Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

«Südtirol, du bist noch nicht verlorn …»

Die populäre Band Frei.Wild will offiziell nichts mit Rechtsextremismus zu tun haben. Und kann sich doch auf ihre Fans von rechts aussen verlassen.

Von Klaus Walter

Die populärste Deutschrockband der Gegenwart kommt aus Italien. Also aus Südtirol. Deutschrock steht weniger für Grönemeyer und Westernhagen als für harten, maskulinen, deutschsprachigen Rock. Die Überväter des Genres sind die Böhsen Onkelz aus Hessen, eine Band mit rechter Vergangenheit und Liedern wie «Türken raus». Neben den Zillertaler Schürzenjägern sind die Böhsen Onkelz die erklärten Vorbilder von Frei.Wild. Andere populäre Deutschrockbands heissen Ehrentod, Vollblut, Haudegen oder auch Analgewitter.

Klaus Farin, Autor des Bestsellers «Buch der Erinnerungen. Die Fans der Böhsen Onkelz», veröffentlicht nun eine Bandbiografie zu Frei.Wild. Dazu gehört eine sogenannte Fanstudie, in der Frei.Wild-Fans befragt werden, die der rechtsextremen Szene angehören oder angehörten. Sage und schreibe 4206 Fans hat Farin interviewt, das sind schon mal 4206 potenzielle Käufer. Als langjähriger Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen legt Farin Wert auf Basisnähe, auf dem Autorenfoto trägt er Jeansjacke zu behaarter Brust. Das Haupthaar hat er zu einem Stachel gegelt, Klaus Farin, Jahrgang 1958, trägt Iro.

Für sein aufschlussreiches Buch besucht er auch Frei.Wild in ihrer Südtiroler Heimat, dokumentiert die rechte Vergangenheit von Sänger Philipp Burger in der Skinband Kaiserjäger und gibt Einblicke in die Wertewelt der «konservativen Antifaschisten». Wichtig ist der christliche Glaube. Philipp Burger, Texter, Sänger und Anführer der Band, legt Wert auf «wahre Kameradschaft» und engagiert sich in der Schützenkompanie, einer Art Heimatschutz. Alle Bandmitglieder geben sich patriotisch, naturverbunden, bodenständig, sie schätzen Fleiss, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

Strenge walten lassen

«Familie ist das wichtigste Gut auf Erden», sagt Burger. Bei der Erziehung seiner Kinder lässt er eine «gewisse Strenge» walten. Mutter kümmert sich um Haus und Hof, Vater arbeitet hart in der freien Natur. In Südtirol leben 67 Prozent der Männer bis 25 Jahre im Hotel Mama, auch drei Viertel von Frei.Wild verliessen ihr Elternhaus erst mit Ende zwanzig. Und blieben in Südtirol.

Frei.Wild sind bekennende Biertrinker, von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll hält Philipp Burger nichts: «Was bringt dir Sex mit einer 2000 Mal durchgebumsten Nutte?» Ungläubig bis entsetzt reagieren sie auf die Frage, ob sie sich eine Musikerin bei Frei.Wild vorstellen könnten. «Niemals!», meint Burger. «Da Regelbeschwerden, da eine Schwangerschaft.» Anders verhält es sich mit den «Kumpelinen, weiblichen Anhängseln» der Männerband. «Einige wurden nicht selten in der Runde weitergereicht.»

Frei.Wild verkörpern den soldatischen Mann, wie er im Buche steht: verbündet im homosozialen Raum Rockband, bedroht von den roten Fluten der Frau. «Männerfantasien» nannte das Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in seinem vor vierzig Jahren erschienen Klassiker.

Ein Kaufanreiz von Farins Fanbuch sind die vielen Hochglanzfotos. Kindheitsbilder, Familie, Frei.Wild mit Kumpels, Frei.Wild mit Fans, Philipp Burger mit der Band Rammstein und Metal-Sängerin Doro Pesch, Philipp Burger mit Schlagerstar Roberto Blanco und dem Onkelz-Sänger Kevin Russell. Ein ganzseitiges Foto zeigt Burger auf dem Klo beim Pinkeln im Stehen. Nein, Frei.Wild sind keine Sitzpinkler, Warmduscher, Weicheier.

