Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Zu viel Milch tötet Blumen

Bettina Dyttrich über langweilige Jurawiesen

Von Bettina Dyttrich

«Die Freiberge!», rufen viele begeistert, wenn die Rede auf den Jura kommt. Nichts gegen Tannen, Pferde und das kleine rote Züglein. Aber warum sind ausgerechnet die Freiberge die beliebteste Ecke des Juras? Nach zwei Tagen beginnt mich diese Landschaft zu langweilen. Ich mag den Jura lieber dort, wo er steiler, dramatischer ist: Klusen und Abbrüche wie die Gorges du Pichoux oder der Creux du Van, die tiefen, felsigen Täler auf der französischen Seite, die grossen Laubwälder und einsamen Kreten des Kettenjuras.

Kürzlich war ich doch wieder einmal in den Freibergen. Und fand auf den Wiesen das gleiche langweilige Einerlei wie im Mittelland – Raigras, Weissklee, Löwenzahn. Dazu auffällig viel Wiesenkerbel und Hahnenfuss: ein Zeichen für hohe Düngermengen. Keine Schmetterlinge, kein Heuschrecken- und Grillengezirpe. Wo kein Fromental mehr wächst, zirpt auch niemand mehr. Dieses wunderschöne Gras, früher eine der wichtigsten Heuwiesenpflanzen, ist vor lauter Dünger vielerorts verschwunden.

Als ich die Kühe sah, die auf den Freiberger Weiden grasten, wunderte ich mich nicht mehr. Es waren lauter Holstein. Schwarz oder rot gefleckt, gross, knochig, mit prallen Eutern, alle enthornt.

Holstein-Kühe produzieren Milch wie keine andere Rasse. Das geht nur mit Getreide und Soja. Ein Teil der Kalorien, die die Kuh frisst, wird zu Mist und Gülle. So landen die Nährstoffe, die von einem deutschen Getreidefeld oder einer argentinischen Sojamonokultur stammen, auf der Jurawiese. Genügsamere Kühe, die mit hofeigenem Gras und Heu auskommen, würden das Land nicht überdüngen. Und unter dem Strich auch ihren HalterInnen mehr bringen: Sie sparen Futter-, Tierarzt- und Aufzuchtkosten, das wiegt die tiefere Milchmenge meist mehr als auf. Hartnäckige Fachleute wie Peter Thomet von der Fachhochschule Zollikofen betonen das seit Jahren. Sinnvoll wäre es auch, weil in der Schweiz zu viel Milch produziert, aber gleichzeitig Rindfleisch importiert wird – robustere Kühe haben mehr Fleisch am Knochen.

Einige LandwirtInnen reagieren: So wurde diesen Frühling die IG Neue Schweizer Kuh gegründet, die die Zucht von langlebigen Weidekühen fördert. Und der Bund führt seit kurzem das Unterstützungsprogramm «Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion».

Doch daneben geht der Irrsinn weiter, gesponsert von der Futtermittelindustrie. Manche ZüchterInnen riskieren für Auszeichnungen sogar das Leben ihrer Tiere; sie melken die Kühe vor Viehschauen möglichst früh, damit das Euter zum Platzen prall ist. Ein solches «überladenes Euter» hatte auch Accolade Fantaisie, die vor drei Jahren an der Arc Jurassien Expo in Saignelégier den «Schöneuter»-Preis gewann. Vier Tage später war sie tot.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch