Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

Die Geisel im Keller

Von Florian KellerMail an Autor:in

Der junge Mann spricht die Worte ganz leise, aber sie detonieren wie eine Splitterbombe im Kopf. Gott, sagt der junge Mann, sei ein Freiheitskämpfer. Und dann: «Gott ist ein Terrorist.» Aber nein, hier redet kein Sprecher des Islamischen Staats, sondern ein jüdischer Untergrundkämpfer in Palästina, im Jahr vor der Gründung Israels.

Den Satz hat der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel geschrieben, in seiner autobiografisch gefärbten Novelle «L’Aube» (1960). In der Verfilmung ist es jetzt Joel Basman, der diese Worte sagt. Der Zürcher spielt Elisha, einen polnischen Juden, der den Holocaust überlebt hat und nun als Novize für die Untergrundarmee Irgun rekrutiert wird. Der hebräische Staat, so das Versprechen, werde ihm eine neue Familie sein.

Doch für die Gründung dieser Familie soll Elisha töten. Bis zum Morgengrauen muss er warten: Sollten nämlich die britischen Besatzer am Ende der Nacht einen jüdischen Gefangenen hinrichten, soll im Gegenzug auch der britische Offizier (Jason Isaacs) sterben, den Elishas Terrorzelle als Geisel im Keller gefangen hält. Und als Vollstrecker ist Elisha vorgesehen.

Der Westschweizer Regisseur Romed Wyder («Absolut») macht daraus ein Kammerspiel von gedämpfter Spannung, bei gedämpftem Licht. «Dawn» ist ein Thesenfilm zur Frage nach der gerechten Gewalt, geschult auch an Walter Benjamin. Trotz des eindringlichen Spiels des viersprachigen Ensembles überzeugt der Film mehr als Versuchsanlage denn als politisches Drama, und es ist Basman als designierter Mörder, der sich in der verschworenen Runde als ethisches Gewissen zu behaupten versucht.

Der didaktische Ausklang wäre dann nicht nötig gewesen: Archivbilder, zu einer kurzen Geschichte Israels von der Staatsgründung bis zur jüngeren Vergangenheit zusammengeschnitten – ein Kreislauf der Gewalt im Schnelldurchgang. Der neue Staat, so zeigt der Film, ist bereits kontaminiert durch den Makel der Gewalt, die ihm den Boden bereiten wollte. Das haben wir allerdings schon vor der plakativen Schlusslektion begriffen.


Ab 25. Juni 2015 im Kino.

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