Nr. 20/2015 vom 14.05.2015

Ein Tal rüstet auf

Flugshow, Volksfest und Freiluftspektakel: Morgarten macht sich bereit für das grosse Jubiläum. 700 Jahre nach der Schlacht, die zum Mythos wurde, atmet in der Region sein Geist. Ausflug in eine bedrückende Idylle.

Von Sarah Schmalz

Militärische Festspiele: Für das Bühnenbild bauen Soldaten Kopien des steinernen Morgartendenkmals am Ägerisee. Foto: René Marthaler

Der mit plaudernden SeniorInnenwandergruppen gefüllte Bus schlängelt sich immer weiter den Berg hinauf, alte Bauernhäuser mit wuchernden Gärten lösen die Neubausiedlungen an bevorzugter Hanglage ab. Das Erste, was auf der Busfahrt ins Ägerital auffällt, sind die vielen bunten Babytafeln. An fast jedem Haus prangt ein Storch, ein Traktor oder ein Marienkäfer. An manchen auch deren drei: Jonas, Luzia, Silvan – an Kindern mangelt es hier oben offenbar nicht. Doch das ist natürlich nicht die Erkenntnis, für die man sich auf den Weg gemacht hat an den Morgarten. Wie lebt es sich dort, wo vor 700 Jahren die berühmte Schlacht stattgefunden hat? Wie präsent ist das Ereignis, das die einen als Grundsteinlegung für die Eidgenossenschaft werten – und über das die restliche Schweiz die Nase rümpft? Einig sind sich die HistorikerInnen nur über eines: darüber nämlich, dass die Schwyzer am Morgarten wohl tatsächlich das Heer des Habsburger Herzogs Leopold geschlagen haben. Fünf Millionen Franken lassen sich der Bund, einige Kantone sowie private GönnerInnen diese Tatsache kosten: Im Ägerital wird den ganzen Sommer über die Eidgenossenschaft gefeiert, mit Freiluftspektakel, Flugshows und Volksfest.

Dorf für Tourismus umbenannt

Die Geschichte des tapferen Bergvolks, das am Morgarten seine Unabhängigkeit verteidigte, hält sich hartnäckig. Obwohl sie längst überholt ist: Die neuste Geschichtsforschung geht davon aus, dass eine Mischung aus lokalen Rivalitäten, Konflikten zwischen dem Kloster Einsiedeln und dem Land Schwyz sowie dem Streben nach grösserer Selbstständigkeit am Ursprung der Schlacht stand. Dass sie keine Spuren hinterlassen hat, schreiben HistorikerInnen der damaligen Armut der SchwyzerInnen zu: Nach der Schlacht sei wohl die ganze Habe der Gefallenen geplündert worden.

Bewirtschaftet wird der Schlachtenmythos heute von zwei Gemeinden in zwei Kantonen: Oberägeri (Zug) und Sattel (Schwyz).

Sattel ist Busendstation. Den Ägerisee in seinem enger werdenden Tal hat man bei der Ankunft im Dorf längst wieder hinter sich gelassen. Die Einfamilienhäuser kleben an steilen Hängen. Im Dorf gibt es einen Campingplatz, eine Militärkaserne und die Hochstuckli-Seilbahn. Das Zentrum bilden ein Volg und das Gemeindehaus. Hier amtet mit Pirmin Moser einer, der viel über Morgarten und seine Bedeutung für die Region weiss. Und der Mann mit Bauch und festem Händedruck hat einen Plan: «Woz kommt sicher mit Tonnen von Vorurteilen», steht auf seinem Notizzettel. Und: «Ich will diese widerlegen.»

Mit dem Auto gehts runter in den Weiler Schornen, der noch zur Gemeinde Sattel und damit zum Kanton Schwyz gehört. Hier, wo der Berg Morgarten den Weg für die aus dem Ägerital kommenden Truppen verengte, steht die Schlachtkapelle, die im 16. Jahrhundert zum Gedenken an den Sieg erbaut wurde – und seit kurzem noch einiges mehr. Mit Geldern, die zum Schlachtjubiläum von einigen Kantonen und privaten SponsorInnen lockergemacht werden, putzt die Gemeinde den kleinen Weiler heraus. Neben der Gruppenunterkunft, die seit dem letzten grossen Schlachtjubiläum im Jahr 1965 steht, wächst ein Ausstellungszentrum in die Höhe. Fast fertig aufgebaut ist zudem das «Schwyzerhaus», das als ältestes noch erhaltenes Bauernhaus Europas gilt und jahrzehntelang in der Kantonshauptstadt eingelagert war. Es habe einst einem Neubau weichen müssen, sagt Moser. «Nun wird das finanziell einträgliche Jubiläum genutzt, um es wieder zu errichten.»

Es scheint, als wolle der Weiler, an dessen Hängen die SchwyzerInnen das Schlachtfeld geortet haben, aus dem Schatten seines Nachbarn treten – endlich. Denn es waren nicht die SchwyzerInnen, die vor gut hundert Jahren mit der touristischen Vermarktung der Schlacht begannen, sondern die ZugerInnen: Kurzerhand tauften diese das nur wenige Autominuten entfernte Nachbardorf Hauptsee in Morgarten um und stellten einen riesigen Gedenkstein auf. Fuchsteufelswild habe das die SchwyzerInnen gemacht, sagt Moser. Schliesslich sei Zug damals, vor 700 Jahren, Habsburger Herrschaftsgebiet gewesen. «Und nun schmückten sich also die Verlierer mit dem Sieg am Morgarten.»

Moser führt seit bald dreissig Jahren TouristInnen aufs «Schlachtfeld» und kann mit so einigen populären Irrtümern aufräumen: etwa damit, dass die besiegten Habsburger Österreicher gewesen sein sollen: «Das Adelsgeschlecht stammte ursprünglich aus dem Aargau, hatte aber sein Herrschaftsgebiet bis ins heutige Österreich ausgedehnt.» Die Geschichtsschreibung habe sich natürlich entscheidend geändert, seit er sich mit Morgarten beschäftige, sagt Moser. Seiner Verbundenheit mit dem Ort hat dies keinen Abbruch getan. Wie viele andere AnwohnerInnen wohl auch empfinde er Stolz, wenn er den BesucherInnen von dieser Landschaft und seiner Geschichte erzähle. Dem Streit um Mythos und Geschichte kann Moser überhaupt nichts abgewinnen: der sei doch hanebüchen. Wenn Blocher mit Maissen diskutiere, dann bringe das zwar Quoten, aber sonst gar nichts. «Denn am Ende reden die doch nur aneinander vorbei.» Für Moser, der «in dieser geschichtsträchtigen Landschaft aufgewachsen ist», ist Morgarten beides: Geschichte und Mythos. Neue Erkenntnisse will er nicht gegen die Bedeutung ausspielen, die Morgarten im Bewusstsein vieler SchweizerInnen hat. Jedes Land brauche doch seine Legenden, sagt Moser. «Die Schweiz wäre nicht die Schweiz ohne Tell, Morgarten und Marignano.» Woher sonst solle man die gemeinsamen Werte nehmen – die freiheitliche Idee, welche die Schweiz verkörpere? Die direkte Demokratie? «Alles halt, was unser Land so ausmacht.»

«Schu noch stolz»

Zurück in Sattel. Moser verabschiedet sich ins Gemeindehaus. Über dem Dorf mit seinen knapp 2000 EinwohnerInnen liegt vormittägliche Ruhe. Nur vereinzelt betreten KundInnen den Volg. An der Kasse liegt die Einladung zum grossen Volksfest auf – Ende Juni einer der Höhepunkte des Morgartenjubiläums. Francine Jordi wird singen, die Bergwald-Musikanten werden auftreten.

Vor allem aber wird der Schlacht an diesen drei Tagen militärisch gedacht. Eine Flugshow der Patrouille Suisse steht auf dem Programm. Die Vorführung des Superpumas. Eine Armeeausstellung «zu Wasser, Land und Luft». Kassiererin Reni Müller hat Zeit für einen Plausch. Ihr sei manchmal schon etwas «gschmuch», sagt die fröhliche Frau mit blondem Pagenschnitt. Doch meint sie damit nicht etwa das Armeegedöns – «Ach nein, das gehört halt einfach zur Schweiz» –, sondern die Dimension des Anlasses. Bis zu 25 000 Menschen erwartet man zum Volksfest. Bundesrat Ueli Maurer wird anreisen. «Stellen Sie sich einmal vor, wie viele Festzelte das nur schon braucht.» Aber vielleicht sei es auch einfach ungewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Andererseits sei man ja «schu noch stolz». Müller arbeitet zwar in Sattel, doch sie ist eine waschechte Morgärtlerin. Fast ihr ganzes Leben hat sie in ihrem Geburtsort verbracht. Mythos und Geschichte sind auch für sie eins: Dass das Dorf, das zur Gemeinde Oberägeri gehört, nicht immer Morgarten hiess, habe sie erst kürzlich erfahren. Ihre Tochter habe aus der Schule Material nach Hause gebracht, das die Schlacht sehr differenziert erkläre. «Als ich noch zur Schule ging, hiess es einfach: Wir haben die bösen Habsburger vertrieben.» Reni Müller lacht. Jahrelang war sie Mitglied der Schützengesellschaft. Der Vater war vierzig Jahre lang Fahnenträger. Mutter und Tochter waren für die Schützenstube besorgt. «Das hat alles einfach dazugehört.»

Dem Volk seine Waffe

Morgarten ist weniger bäuerlich als sein Schwyzer Nachbarweiler. Einfamilienhäuser, Restaurants und ein postmodernes Hotel prägen das Dorfbild. Die Schützendichte ist wohl nur in wenigen Schweizer Orten so gross wie hier. Etwa 150 der rund 700 DorfbewohnerInnen seien in der Schützengesellschaft aktiv, sagt Erwin Barmettler, der mit seinem Budenauto direkt beim neben dem Denkmal gelegenen Restaurant Buechenwäldli vorfährt. Wie Reni Müller hat der Elektroplaner bereits jung zu schiessen begonnen. Heute organisiert er das Morgartenschiessen mit: Folkloristisch verkleidet gedenkt die Bevölkerung mit diesem Anlass jedes Jahr der Schlacht. Barmettler ist ein «gmögiger» Typ mit Karohemd, kleinem Schnauzer und warmen Augen.

Bei der Begrüssung zeigt er hoch zum Hang, wo hinter dem Denkmal kleine hölzerne Gebilde aufgebaut werden. Das sei die Kulisse des Morgartenfreiluftspektakels, erklärt Barmettler. Die Proben dafür hätten schon begonnen. Toll sei das, wie einheimische und auswärtige LaienschauspielerInnen zusammenkämen. Richtig ins Plaudern kommt Erwin Barmettler aber erst bei Spargelravioli in der Stube des «Buechenwäldli» – als sich das Gespräch um Waffen dreht. Geradezu liebevoll spricht er von «seinem Sportgerät». Für einen Schützen sei es unsinnig, die Ordonnanzwaffe abzugeben. Denn diese brauche für den Sporteinsatz ständige Pflege. Barmettler, der sich nach den Ravioli rasch verabschiedet, ist 700 Jahre nach der Morgartenschlacht bei weitem nicht der Einzige im Ägerital, der dem Volk seine Waffe lassen will: Mit über 70 Prozent Nein-Stimmen wurde hier 2011 die Initiative «Schutz vor Waffengewalt» verworfen.

Rechtsbürgerlich votiert das Tal auch bei Migrationsfragen: Knapp 85 Prozent stimmten in Sattel 2010 für die Ausschaffungsinitiative, über 70 Prozent im letzten Jahr für die «Masseneinwanderungsinitiative». Im zugerischen Oberägeri liegen die beiden Resultate bei immerhin gut 60 Prozent Ja-Stimmen. Man könne schon sagen, dass diese Ergebnisse den Geist der Morgartenschlacht atmeten, sagt Peter Staub, CVP-Gemeinderat in Oberägeri, der den Gast im Gewächshaus seiner Gärtnerei empfängt. Wieder ein kariertes Hemd. Wieder freundliche Geselligkeit. Seinem Stimmvolk will Moser keinesfalls eine rechtsbürgerliche Gesinnung oder gar Ausländerfeindlichkeit unterstellen. Im Ägerital dominiere eine gutbürgerliche Mitte, sagt der OK-Präsident des Volksfests. Doch wer an diesem geschichtsträchtigen Ort lebe, der wisse wohl einfach, «was es zu verlieren gäbe». In der Schweiz sei die Welt schliesslich noch ziemlich in Ordnung, während sich rundherum zeige, was die Aufhebung von Grenzen und zu viel «Verschmelzung» für Folgen hätten. Staub wirkt zufrieden ob dieser Feststellung. Zu sagen bleibt danach nicht mehr viel.

Draussen ist die Szenerie beschaulich. Auf dem See schaukelt das Ägeriseeschiff. Der Bus ins Tal füllt sich mit AusflüglerInnen, die mit Wandern fertig sind. Gemeinsam entfernt man sich von diesem Tal der ungestörten Idylle und überlässt es seiner Vorfreude – auf ein Fest der schweizerischen Selbstzufriedenheit.

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