Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Das Tabu beginnt zu bröckeln

In Zürich läuft eine Ausstellung an, die in Israel für Furore gesorgt hat. Dahinter steht eine Organisation, die Erlebnisberichte von Militärangehörigen sammelt. Eine Begegnung mit dem Organisationsgründer.

Von Markus Spörndli, Hebron

Im Mikrokosmos der Besatzung: Israelischer Soldat in Hebron während der zweiten Intifada (2000–2005). Foto: Breaking The Silence

Will man mit Jehuda Schaul einen Ausflug nach Hebron und Umgebung machen, muss man auf einiges gefasst sein. Er stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie, ging in einer Siedlung im Westjordanland zur Schule und war Unteroffizier in der israelischen Armee. Mit Kippa und Vollbart könnte er einer der militanten SiedlerInnen sein, die es sich zum Ziel gemacht haben, Hebron zurückzuerobern.

Doch die SiedlerInnen hassen Jehuda Schaul abgrundtief. Selbst kleine Mädchen beschimpfen ihn auf der Strasse als Verräter, und weil sie davon ausgehen, dass seine BegleiterInnen kein Hebräisch verstehen, rufen sie einem noch ein profanes «You fuck!» nach. Palästinenser hingegen umarmen ihn herzlich und verwickeln ihn in Gespräche. Schaul ist in Hebron bekannt wie ein bunter Hund. Nur die blutjungen Soldaten kennen ihn offensichtlich noch nicht.

Multikulti und Massaker

Hebron, die grösste Stadt des Westjordanlands mit rund 200 000 EinwohnerInnen: Für gläubige JüdInnen ist sie die zweitheiligste Stadt nach Jerusalem, das nur dreissig Kilometer nördlich liegt. Auch bei Christinnen und Muslimen gilt sie als heilig. Hier, in der Höhle der Patriarchen, sollen Abraham, Sara und weitere Vorfahren der monotheistischen Religionsgemeinschaften begraben liegen. Unter wechselnder Herrschaft lebten jahrhundertelang Hunderte von JüdInnen in der mehrheitlich muslimischen Stadt.

Das multikulturelle Zusammenleben fand im 20. Jahrhundert ein jähes Ende. 1929 – unter britischem Mandat und in einem Klima von zionistischem wie auch palästinensischem Ultranationalismus – ermordeten arabische Stadtbewohner 67 JüdInnen. In der Folge evakuierten die Briten alle JüdInnen aus Hebron, und selbst der 1947 gegründete israelische Staat stellte sich gegen ihre Rückkehr, um keinen Präzedenzfall gegenüber den aus Israel vertriebenen PalästinenserInnen zu schaffen. Hingegen liessen sich 1968, kurz nach der israelischen Besetzung des Westjordanlands, achtzig jüdische Israelis illegal in Hebron nieder. 1994 ermordete ein schwer bewaffneter Siedler 29 betende Muslime. Die israelische Regierung verurteilte die Tat – und zog ein rigoroses Kontrollregime auf, das jedoch nur den SiedlerInnen nützt.

Heute leben in der Stadt etwa 850 militant nationalistische Israelis. Die Strassenzüge um ihre Gebäude werden von 650 israelischen Kampfsoldaten rund um die Uhr gesichert.

2001 war Jehuda Schaul selbst ein blutjunger Soldat in Hebron. Wie die meisten jüdischen Israelis hatte er sich bis dahin noch kaum mit der Besetzung beschäftigt. Mit PalästinenserInnen kam er erst als Achtzehnjähriger in Hebron in Kontakt, und das ausgerechnet zu Beginn der zweiten Intifada. «Direkt nach dem Training setzte man mich an ein mit Granaten bestücktes Maschinengewehr», sagt er bei einem Kaffee in Sichtweite der Höhle der Patriarchen und unter dem Aushang eines der letzten palästinensischen Souvenirgeschäfte. «Ich musste auf Wohnhäuser in der Stadt schiessen, das nannte man ‹Präventivschlag›.» Danach verbrachte er viele Nächte seiner vierzehnmonatigen Dienstzeit mit Hausdurchsuchungen. «Wir haben die Wohnungen auf den Kopf gestellt und meist jemanden verhaftet. Dabei wussten wir, dass es dort keine Verdächtigen gab.»

Da begriff Schaul, dass es dem Militär nicht um Sicherheit geht. Gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, die es als Besatzungsmacht schützen müsste, schon gar nicht: «Es geht darum, möglichst viel Unsicherheit und Machtlosigkeit zu erzeugen», sagt Schaul. Er begriff aber auch, dass er als Soldat in den besetzten Gebieten auch nichts zur Sicherheit Israels beitrug. «Wir sind da im Dienst der Siedler, und diese dienen wiederum politischen Zwecken. Das bindet Ressourcen, die dann der Sicherheit Israels fehlen.»

