Nr. 10/2014 vom 06.03.2014

Mehr Arbeit, weniger Geld und noch weniger Zeit

Care-Arbeit ist elementar. Doch die Arbeitsbedingungen vieler Frauen im Gesundheits- und im Sozialbereich verschlechtern sich zunehmend. Zum diesjährigen Tag der Frau wird über konkrete Verbesserungen diskutiert und richtet sich der Blick aufs Ganze.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Statistiken sind geruchlos. In der Realität aber, die sich hinter dem auf Hochglanzpapier gedruckten Jahresbericht eines Heims für Schwerbehinderte versteckt, riecht es – zum Beispiel wenn beim Inkontinenzmaterial gespart wird.

Man könnte in Zeiten der Privatisierungen und der Sparpakete im Gesundheits- und Sozialwesen viele weitere herausgeputzte «Erfolgsrechnungen» anführen, hinter deren Zahlen sich prekäre Verhältnisse verstecken. Was dabei oft vergessen wird: Der zunehmende Druck in diesen Bereichen ist vor allem ein Angriff auf Frauen. Denn nach wie vor sind es vor allem Frauen, die Kinder oder Behinderte betreuen, in der Hauswirtschaft, Kranken- oder Altenpflege tätig sind. Dafür, dass sich ihre Stellung im Arbeitsmarkt nicht wirklich verbessert hat, obwohl sich ein Teil der unbezahlten Care-Arbeit in den bezahlten Sektor verschoben hat, sorgt eine unerbittliche Logik: Eine erwerbstätige Frau hat heute weniger Zeit für die unbezahlte Care-Arbeit als früher; es ist also nicht verwunderlich, wenn sie diese Arbeit bei einer anderen Frau einkauft – nach Möglichkeit zu einem tieferen Lohn als dem eigenen, bei einer Migrantin zum Beispiel. So nimmt die Spirale nach immer weiter unten ihren Lauf.

Fehlende Wertschätzung

Der Care-Bereich ist geprägt von einem Widerspruch: Einerseits werden heute viele Tätigkeiten, die früher gratis ausgeführt wurden, entlöhnt. Erst dadurch konnte sich ein professionelles Gesundheitswesen entwickeln. Zugleich hat der Kaufkraftverlust ab Mitte der siebziger Jahre dazu geführt, dass die meisten Familien nicht mehr mit nur einem Lohn über die Runden kommen – was wiederum dazu führt, dass viele Frauen zu miserablen Arbeitsbedingungen bezahlte Care-Arbeit leisten. In diesem System, in dem nur der Profit zählt, wird die unbezahlte private Reproduktionsarbeit, die traditionellerweise von Frauen geleistet wird, zwangsläufig entwertet – bei den bezahlten Care-Arbeiten wiederum wird gespart, wo es nur geht, da es sich um Tätigkeiten handelt, bei denen sich die Produktivität nicht steigern lässt.

Dass sich das Gesundheitswesen zu einem profitablen Wachstumsmarkt entwickelt hat, ist also nur dadurch zu erklären, dass auf der einen Seite in teure Spitzen- und Lifestylemedizin investiert und auf der anderen Seite beim Personal gespart wird. So werden in nicht produktiven Bereichen wie der Pflege Prozesse der Effizienzsteigerung eingeführt, wie man sie aus der Fliessbandarbeit kennt. Auch das hat seine kapitalistische Logik: Weil immer weniger Menschen in der Produktion und immer mehr Menschen im Dienstleistungssektor arbeiten und zugleich die Menschen immer vereinzelter, älter und damit auch pflegebedürftiger werden, lässt sich aus solchen Arbeiten nur Profit machen, wenn sie unter grossem Zeitdruck und/oder mit tiefen Löhnen verrichtet werden.

Die neue Hierarchisierung

Wie sich dieser Widerspruch in der konkreten Care-Arbeit auswirkt und was zu tun wäre, um aus dieser Negativspirale auszubrechen, war Thema eines Podiums, zu dem das Frauenbündnis Zürich (ein Bündnis aus linken Organisationen, Gruppen und einzelnen Frauen) unlängst ins Zürcher Volkshaus eingeladen hat. Unter dem Titel «Care-Arbeit kollektivieren – Kapitalismus entsorgen», zugleich das Motto für den Tag der Frau vom 8. März in Zürich, berichteten engagierte Fachfrauen – von der Medizinstudentin bis zur im Care-Bereich tätigen Migrantin – über diverse Arbeitskämpfe.

Über die Situation im zunehmend von privaten Anbietern durchsetzten Spitex-Bereich berichtete die Polin Bozena Domanska, die seit gut vier Jahren bei privaten Spitex-Unternehmen in der Schweiz arbeitet. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Domanska im vergangenen Jahr, als sie sich gegen die miserablen Bedingungen wehrte, unter denen sie zu einem Tiefstlohn 24 Stunden pro Tag zu arbeiten hatte (siehe WOZ Nr. 25 / 2013). Immerhin in diesem Bereich hat sich der Kampf für einige Spitex-Angestellte aus Polen auch dank der Unterstützung des Verbands des Personals Öffentliche Dienste (VPOD) gelohnt (inzwischen hat Domanska das Netzwerk respekt@vpod gegründet).

Iris Bischel, die als soziokulturelle Animatorin in einem Jugendhort in Zürich arbeitet, vermittelte eine Ahnung davon, wie auch im staatlichen Bereich auf dem Buckel der Arbeitenden gespart wird: In der Stadt Zürich, die seit 2009 per Volksentscheid verpflichtet ist, Plätze für alle Kinder zur Verfügung zu stellen, wird mit einer Verdoppelung der Nachfrage in den nächsten acht Jahren gerechnet. Der lang erkämpfte Ausbau der Kinderbetreuung wird nun aber auf Kosten der Betreuungsqualität und der Arbeitsbedingungen durchgesetzt. Das äussert sich zunächst darin, dass die internationale Empfehlung von mindestens vier Quadratmetern Fläche pro Kind teilweise auf zwei Quadratmeter halbiert wird (was aufgrund der schwindenden Erholungsmöglichkeiten für die Kinder wiederum zu zusätzlichen Aufgaben im privaten Care-Bereich führt). Das Hortpersonal wird zunehmend gehetzt, indem es an wechselnden Arbeitsorten und in verschiedenen Kindergruppen eingesetzt wird, derweil das Ausbildungsniveau der angehenden HortnerInnen gesenkt und die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert werden. Was umso skandalöser ist, als HortnerInnen ohnehin zunehmend Aufgaben übernehmen müssen, die Eltern und Schule nicht mehr leisten können – von der Aufgabenhilfe bis zur Gewaltprävention.

Das Beispiel zeigt, wie Methoden aus der Privatwirtschaft den öffentlichen Care-Bereich erfassen. Der Administrationsaufwand nimmt zu, die Zeit für die eigentliche Arbeit mit den Kindern nimmt ab, und zwischenmenschliche Prozesse werden in einzelne Handlungen zerstückelt. Damit verbunden ist auch eine Hierarchisierung: Es werden neue Leitungs-, Management- und Controllingfunktionen geschaffen und selbst in Bereichen wie dem Hortwesen, das überwiegend von Frauen getragen wird, vorwiegend mit Männern besetzt. Zugleich werden für die Betreuung der Kinder vermehrt tiefer entlöhnte Betreuerinnen eingesetzt, die das diplomierte Personal ergänzen oder gar ersetzen, da dieses mehr und mehr mit Organisations- oder Kontrollaufgaben beschäftigt ist. Auch hier: Die Negativspirale nimmt ihren Lauf.

Kollektiver Widerstand – aber wie?

Der Kampf der HortmitarbeiterInnen im vergangenen Jahr gegen die Revision der Anstellungsbedingungen in der Stadt Zürich blieb erfolglos – inzwischen wurde das neue Anstellungsreglement verabschiedet. Unter anderem wurde damit das Ferienguthaben für alle Mitarbeitenden unter 55 Jahren ohne Lohnausgleich reduziert, was einer faktischen Lohnkürzung von bis zu sechs Prozent entspricht.

Von einer weiteren Niederlage im Kampf gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Care-Bereich berichtete am Podium eine von 21 Pflegefachfrauen, die in der Neuenburger Klinik La Providence zwischen November 2012 und Februar 2013 gegen die Privatisierung beziehungsweise den Verkauf der Klinik an die Privatklinikgruppe Genolier gestreikt hatten (siehe WOZ Nr. 7 / 2013). Im Februar 2013 kündigte die Spitalleitung nach gescheiterten Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft Syna und der Spitalleitung allen 22 Streikenden fristlos – einige von ihnen haben bis heute keine neue Stelle gefunden.

Die Schilderungen der Pflegefachfrau, die zwölf Jahre in der Klinik auf verschiedenen Stationen gearbeitet hatte, vermittelten eine Ahnung vom Druck, unter dem heute viele Angestellte in den Spitälern stehen – und vom Fatalismus, der bei vielen Betroffenen herrscht. Etlichen fehlt unter diesen Umständen die Kraft und der Atem, um sich ausreichend wehren zu können. In Neuenburg waren es am Ende nur noch wenige Streikende, die dem Druck standhielten.

Das Podium machte deutlich, wie sehr die verschiedenen Bereiche zusammenhängen und was die vielen Frauen, die in Heimen, Spitälern, Horten oder Kindergärten arbeiten, miteinander zu tun haben. Gleichzeitig offenbarte sich allerdings auch die Schwierigkeit, diese Schicksalsgenossinnenschaft in einen kollektiven Widerstand umzuwandeln und die Kämpfe in den einzelnen Bereichen, Institutionen, Unternehmen und Kantonen zusammenzuführen.

Zum einen stehen viele dieser Frauen schon hinreichend unter Zeitdruck – und dies oft mit der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Auch die Vereinzelung vieler Care-Arbeiterinnen wie der 24-Stunden-Arbeiterinnen im privaten Spitex-Bereich erschwert eine kollektive Mobilisierung. Dann wiederum sind es die zahlreichen Teilzeitstellen (wie etwa im Hortwesen), die die kollektive Organisation erschweren.

Noch etwas macht den Arbeitskampf im Care-Bereich kompliziert: In Bereichen grossflächig und langzeitig zu streiken, in denen das Wohl von Menschen von einem selbst abhängt, führt weit eher zu Gewissenskonflikten als in Branchen, in denen es weniger unmittelbar um die Existenz und zuweilen um Leben und Tod geht. Allein das macht deutlich, wie elementar die Care-Arbeit ist.

Nachtrag vom 19. März 2015

Care-Arbeit: Bahnbrechendes Urteil

Die ausländischen Care-ArbeiterInnen, die sich im gewerkschaftlichen Netzwerk Respekt@vpod organisiert haben, konnten vor dem basel-städtischen Zivilgericht einen wegweisenden Erfolg erzielen. Im Fall der polnischen Betreuerin Agata J. liegt erstmals ein Urteil vor, das eine verbindliche Regelung vorgibt, wie die 24-Stunden-Betreuungsarbeit in Haushalten entlöhnt werden soll. Demnach sind auch solche Anstellungen dem Arbeitsgesetz unterstellt, und die Rufbereitschaft rund um die Uhr muss entschädigt werden – im Fall der klagenden Betreuerin mit dem halben Stundenlohn.

Agata J. erhält für einen dreimonatigen Arbeitseinsatz eine Nachzahlung von rund 15 000 Franken. Laut Marianne Meyer, VPOD-Sekretärin in Basel, sollen demnächst sechs weitere Klagen eingereicht werden.

Adrian Riklin

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