Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Aufrecht aus dem Hochsicherheitstrakt

Der mächtigste Drogenboss der Welt ist zum zweiten Mal ausgebrochen. Der vielbesungene Tunnelpionier kann in Mexiko noch immer jeden bestechen.

Von Toni Keppeler

Seit den Gebrüdern Dalton und Billy the Kid gab es im Westen des amerikanischen Kontinents keinen Verbrecher, der genauso gefürchtet, gejagt und verehrt wurde wie Joaquín «El Chapo» Guzmán. Seit Samstag kann man sicher sein, dass sein Ruhm noch lange anhalten wird und dass mexikanische Bänkelsänger zu den vielen Balladen über sein Leben mindestens ein weiteres Dutzend schreiben und vertonen werden. Denn am Samstag um 21 Uhr Ortszeit ist El Chapo aus seiner von einer Videokamera überwachten Zelle im Hochsicherheitsgefängnis von Altiplano im Zentrum Mexikos durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel verschwunden. Es war schon sein zweiter spektakulärer Ausbruch.

Sein Spitzname «El Chapo» bedeutet «der Kurze» oder «der Stöpsel» und bezieht sich auf die Körpergrösse von Guzmán, der – je nach Quelle – 1,55 oder 1,65 Meter misst. Jedenfalls ist er klein geraten für das unzugängliche Bergland im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, wo Männer gewöhnlich hochgewachsen, hager und schweigsam sind. Dort wurde Guzmán vor 57 Jahren im Weiler La Tuna geboren, ging drei Jahre zur Schule und half dann seinem Vater auf dem Marihuanafeld. Der Anbau und Verkauf von Drogen ist seit über hundert Jahren die bei weitem wichtigste wirtschaftliche Aktivität in Sinaloa (siehe WOZ Nr. 35/13).

Ein Tunnelpionier

In den achtziger Jahren stieg El Chapo zum Logistikchef des Sinaloa-Kartells auf. Er war der erste Drogenboss, der seine Männer anwies, Tunnels unter der Grenze zwischen Mexiko und den USA zu graben, um unbemerkt gleich tonnenweise Marihuana und Kokain auf die andere Seite zu schaffen. Die Röhren, die man gefunden hat, waren mit Licht, Ventilationssystemen und Schienen ausgestattet. Die mexikanischen Behörden hätten also durchaus gewarnt sein können: Experten für den Tunnelbau sind beim Sinaloa-Kartell etliche vorhanden.

1993 wurde El Chapo in Guatemala verhaftet und nach Mexiko ausgeliefert, 2001 floh er aus dem Gefängnis. Nach der offiziellen Legende hat er sich im Lieferwagen einer Wäscherei unter schmutziger Bettwäsche versteckt. Die Journalistin Anabel Hernández hat diese Geschichte nach umfangreichen Recherchen 2010 widerlegt: Der Ausgang, durch den der Wagen Guzmán angeblich in die Freiheit brachte, war mit einem Wärmemelder ausgestattet, der selbst eine Ratte entdeckt hätte. Nach den Recherchen von Hernández versteckte sich Guzmán in der Krankenstation, bis die Bundespolizei das Gefängnis auf der Suche nach ihm stürmte. Bestochene Polizisten hätten ihn dann mit Uniform, schusssicherer Weste, Helm und Gesichtsmaske verkleidet und nach draussen geführt.

Zusammen mit Ismael «El Mayo» Zambada, dem heute vermutlich 67-jährigen Senior unter den Drogenbossen, hat El Chapo dann das Sinaloa-Kartell zum weltweit mächtigsten und wirtschaftlich stärksten Drogenimperium ausgebaut. Die beiden sind Paten alter Schule: In ihrem Kerngebiet in Sinaloa legen sie Wert auf Ruhe und ein gutes Verhältnis zur Bevölkerung. Sie veranstalten Dorffeste, lassen Schulen, Sportplätze und Kirchen bauen; sie schaffen Arbeitsplätze. Anders als bei den blutrünstigen jüngeren Kartellen sind in ihrem Unternehmen Schutzgelderpressung und Entführungen verboten. El Chapo und El Mayo wollen zu Hause nicht gefürchtet, sondern verehrt und versteckt werden. Gewalttätig sind sie trotzdem, vor allem, wenn es darum geht, Konkurrenzkartelle von wichtigen Drogenrouten zu vertreiben.

Nicht nur die mexikanischen Behörden waren hinter El Chapo her. Auch die USA jagten ihn wie einst Usama bin Laden. Er wurde immer wieder eingekreist und entwischte immer wieder – meist durch einen Tunnel. Zuletzt entkam er in Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa, wo sechs seiner Anwesen durch ein unterirdisches Wegenetz miteinander verbunden sind. Verhaftet wurde er im Februar vergangenen Jahres in der Hafenstadt Mazatlán in einer Ferienwohnung. Sie lag im vierten Stock und hatte keinen Tunnel. Präsident Enrique Peña Nieto sagte damals, er werde «sicherstellen, dass sich eine Flucht wie vor ein paar Jahren nie, wirklich niemals wiederholt».

Spott auf Twitter

Trotzdem ging El Chapo Guzmán aufrecht in die Freiheit. Der Tunnel, den seine Organisation gegraben hat, ist gut siebzig Zentimeter breit und 1,65 Meter hoch, ausgestattet mit Licht, Ventilationsanlage und Schienen für ein Motorrad. Es liegt nahe, dass solche Bauarbeiten nicht ohne Mitwisser im angeblich sichersten Gefängnis Mexikos ausgeführt werden konnten. Dreissig Bedienstete einschliesslich des Direktors sind zu Vernehmungen vorläufig festgenommen worden. Die Flucht zeigt wieder einmal: Solange im Drogenhandel Milliarden verdient werden, kann jede und jeder bestochen werden; die Bundespolizei, die Wachmannschaft eines Hochsicherheitsgefängnisses, die Bevölkerung einer ganzen Region.

«Sag niemals nie», twitterte El Chapo aus der Freiheit. Eine Viertelmillion Menschen haben seine Verlautbarungen auf der Kurznachrichtenplattform abonniert. Sie strotzen vor orthografischen Fehlern – was darauf hinweisen könnte, dass sie tatsächlich von einem geschrieben werden, der nur drei Jahre lang zur Schule ging.

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