Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Wachstum: Fehlanzeige

Bisher waren vor allem Linke überzeugt, dass unser Wirtschaftssystem seinem Niedergang entgegenschreitet. Nun hat die Katastrophenstimmung auch die Mainstreamökonomie erreicht.

Von Robert Misik

Ein Gespenst geistert durch die Welt der ÖkonomInnen: das Gespenst vom Niedergang des Kapitalismus. Lawrence Summers, der ehemalige US-Finanzminister und spätere Investment-Zampano, nennt es «secular stagnation» – lang andauernde Stagnation –, Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman spricht vom «permanent slump», dem permanenten Niedergang; selbst auf den Seiten des US-Magazins «Forbes» fragt man sich schon: «Is Capitalism Dying?»; der Starökonom James K. Galbraith konstatiert zumindest ein «End of Normal», dass also das, was wir seit 300 Jahren mit dem Kapitalismus gleichsetzen – Wachstum, Wohlstandsausweitung und Ähnliches –, nunmehr an sein Ende kommt.

Nun sind Untergangsprognosen so alt wie der Kapitalismus selbst. Bisher wurden sie aber in der Geschichte vor allem von – meist linken – KapitalismuskritikerInnen vorgetragen, und in deren Fall war die Prognose nicht immer leicht von ihrer Wunschvorstellung zu unterscheiden. Doch jetzt verbreitet sich die Katastrophenstimmung auch unter denjenigen, die den Kapitalismus eigentlich für ein dynamisches, funktionstüchtiges System oder zumindest als erhaltenswert betrachten.

Keine Innovationen mehr

Eine Reihe von ForscherInnen hat jedenfalls recht beunruhigende Krisenfaktoren zusammengetragen: Bereits bei Ausbruch der Finanzkrise 2008 haben Ökonomen des US-amerikanischen Levy Economics Institute in einem Papier klargemacht, dass die «Krise nicht mit konventionellen Heilmitteln gelöst» werden könne. Das Wachstum der führenden kapitalistischen Länder war schon seit vielen Jahren nur mehr minimal gewesen und hat trotz des Schuldenexzesses vor 2008 selten die Ein-Prozent-Marke überschritten. Die blauäugige Hoffnung, China, Indien, Brasilien oder andere Schwellenländer könnten zur Wachstumslokomotive werden, nimmt sich als absurd aus. Zu gering ist deren Anteil am Welt-BIP noch immer, ihr Pro-Kopf-Einkommen bloss ein Bruchteil der Grossregionen, die in den letzten 300 Jahren für Wachstum verantwortlich waren – nämlich Europa, die USA und Japan.

Wachstum und Produktivität begannen, ab 1750 in Britannien, dann in Europa, dann in den USA steil zu steigen, die Zuwachsraten erreichten Mitte des 20. Jahrhunderts aber ihren Höhepunkt und nehmen seither stetig ab: So rechnet Robert J. Gordon vom US-amerikanischen Centre for Economic Policy Research vor. Seine These: Produktivitätszuwächse stossen in entwickelten Gesellschaften an ihre Grenzen. Gordon illustriert dies mit einem eingängigen Bild: 1850 bewegten sich die meisten Menschen noch mit höchstens zehn Kilometer pro Stunde fort. Dann wurden Eisenbahnen erfunden, hierauf Flugzeuge, und 1970 flog man mit der Boeing 747 900 Kilometer die Stunde. Seither wird die Menschheit aber nicht mehr «schneller» – de facto, so Gordon, werde sie langsamer, da die heutigen Boeings nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit fliegen, weil dafür der Sprit zu teuer ist.

Tatsächlich gebe es, so Gordon, seit geraumer Zeit überhaupt keine Innovationen mehr, die sich in merkbare Produktivitätsfortschritte übersetzen: Die Computertechnologie hat sich darauf verlegt, Produkte zu erschaffen, «mit denen wir dasselbe tun können, was wir schon vorher konnten, bloss in kleinerer und netterer Verpackung».

