Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Eine Jagd wie einst auf Bin Laden

Bei der Jagd auf Rauschgiftbosse und Mittelsmänner in Ländern wie Honduras und Mexiko wenden die USA Strategien aus ihrem Afghanistanfeldzug an – und begehen dieselben Fehler.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero

Am 19. Februar dieses Jahres dachten die Verantwortlichen der US-amerikanischen Antidrogenbehörde DEA, es sei endlich so weit. Tags zuvor hatte US-Aussenministerin Hillary Clinton Los Cabos im mexikanischen Bundesstaat Baja California Sur besucht; die DEA-AgentInnen vor Ort hatten im Vorfeld schon herausgefunden, dass sich in der Stadt ein Mann versteckt hält, auf den die Regierung in Washington ein Kopfgeld von fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt hat: Joaquín «El Chapo» Guzmán verbrachte dort ein paar Tage in einem Strandhaus an der Küste. Der Mann, so das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes», ist «der grösste Drogenbaron aller Zeiten».

Die SchnüfflerInnen der DEA steckten ihre Informationen den mexikanischen Behörden, und die nutzten das wegen des Clinton-Besuchs hohe Militäraufkommen als Tarnung, um das Strandhaus unauffällig zu umzingeln. Doch als sie zuschlugen, war El Chapo bereits entwischt.

Vorgehen wie in Pakistan

In Washington waren die DrogenbeamtInnen frustriert. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihr Wissen um den Aufenthaltsort von Guzmán mit mexikanischen KollegInnen geteilt hatten und der Gesuchte rechtzeitig davon Wind bekommen hatte. Der gescheiterte Verhaftungsversuch von Los Cabos war bereits der sechste. Guzmán hat beste Kontakte zu hochrangigen mexikanischen Politikern, Militärs und Polizisten, und er pflegt sie mit vielen Dollars.

Der Reinfall vom 19. Februar soll der letzte gewesen sein. Das nächste Mal will das US-Militär selbst zuschlagen. Mexikos Regierung soll erst davon erfahren, wenn alles schon vorbei ist. Ein Seal-Kommando – eine Spezialeinheit der US-Marine – soll Joaquín Guzmán in einer Geheimoperation zur Strecke bringen. Der dafür im Pentagon ausgearbeitete Plan ist eine Kopie des Überfalls auf einen Wohnkomplex im pakistanischen Abbottabad, bei dem am 2. Mai 2011 der Al-Kaida-Chef Usama Bin Laden erschossen wurde.

Bereits Ende Februar hat Janet Napolitano, US-Ministerin für Innere Sicherheit, bei einem Treffen in Mexiko-Stadt versucht, den mexikanischen Innenminister Alejandro Poiré von dem Plan zu begeistern. Die Operation sei «einfach, schnell, chirurgisch». Präsident Felipe Calderón wollte zunächst wohl mitspielen, beriet sich aber dann noch mit seinen Generälen, wo er auf offenen Widerstand stiess. Eine selbstständige Militäroperation der USA auf mexikanischem Boden zu genehmigen, argumentierten sie, das sei ein glatter Verfassungsbruch. Calderón schreckte zurück. Auch das Angebot, ein paar beteiligte US-Soldaten als mexikanische Polizisten zu verkleiden, war ihm schliesslich nicht mehr geheuer. Seine konservative Nationale Fortschrittspartei (PAN) steckte mitten im Wahlkampf und konnte sich einen offenen Konflikt zwischen Präsident und Armeespitze nicht leisten.

Nach der Wahlniederlage von Calderóns PAN am 1. Juli können sich die USA nun berechtigte Hoffnungen für ihren Seal-Plan machen. Der neu gewählte Präsident, Enrique Peña Nieto, ist viel leichter unter Druck zu setzen. Ihm und seiner Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) werden beste Kontakte zu Drogenmafias nachgesagt. Lehnt auch er den US-Eingriff ab, könnte das als Bestätigung seiner Nähe zu den Kartellen ausgeschlachtet werden. Mexikanische Militärs haben Details der geplanten Geheimoperation dem Nachrichtenmagazin «Proceso» zugespielt, US-Militärs haben sie bestätigt.

Mit Helikoptern und Drohnen

Joaquín Guzmán ist einer der beiden Chefs des Sinaloa-Kartells, das nach dem mexikanischen Bundesstaat benannt ist, in dem es gross geworden ist. Dort kann sich Guzmán bewegen wie in seinem Wohnzimmer, und dort soll er auch von den US-Militärs geschnappt oder getötet werden. An der Aktion sollen drei kleine Seal-Einheiten beteiligt sein. Die Abkürzung steht für «Sea, Air, Land» – die Truppe ist für Einsätze auf dem Wasser, in der Luft und an Land trainiert. Die drei Gruppen sollen in Helikoptern eingeflogen und von drei mit Raketen bestückten Aufklärungsdrohnen unterstützt werden.

