Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Ein Film noir aus dem Schweizer Pflotsch

In der Schweizer Literatur klingt keine Stimme wie jene von Michael Fehr. Nun legt der Autor mit «Simeliberg» sein zweites Buch vor. Ein Kriminalfall mit Menschen, die sich mit der halben Wahrheit zufriedengeben.

Von Philipp Auchter

Nicht zu sagen, was eigentlich los ist, ist eine alte Schweizer Tugend. Auch der Gemeindeverwalter Griese hat sie sich zu eigen gemacht. Er lebt schon lange hier im «Flecken», doch sein Vorname Anatol markiert ihn immer noch als einen, der «aus dem grossen Kanton zugewandert ist». Und weil er «kein Hiesiger» ist, versteht er zwar die Sprache, nicht aber die Nuancen, mit denen die Einheimischen ihre kargen Worte mit Bedeutung versehen.

Der Rest vom Blues

Diese Sprache ist freilich eine Kunstsprache. Und sie kommt aus der Werkstatt eines Sprachkünstlers. Michael Fehr erzeugt seine Worte wie Musik. Sie klingt ihm durchs Ohr, bevor er sie in sein Diktierprogramm spricht, und er komponiert aus ihr eine Geschichte, die schon ein Gefüge aus Farben und Klängen ist, bevor sie zu ihrer abgerundeten Form gefunden hat. Fehrs wichtigste Arbeit besteht in der Reduktion der Motive auf ihr wesentliches Material. Wie bei einem guten Whisky destilliert er seine Geschichte, bis die Zeilen, die zuweilen aus einem einzigen Wort bestehen, in ihrer Essenz vorliegen. Daraus ergibt sich eine Partitur, die ohne Satzzeichen auskommt. Ihr Rhythmus entsteht wie von selbst im Kopf der Lesenden.

Die eingängigste Form von Fehrs Poesie ist die mündliche Performance. Lange hat Fehr seine Stimme in asketischer Disziplin und in fernöstlicher Bewegungskunst ausgebildet. Was beeindruckt, ist die Kontrolle, mit der er seine Stimme führt wie ein Samurai das Schwert; die rhythmische Präzision, mit der er seine Worte artikuliert. Vor etwa einem Jahr hat er begonnen, seine Texte zu singen. Seine Stimme klingt rauchig und vibrierend; kaum weniger intensiv als jene von James Brown. Fehr sagt denn auch von sich, er sei «der Rest vom Blues».

«Grau / nass / trüb / ein Schweizer Wetter». Der Fall beginnt mit schlechtem Wetter. Und er wird mit schlechtem Wetter enden. Der Regen taucht die Landschaft in ein dichtes Grau, in dessen farblicher Einöde die längst vergessene mythische Kraft von «Simeliberg» allmählich Oberwasser gewinnt. Die poetische Nutzbarmachung des Schweizer Gebirges und Vorgebirges mag vertraut sein. Aus Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» etwa, in dem der Tessiner Dauerregen Herrn Geiser an die Sintflut mahnt und an eine Zeit, in der die Schweiz ein Archipel war, mitten im Ozean. In «Simeliberg» haben die Menschen diese Schweiz schon lange hinter sich gelassen. Sie träumen von einer neuen Gesellschaft im roten Staub des Planeten Mars, während draussen die Landschaft im Regen versinkt. Liesse sich diese Landschaft wieder als Naturraum erfahren, ihre Geschichte nähme vielleicht ein versöhnlicheres Ende.

Am Anfang stapft Anatol Griese durch den schwarzgrauen Matsch auf ein wüstes Bauernhaus zu, das geduckt wie ein wildes Tier unten im Krachen liegt. Bevor der erste Schuss gefallen ist, hallt er bereits durch Fehrs Sprache. Irgendwo im Dunkel hinter den blinden Fenstern wartet einer. Doch Gemeindsverwalter Griese, der ihn «holen kommt», ist kein Teufel. Er verrichtet seine Arbeit gewissenhaft. Deshalb hat er auch das schwere Arbeitsgerät im Landrover gelassen; darunter ein Gewehr der Marke «Bauerundwaldschrat», das sein Vater seinerzeit in Amerika fabriziert hatte. Es bringt einen Hauch von Wildem Westen in die Gegend und rüstet Griese mit einer alternativen Identität aus. In der Ausübung seiner Aufgabe, die sich darin erschöpft, einen alten Bauern der Sozialbehörde auszuhändigen, erweist sich das Gewehr als Kompensation eines gekränkten Mannes, dessen Zuständigkeitsbereich allzu eng beschnitten wurde.

Mann ohne Land und ohne Stimme

Was Griese im Bauernhaus entdeckt, verlangt indessen nach Aufklärung. In seiner Stube hortet der Landmann bündelweise Tausendernoten, und dann ist auch noch seine Frau spurlos verschwunden. Wer ist nun dafür zuständig? Die Sozialbehörde? «Auf jeden Fall verliert der Fall hier an Eindeutigkeit», meint Griese am Telefon. Zu einer Klärung der Zuständigkeiten kommt es nicht. Hingegen beginnt Griese nun, auf eigene Faust zu ermitteln. Das führt zur Katastrophe. Griese steht am Ende als der Schuldige da – ein Mann ohne Land und ohne Stimme.

Seine geistige Heimat wäre vielleicht in der amerikanischen Prärie zu finden. Am ureigensten Schauplatz der schweizerischen Melancholie ist er jedoch verloren. «Simeliberg» ist ein mythisch beschworener Ort im «Guggisberglied», dem angeblich ältesten Schweizer Volkslied. Es nimmt in der Landschaft der schweizerischen Identität einen so hohen wie abseitigen Platz ein, dass ihm eine Neuerzählung schon lange gebührt.

«’s isch äben e Mönsch uf Ärde – Simeliberg / Und ds Vreneli ab em Guggisberg / Und ds Simes Hans-Joggeli änet em Berg / ‘s isch äben e Mönsch uf Ärde / Dass i möcht bi-n-ihm sy.»

Rätselhaft, wie der Kehrreim den Zusammenhang der Strophe verstellt. «Simeliberg» steht dabei als unergründliches Geheimnis im Zentrum des Liedes. Die Frage, was der Simeliberg eigentlich sei, lässt sich aus dem Lied nicht beantworten. Er ist, wie im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm, ein Zauberspruch, und er ist ein Sehnsuchtsort.

Gewaltige Bildhaftigkeit

An den letztjährigen Klagenfurter Literaturtagen hat Fehr, den Kopfhörer über dem linken Ohr, durch den Saal tigernd und Auszüge aus «Simeliberg» skandierend, den Kelag-Preis gewonnen. Dabei war nicht zu übersehen, dass vor allem die beiden Schweizer Jurymitglieder begeistert waren. Und als Jurorin Hildegard Keller bei ihrer Stimmabgabe nur noch das «Guggisberglied» zu trällern begann, war der Eindruck perfekt, dass diese Literatur, die seltsam zwischen Mundart und Hochsprache schaukelt, jenseits der Landesgrenzen keiner verstehen könne. Dem kann nun, da das Buch erschienen ist, endlich widersprochen werden. Ebenso wie dem Vorwurf, wonach der Text nur im mündlichen Vortrag funktioniere. Starke Texte brauchen die Stimme ihres Autors nicht. «Simeliberg» ist von einer pulsierenden Kraft, die die Menschen auch in den Nachbarländern noch durchströmen wird.

Im Kern dieser Poesie leuchten Farben, aus deren Zusammenspiel der Autor seine Geschichten entstehen lässt. Ihre Bildhaftigkeit ist so gewaltig, dass man sich beim Lesen zuweilen in einem düsteren Film wähnt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Michael Fehr von Geburt an beinahe blind ist. Er ist ohne die mächtigen Bildwelten des Films und des Internets aufgewachsen. Vielleicht hat er sich gerade deswegen jene inneren Bilder bewahrt, die er nun in «Simeliberg» zum Vorschein bringt. Sie erinnern über weite Teile an einen Film noir. Der Landmann, den Griese im dunklen Krachen aufsucht, heisst Schwarz. Die Frau, die ihn im weisslichen Licht der Behörde in Gewahrsam nimmt, Weiss. Dazwischen liegen all die Grautöne des Schweizer «Pflotschs», in welchem Griese erst seine Stiefel und später auch seine Hände schmutzig machen wird. Nur im Verborgenen hegen einige Leute rote Fantasien vom Mars. Irre Gedanken. Diese Gedanken werden irgendwann, im dunkelsten Teil des Buchs, explodieren.

Fehr liest in Solothurn am Samstag, 16. Mai 2015, um 16 Uhr.

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