Doch nicht nur das geringere Produktivitätswachstum übersetzt sich in eine Tendenz zur Stagnation. Hinzu kommt zweierlei: erstens ein Ende des Bevölkerungswachstums in den industrialisierten Ländern – der Beitrag einer sich ständig ausweitenden Arbeitsbevölkerung zum Wachstum wird gemeinhin unterschätzt; zweitens der Verlust von immer mehr Jobs in der Industrie (wo hohe Produktivitätsfortschritte üblich sind) und eine Verlagerung zum Servicesektor, wo diese Möglichkeiten begrenzt sind. Persönliche Dienstleistungen wie Pflege oder medizinische Versorgung lassen sich praktisch nicht rationalisieren. Diese Sektoren sind «technologisch stagnierend», wie das mittlerweile auch der Internationale Währungsfonds in einem seiner Arbeitspapiere bezeichnet.

Der Ökonom James K. Galbraith weist dabei noch auf einen weiteren besorgniserregenden Sachverhalt hin: Bei allen bisherigen technologischen Revolutionen wurden Jobs wegrationalisiert, aber durch ebenso gute oder meist sogar bessere ersetzt. Der Landarbeiter etwa fand eine Stelle in der boomenden Industrie. Aber die neue technologische Revolution zerstört Jobs, ohne ausreichend neue zu schaffen. «Wirtschaftliche Chancen schwinden (…) Mit weniger Jobs haben weniger Menschen ein Einkommen», bemerkt Galbraith.

Wo soll aber angesichts all der Krisensymptome noch Wachstum herkommen? Zumal die Welt in Schulden versinkt, die durch Wachstum abgebaut werden sollen? «Im Jahr 2000 addierten sich alle Schulden, die irgendjemand auf diesem Globus hatte, auf 87 Billionen US-Dollar, 2014 betrug diese Zahl bereits 199 Billionen», steht in einer kürzlich publizierten Studie des Beratungsunternehmens McKinsey. Nun ist diese Zahl astronomisch und beängstigend, aber auch ein wenig irreführend. «Das sind doch nur die Bruttoschulden, und das sagt überhaupt nichts aus», meint der Wirtschaftsforscher Heiner Flassbeck. Denn diesen Schulden stehen Finanzvermögen gegenüber, die andere Leute oder Firmen halten – oder die sogar die gleichen Wirtschaftssubjekte halten.

Das grosse Nullsummenspiel

Tatsächlich, das ergibt schon die Saldenlogik, müssen global Finanzvermögen und Finanzschulden gleich null sein, da jeder Zahlungsverpflichtung, die jemand eingegangen ist, ein Zahlungsversprechen gegenübersteht, das diese Person jemandem gegeben hat. Nun kann das aber nicht unbedingt beruhigen: Wenn viele Unternehmen und Personen hohe Schulden haben und andere wiederum hohe Vermögen, dann ist das selbst schon eine Quelle der Instabilität im System. Denn die Verschuldeten stehen dann bei der kleinsten Delle in der Konjunktur an der Schwelle zum Bankrott.

Zumal ganz unabhängig vom heutigen Stand der Verschuldung die Frage im Raum steht, ob der Kapitalismus im Zustand «säkularer Stagnation» oder – auch ein ökonomischer Fachbegriff, der gerade en vogue wird – als «stationary state» überhaupt existieren kann? Denn im Kapitalismus sind Prosperität und Innovation grundsätzlich auf Schulden gebaut. Der Investitionskredit hat die ungeheure Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems erst ermöglicht. Unternehmen nehmen Kredite auf, verschulden sich, um zu investieren, aber diese Investitionen rentieren nur, wenn es ausreichend Wachstum gibt. Gibt es das nicht, gibt es Pleitewellen.

Natürlich kann man sich auch einen «stationären» Kapitalismus vorstellen, in dem es immer noch kreditfinanzierte Innovationen gibt. Aber jedem Gewinner würde jemand gegenüberstehen, der verliert. Es gäbe keine Prosperität mehr, sondern nur mehr ein grosses Nullsummenspiel. Es wäre ein anderes System – und ein noch viel brutaleres! – als das bisherige.

Ökonomisch, also «wirtschaftstheoretisch», kann man sich auch die Überlebensfähigkeit eines solchen Systems vorstellen. Politisch – das heisst: real – eher nicht.

Robert Misik ist Journalist und Sachbuchautor und lebt in Wien.

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