Für Schaul ist Hebron der «Mikrokosmos des Westjordanlands», wo sich auf kleinem Raum die Mechanismen der völkerrechtlich illegalen Besiedlungspolitik zeigen. Die nicht jüdische Bevölkerung ist dabei neben der militärischen Repression praktisch schutzlos der Gewalt durch bewaffnete SiedlerInnen ausgesetzt. Sie darf einige Strassen mitten im historischen – und ehemals wirtschaftlichen – Zentrum Hebrons nicht betreten; viele zentrale Geschäfte und Wohnungen wurden verriegelt. Im militärischen Slang heisst das «Sterilisierung».

Jehuda Schaul war nicht der erste und einzige Soldat, der schockiert war. Trotzdem herrscht in der israelischen Gesellschaft bis heute eine Art Tabu. Auch Schauls älterer Bruder erzählte zu Hause kaum etwas von seinem Militärdienst. So gründete Schaul 2004 mit gleichgesinnten früheren Kampfsoldaten die Organisation Breaking the Silence (das Schweigen brechen). Sie sammelten Erfahrungsberichte von Hunderten anderer SoldatInnen. Daraus und aus Fotos von SoldatInnen machte Schaul eine Ausstellung, die in Israel hohe Wellen schlug und die Organisation schlagartig bekannt – und verhasst – machte. Die Ausstellung gastiert derzeit in Zürich (vgl. «Die Ausstellung» im Anschluss an diesen Text). Später wurde daraus ein Buch, das von verschiedenen Verlagen in vielen Sprachen publiziert wurde, 2012 auch auf Deutsch.

Das Projekt zeugt vom Bedürfnis vieler junger SoldatInnen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. «Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich einen Tötungsbefehl akzeptiere, ohne zu wissen, wer das ist», gab etwa ein Luftwaffensoldat zu Protokoll: «Ich weiss nicht, wie ich an diesen Punkt gelangt bin.»

Ein erster Erfolg?

Deshalb muss man auf einiges gefasst sein, wenn man mit Jehuda Schaul durch die sterilen Strassen Hebrons spaziert. Auch für weite Teile des israelischen Mainstreams ist er ein Verräter. Ein besonders schlimmer, weil er aus ihrer Mitte kommt. Die vielen israelischen Menschenrechtsgruppen konnten an den linken politischen Rand gedrängt und ignoriert werden. Aber Hunderte SoldatInnen, das ist eine ganz andere Dimension – pure Subversion.

So ist natürlich auch die Armee auf ihren früheren Kommandanten schlecht zu sprechen. Major Arye Shalicar, Militärsprecher fürs europäische Publikum, erläutert in perfektem Deutsch, was er von Breaking the Silence hält: «Ich sage nicht, dass alles erfunden ist, aber es handelt sich hier nur um ein paar Hundert Aussagen, die auch noch anonym abgegeben wurden.» Anstatt alles sofort zu publizieren, solle die Organisation doch das Militär informieren, damit es den Vorwürfen nachgehen und sich verbessern könne. So aber untergrabe Breaking the Silence die israelische Sicherheit – und offenbare ihre «politische Agenda». «Die Armee ist hingegen apolitisch», sagt Shalicar. «Wir müssen das Land verteidigen und in den besetzten Gebieten das Gesetz durchsetzen, damit alle ihr normales Leben führen können.»

Dass SiedlerInnen andere Gesetze haben als die einheimische Bevölkerung, dass ein «normales Leben» in Hebron und weiten Teilen der besetzten Gebiete ein ferner Traum ist: Das ist, was Jehuda Schaul mit seiner Organisation aufzeigen will. Soeben auch mit einem Bericht zum Gazakrieg vom letzten Sommer: Durch Aussagen von fast siebzig Armeeangehörigen wird erhärtet, dass die Militärführung immer wieder tödliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung ausführen liess und dafür zuweilen auch die eigenen Soldaten falsch informierte.

Anders als zuvor würdigten die grossen israelischen Medien den Bericht, ohne gleich den Staatsverrat auszurufen. Vielleicht hat das Tabu tatsächlich angefangen zu bröckeln. Wenn auch nicht unter den SiedlerInnen in Hebron. Sie werden Jehuda Schaul auch weiterhin mit unbiblischen Worten beschimpfen.

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