«Bei uns dürfen Frauen noch Frauen und Männer noch Männer sein», sagt Frank Krämer in Farins Buch. Er ist Gitarrist von Stahlgewitter, einer der «einflussreichsten Bands der rechten Szene». Die Ordnung der Geschlechter begründet der überzeugte Nazi Krämer ethnopluralistisch: «Für mich besitzt das völkische Denken die einzige Weltanschauung, die den Menschen mit all seinen Unterschieden wie Rasse und Geschlecht nicht in eine Einheitsform presst, wie es der staatlich propagierte widernatürliche ‹Gender Mainstream› versucht.» Bei Frei.Wild klingt das so: «Ich scheisse auf Gutmenschen, Moralapostel … ich hasse sie wie die Pest.»

Mit ihrem demonstrativen Maskulinismus – der gelebte Gegenentwurf zum verhassten Genderwahn – machen sich Frei.Wild wie vor ihnen die Böhsen Onkelz zum Sprachrohr einer verunsicherten Männlichkeit. Wie die Onkelz sind Frei.Wild Helden des White Trash, die Stimme der Modernisierungsverlierer, die auf die ökonomische Globalisierung mit kultureller Reprovinzialisierung reagieren.

Frei.Wild treffen den Jargon eines aggressiven Normalismus der Vorwärtsverteidigung. Sie sprechen denen aus der Seele, die sich mit der Alternative für Deutschland und dem rassistischen Untergangsapologeten Thilo Sarrazin vor allem als Opfer sehen: entmündigt von der Diktatur der politisch Korrekten, umstellt von SpielverderberInnen und Gutmenschen, enerviert vom Genderwahn, überwacht von der linken Sprachpolizei.

Rettung verspricht die heimatliche Scholle: «Ja, unser Heimatland, es ist so wunderschön / Das kann man auch an unsren Bergen sehn», reimen Frei.Wild in «Südtirol», einem ihrer populärsten Songs, nicht ohne zu drohen: «Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her / Südtirol, deinen Brüdern entrissen / Schreit es hinaus, dass es alle wissen / Südtirol, du bist noch nicht verlorn / In der Hölle sollen deine Feinde schmorn.»

So inszenieren sich die Volksrocker als identitäre Freiheitskämpfer gegen die angebliche «faschistische Besetzung» Südtirols durch die Italiener. In «Wahre Werte» singen sie: «Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen / Wenn ihr euch ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen.» Bei den DemonstrantInnen der Pegida und der rechtsextremen NPD heisst es: «Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.»

Anschlussfähige Themen

Der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs attestiert Frei.Wild «eine gewisse Blut-und-Boden-Ideologie». Buchautor Farin dagegen bezeichnet Frei.Wild als «konservative Antifaschisten» und belegt das mit Textstellen und Zitaten, in denen die Band ihre Abneigung gegen Nazis und Rechtsextremismus formuliert. Das Buch schildert auch die mehr oder weniger gelungenen Annäherungsversuche von NPD, den Freiheitlichen (dem Südtiroler Pendant zur FPÖ) und rechtsradikalen Plattenlabels. Frei.Wild sind da meist unschuldige Opfer dunkler Machenschaften.

Die entscheidenden Fragen stellt Farin nicht: Warum hat die Band so viele rechte Fans? Warum suchen Neonazis die Nähe von Frei.Wild? Weil sie rechtsoffen sind. «Rechtsoffen», so der Rechtsrockexperte Hindrichs in Farins Buch, heisst: Sie arbeiten mit Themen und Sujets, «die für extreme Rechte anschlussfähig und zustimmungsfähig sind. (…) Die sind nicht rechtsradikal, die sind nicht Grauzone, die sind rechtspopulistisch.» Anders gesagt, es lebe der feine Unterschied: Frei.Wild sind keine Rechtsrockband. Aber eine rechte Rockband.

Klaus Farin: «Frei.Wild. Südtirols konservative Antifaschisten». Archiv der Jugendkulturen Verlag. Berlin 2015. 400 Seiten. 45 Franken.

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