Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

«Lebe ich, oder werde ich gelebt?»

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Frank Schauder stand am Anfang seiner Karriere als Arzt und Neurologe, als ihn eine schwere Depression aus der Bahn warf. Seither treibt ihn die eine Frage um: «Lebe ich mein Leben, oder werde ich gelebt?» Als Neurologe ist er überzeugt, dass das Gehirn den Körper steuert wie eine Vielzahl von Orchestern, die miteinander in Einklang stehen. Und dass es für jedes Gefühl ein biochemisches Korrelat gibt. «Ich fühlte physisch, wie die Moleküle in meinem Kopf ausflippten», beschreibt er den Beginn eines erneuten Depressionsschubs. Die Krankheit hat in seiner Familie bereits früher Opfer gefordert. Schauder hat Angst, sie seinem Sohn vererbt zu haben. Deshalb macht er sich auf die Suche nach den genetischen Ursprüngen seiner Depression und lässt sich von der US-Biotechfirma «23andMe» für hundert Dollar sein Genom analysieren.

Die FilmemacherInnen Miriam Jakobs und Gerhard Schick kennen Schauder seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Köln. In ihrem Film begleiten sie ihn – streckenweise sehr intim – auf seiner Suche, die ihn nicht nur in die Laboratorien führender ForscherInnen führt, sondern auch zu KünstlerInnen, die mit den Bausteinen des Erbguts Musik komponieren oder Skulpturen formen. Sie sitzen mit Schauder und seinem Sohn am Küchentisch und schauen zu, wie die beiden farbige Gummibärchen mit einer Nadel durchstechen und auf zwei Fäden aufreihen, die sie dann umeinanderdrehen und so die Doppelhelix nachbilden, aus der das Erbgut aufgebaut ist.

Über weite Strecken ist «Das dunkle Gen» eine gelungene, wenn auch teilweise etwas gar didaktische Einführung in die Genetik und in die Möglichkeiten der biotechnologischen Manipulationen am Erbgut. Der Film lebt vom kämpferischen Geist Schauders, der offen und neugierig auf seine GesprächspartnerInnen zugeht, sich aber gleichzeitig nicht scheut, kritische Fragen zu stellen und vieles zu hintersinnen. Am Schluss hält der Arzt die Auswertung seines Genoms von «23andMe» in den Händen, das ihm über sein Risiko, an einer Depression zu erkranken, Aufschluss geben soll. Existiert das dunkle Gen?

Ab 28. Mai 2015 im Kino.

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