Während zwei Seal-Gruppen von den Drohnen dirigiert auf dem Boden gegen das Versteck des Kartellchefs vorrücken, so der Plan, bleibt die dritte in der Luft, um im Notfall schnell als Verstärkung vor Ort zu sein. Sollten die Leibwächter Guzmáns von der Operation Wind bekommen und sich auf eine Verteidigungsschlacht vorbereiten, können die Drohnen mit ihren Raketen ins Geschehen eingreifen. Wenn alles klappe, dauere der eigentliche Zugriff nicht mehr als fünfzehn Minuten und werde im Pentagon und im Nationalen Sicherheitsrat in Washington live per Videoeinspielung verfolgt. Sollte Guzmán seiner Verhaftung Widerstand entgegensetzen, werde er erschossen.

El Chapo, der Spitzname von Guzmán, bedeutet so viel wie «der Kurze» oder «der Winzling» und bezieht sich auf seine Körpergrösse von gerade einmal 1,68 Meter. Er wurde – ob 1955 oder 1957 ist unklar – auf einer Ranch in der Nähe von Culiacán im Bundesstaat Sinaloa geboren, hatte vermutlich vier Brüder und zwei Schwestern und einen Vater, der wie viele in der Gegend ein kleiner Viehzüchter war und eventuell auch ein bisschen Schlafmohn anbaute. Über ihn soll der kleine Joaquín ins Drogengeschäft geraten sein.

Weil er ein kühler Denker und Stratege ist – unter anderem soll er hervorragend Schach spielen –, stieg er schnell zum Logistikchef des Sinaloa-Kartells auf und war spätestens Ende der neunziger Jahre Kartellchef, gemeinsam mit Ismael Zambada, genannt «El Mayo», dem heute 64 Jahre alten Senior unter den Drogenbossen. Zusätzlich zum Handel mit Kokain stieg Guzmán um diese Zeit in das Geschäft mit Amphetaminen ein. Das ist rentabler als der Kokainhandel: Er musste keine kolumbianischen Produzenten bezahlen, sondern nur die billigen chemischen Rohstoffe aus China, Thailand und Indien importieren und ein Labor aufbauen.

El Chapo war einer der ersten Drogenhändler mit einer überregionalen Strategie. Er nutzte das unkontrollierte Hinterland von Guatemala als Zwischenspeicher für die aus Kolumbien kommende Ware und war dort so sorglos, dass er am 9. Juni 1993 verhaftet, nach Mexiko ausgeliefert und zu zwanzig Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Am 19. Januar 2001 gelang ihm die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Ein Wärter öffnete seine elektronisch gesicherte Zellentür. Unter einem Stapel Schmutzwäsche versteckt, verliess Guzmán die Haftanstalt. Angeblich hat ihn die Flucht 2,5 Millionen Dollar gekostet.

Seither wechselt er ständig die Allianzen, verbündet sich einmal mit diesem und bricht dann mit jenem anderen Drogenboss und machte so das Sinaloa-Kartell zum mächtigsten in Mexiko. Sein Privatvermögen schätzt «Forbes» auf gut eine Milliarde Dollar. Die Zeitschrift «Time» zählt ihn zu den fünfzig einflussreichsten Männern der Welt. Die Regierung in Washington führt ihn auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher. Dort stand nur Usama Bin Laden vor ihm. Es erscheint also fast logisch, ihn mit denselben Mitteln zur Strecke zu bringen wie den Chef von al-Kaida.

Der Hammer aus Washington

Die Strategie, mit kleinen und sehr beweglichen Einheiten am Rand oder jenseits des Gesetzes in den Krieg gegen die Drogenkartelle zu ziehen, gilt nicht nur für ihn, sondern seit Januar für ganz Mittelamerika. Seither läuft die sogenannte «Operation Martillo» (deutsch: Hammer), die in Guatemala, Honduras, El Salvador, Costa Rica und Panama Drogenhändlern den Garaus machen soll. Durch diesen Korridor werden rund neunzig Prozent des für die USA bestimmten Kokains transportiert, mindestens zwei Drittel davon durch Honduras. Dort verbringt El Chapo angeblich gerne seine Ferien.

Die DEA hat in Honduras an der unwegsamen Atlantikküste in den vergangenen Monaten drei Forts nach dem Vorbild der US-Aussenposten in Afghanistan aufgebaut und betreibt sie gemeinsam mit heimischen PolizistInnen. Offiziell hat die US-Armee damit nichts zu tun: Die Helikopter dieser Einheiten werden vom Aussenministerium finanziert und von guatemaltekischen Vertragspiloten geflogen. Schiessen tun angeblich nur die HonduranerInnen. Die DEA-BeamtInnen beraten und dürfen nur zur Waffe greifen, wenn ihr eigenes Leben unmittelbar bedroht ist.

Wie in Afghanistan kommt es auch in Honduras zu tödlichen Verwechslungen. So hatte am 11. Mai dieses Jahres ein Aufklärungsflugzeug am Río Patuca ein Drogenflugzeug entdeckt, dessen Ladung auf ein Boot umgeladen wurde. Vier Helikopter des nächstgelegenen Aussenpostens stiegen auf, nahmen aber nicht die Drogentransporteure unter Beschuss, sondern ein Boot mit dreizehn Miskito-IndianerInnen, die von einer Einkaufsfahrt in ihr Dorf Ahuas zurückkehrten. Zwei Männer und zwei schwangere Frauen wurden bei diesem Einsatz getötet, fünf weitere Menschen wurden verletzt. DEA-Männer waren mit an Bord der Kriegsmaschinen, haben aber angeblich nicht selbst geschossen.

