein. Mit Care ist dagegen alle bezahlte und unbezahlte Arbeit gemeint, die benötigt wird, damit sich eine Person intellektuell, körperlich und emotional entwickelt und erhält. Care fokussiert also eher auf die menschlichen Beziehungen und weniger auf den ökonomischen Stellenwert, den Sorgearbeit im Rahmen des kapitalistischen Verwertungsprozesses hat.

Wie das alles vereinbaren?

Um die Kindererziehung zu gewährleisten, die Arbeitskraft gesund zu erhalten und die Alten zu pflegen, dominierte im Zeitalter des Fordismus – der Massenproduktion bis in die sechziger Jahre – das Ernährermodell samt Hausfrauenehe, das in Deutschland, worauf sich Winkers Studie beschränkt, im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft mit ausgebauten Sozialversicherungssystemen organisiert wurde. Das Modell erwies sich aber als relativ teuer und erodierte, als verstärkt Frauen für den Arbeitsmarkt rekrutiert wurden beziehungsweise in die Erwerbsarbeit drängten.

Seither sehen sie sich mit einem «Vereinbarkeitsproblem» konfrontiert: Frauen sollen als «Arbeitskraftunternehmerinnen» bereitstehen, aber gleichzeitig ihre Familien managen, wobei an Erziehung und Ausbildung von Kindern ebenfalls höhere Ansprüche gestellt werden. Teilweise werden diese Tätigkeiten in den professionalisierten Sektor ausgelagert: Erzieherinnen, Gesundheitsarbeiter und Pflegerinnen übernehmen einen Teil Sorgetätigkeiten, die, weil «weiblich» konnotiert und wenig profitträchtig, in der Regel schlecht bezahlt werden.

Doch die Ökonomisierung von häuslichen Dienstleistungen hat Grenzen: Zum einen sind sie viel weniger rationalisierbar und für die kapitalistische Verwertungskette deshalb uninteressant; zum anderen können es sich die meisten Familienhaushalte nicht leisten, diese Dienstleistungen auf dem Markt einzukaufen. Ausserdem stehen auch nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung und müssen aus dem Ausland herangeschafft werden. So sind es nach wie vor Frauen, die mit Zeitnot und Überlastung konfrontiert sind: als Mütter und/oder als unterbezahlte Care-Arbeiterinnen. Winker belegt dies für deutsche Zusammenhänge mit beeindruckendem empirischem Material.

Krisen, Krisen

Alle diese Befunde überraschen nicht wirklich. Spannend wird Winkers Buch dort, wo sie die Krise der Sorgearbeit als Folge der kapitalistischen Überakkumulationskrise interpretiert, also der Tatsache, dass das Kapital nicht genügend profitable Anlagemöglichkeiten findet. Auch bringt sie Finanzmarktkrise, Staatsverschuldung und Lohnentwicklung in Beziehung zum Kostensenkungsdruck für Sozialausgaben und zu den gleichzeitig steigenden Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft. Die Autorin geht hart mit linken Analysen ins Gericht, die sich nur mit «Banken, denen es schlecht geht, oder mit Märkten, die nervös reagieren» auseinandersetzen. «Auf diesem Weg bleibt die Krise sozialer Reproduktion unsichtbar, und die Menschen mit ihren Existenzsorgen und ihrem Zeitstress verschwinden.»

Aufgrund der von ihr skizzierten Zusammenhänge wäre es allerdings auch ein Irrweg zu glauben, man könne die entlöhnte Sorgearbeit einfach ausweiten und delegieren. Winker sieht in der Krise der Care-Arbeit vielmehr die Chance für eine Transformation. Es gelte, die Spaltung von Leistungsträgerinnen und Leistungsempfängern zu überwinden und den evidenten Gebrauchswert dieser Tätigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen. Sie listet einige (deutsche) Projekte auf, in denen sie den Beginn einer Care-Bewegung sieht.

Winkers grundsätzliche Lösungsansätze – Vernetzung, Zeitsouveränität (Arbeitszeitverkürzung), Existenzsicherung, Ausbau der sozialen Infrastruktur und die Installierung sogenannter Care-Räte – sind nicht alle neu, und sie sollen aus ihrer Sicht auch nur den Weg in eine solidarische Gesellschaft ebnen. «Revolutionäre Realpolitik» nennt sie das mit Rosa Luxemburg. Bei allen Redundanzen dieses Buchs, dem man ein Lektorat gegönnt hätte, ist dieser Ansatz erfrischend utopisch.

Gabriele Winker: Care-Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. transcript Verlag. Bielefeld 2015. 208 Seiten. 16 Franken