Tod nach «drohender Geste»

Sicher ist jedoch: Innerhalb der letzten zwei Monate haben DEA-Beamte in Honduras zwei Menschen erschossen. Am 25. Juni hatte eines der schnellen Eingreifkommandos Drogenhändler beim Entladen eines Kleinflugzeugs ertappt. Vier der Männer liessen sich widerstandslos festnehmen. Ein fünfter aber habe eine Bewegung gemacht, als wolle er nach einer Waffe greifen. Da habe der DEA-Mann in Selbstverteidigung geschossen.

Der Vorfall vom 3. Juli sollte zunächst vertuscht werden. Nach dem Absturz eines Drogenflugzeugs seien die beiden Piloten verhaftet worden, hiess es in einer ersten Mitteilung. Einer sei seinen Verletzungen erlegen. Erst später gab DEA-Sprecherin Dawn Dearden zu, dass der Verletzte von einem ihrer Männer erschossen worden war. In Selbstverteidigung, versteht sich. Der Mann habe «eine drohende Geste gemacht».

Verwechslungen wie die im Dorf Ahuas können sich jederzeit wiederholen. In dieser bitterarmen Gegend, in der fast neunzig Prozent der Menschen arbeitslos oder unterbeschäftigt sind und der Staat so gut wie gar nicht präsent ist, hilft man gerne für eine Handvoll Dollars beim Kokainverladen. Die Kartelle nutzten die Not in solchen gesetzlosen Gegenden ganz gezielt, sagt der auf organisiertes Verbrechen spezialisierte Uno-Berater Eduardo Buscaglia. Das Geschäft mit den Drogen werde dort Teil des Alltags. Es sei schwer zu entscheiden, wer dazugehört, wer nicht. Mit militärischen Schlägen jedenfalls komme man nicht dagegen an, allenfalls mit gezielter Entwicklungspolitik. Und selbst wenn ein Seal-Kommando Guzmán erledigen sollte, sei das kein Erfolg. «El Chapo ist nur der Geschäftsführer und kann sofort ersetzt werden». Die eigentlichen Besitzer der Kartelle «sind Hunderte von Politikern und Geschäftsleuten, die alle ganz legal leben». Nicht nur im Dschungel von Honduras, auch ganz oben sind die Grenzen fliessend.

Die Legalisierungsdebatte in Lateinamerika

Staatliches Marihuana

Man muss kein Linker sein, um einzusehen, dass Drogenkartelle allein mit militärischen Mitteln nicht kleinzukriegen sind. Das wirtschaftsliberale britische Wochenmagazin «Economist» fordert seit Jahren die Legalisierung von Drogen und hat für seine Haltung ein einfaches markttheoretisches Argument: Wenn – wie derzeit – weltweit jährlich geschätzte 320 Milliarden US-Dollar mit illegalen Drogen umgesetzt werden, ist das Zeug für Mafiagruppen einfach zu attraktiv, um die Finger davon zu lassen.

Doch Mexikos Präsident Felipe Calderón will auch nach den vermutlich mehr als 60 000  Toten in den knapp sechs Jahres seines Kriegs gegen die Kartelle nicht einsehen, dass diese Strategie gescheitert ist. Dabei ist die Legalisierung in Lateinamerika schon lange kein Tabu mehr. Bereits vor gut zwei Jahren hat Calderóns Parteifreund und Amtsvorgänger Vicente Fox gemeinsam mit dem ehemaligen brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und anderen eine Debatte darüber angestossen. Sie blieb lange rein akademisch. Fox und Cardoso haben keine politische Verantwortung, und als sie noch im Amt waren, dachten sie nicht daran, auch nur Marihuana zu legalisieren.

Als Guatemalas rechter Präsident Otto Pérez Molina Anfang des Jahres mit grossem Tamtam eine vorsichtige Legalisierung vorschlug, war er der erste amtierende Staatschef Lateinamerikas, der sich das traute. Nur wollte er es nicht alleine tun. Weil er keine Verbündeten fand, hat sich die Aufregung um seinen Vorstoss schnell wieder gelegt.

Uruguays linker Präsident José Mujica war viel leiser, aber tatkräftiger: Vor zwei Wochen hat er dem Parlament einen Gesetzesentwurf vorgelegt, nach dem der Staat in Zukunft Marihuana anbauen und auf einem kontrollierten Markt an KonsumentInnen verkaufen soll. Es wird erwartet, dass das Gesetz verabschiedet wird. Bolivien, wo das Kauen von Kokablättern seit je legal ist, will folgen. Den Kartellen wird das wehtun: Marihuana ist in der Herstellung die billigste Droge, hat den grössten Markt und garantiert deshalb hohe Gewinne.

Toni Keppeler

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch