Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Mit Mani Matter die Oper zerlegen

Der Komponist Jürg Wyttenbach arbeitete mit seinem Jugendfreund Mani Matter an einer Oper, als dieser tödlich verunglückte. Jahrzehnte später hat er das Werk nun vollendet, am Lucerne Festival wird es uraufgeführt.

Von Thomas Meyer

Manchmal spielt der Zufall auf makabre Weise: Da hat ein Autor gerade ein Libretto mit dem Titel «Der Unfall» beendet, die Uraufführung der Oper an der Hamburgischen Staatsoper ist bereits in Aussicht, da kommt er bei einem Autounfall ums Leben. So geschah es am 24. November 1972 bei Kilchberg: Mani Matter war unterwegs nach Rapperswil, als sein Wagen mit einem Laster kollidierte. Der Komponist Jürg Wyttenbach, der bereits an der Vertonung der Texte sass, hatte danach keine Lust mehr, daran weiterzuarbeiten. Das Stück blieb jahrzehntelang unfertig liegen, doch losgelassen hat es ihn nie ganz. Nun – auf seinen 80. Geburtstag am 2. Dezember hin – hat er es wieder hervorgeholt. Altes wurde übernommen, Neues hinzukomponiert; und so erscheint «Der Unfall» als Madrigalspiel für zehn Mitwirkende nun erstmals beim Lucerne Festival auf der Bühne, in einem Programm mit dem wortspielenden Gesamttitel: «WyttenbachMatterial».

Der dreifache Cellist

Es ist wohl ein Schlüsselwerk für Wyttenbach, und aus diesem Grund musste es endlich doch vollendet werden. Denn es ist geprägt von seinen Anfängen – und enthält bereits vieles, was sein Musikschaffen später ausmacht. Matter und Wyttenbach wollten mit dem «Unfall» nämlich das Genre Oper nach allen Regeln der Kunst in seine Bestandteile Sologesang, Chorgesang, Gestik und Instrumentalmusik zerlegen und neu zusammensetzen. Heraus kam die Geschichte eines Cellisten, der in dreifacher Person auftritt: als Pantomimeclown, als vernünftiger Sprecher und als emotional reagierender Cellist. Für Verwicklungen ist da vorgesorgt.

Diese anarchische Vorgehensweise hat tiefe Wurzeln. Matter und Wyttenbach kannten einander vom Kindergarten weg, gingen zusammen aufs Gymnasium in Bern und führten dort manchen frechen artistischen Streich aus. Nach der Matura wählte Matter das Jusstudium und begann daneben seine Karriere als Berner Troubadour. Wyttenbach studierte Klavier und Komposition in Bern und Paris und wurde bald eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Schweizer Musikszene. Seit langem wohnt und arbeitet er in Basel. Die Freundschaft und Zusammenarbeit setzten sie auch später fort – bis zum jähen Ende. Den künstlerischen Impuls daraus führte Wyttenbach danach allein weiter – und durchbrach damit Genregrenzen.

In seinen frühen Werken war Wyttenbach durchaus den strengen seriellen Kompositionsmethoden eines Pierre Boulez oder eines Karlheinz Stockhausen gefolgt, ähnlich wie seine Altersgenossen Heinz Holliger und Hans Ulrich Lehmann. Und als Pianist und Dirigent hat er sich immer wieder für diese Neue Musik eingesetzt. Ihm selber als Komponisten jedoch genügte das bald einmal nicht mehr, da brachen die Töne aus und auf, gebärdeten sich wild und frei, aktionistisch, theatral – und so entstand Wyttenbachs eigener Stil.

Instrumentales Theater

Jürg Wyttenbach wurde zum hierzulande wichtigsten Vertreter eines «instrumentalen Theaters». Die MusikerInnen spielen dabei nicht nur Wyttenbachs Musik, ihr ganzes Auftreten und Agieren wird auf seine gestischen und szenischen Aspekte hin weiterentwickelt. So rezitiert etwa die Geigerin in Wyttenbachs «Trois chansons violées pour une violoniste chantante» Gedichte und stampft mit dem Fuss; und in Wyttenbachs neuem Violinkonzert mit dem kuriosen Titel «Cortège pour violon, accompagné de ‹La Fanfare Harmonie du village›» führt sie als «Harlekin des Todes» eine imaginäre Dorfmusik an. Die Basstuba spielt dabei den übergewichtigen Bürgermeister, die Trompeten sind zwei Veteranen der Revolution. Angeregt wurde Wyttenbach dabei von Gustave Courbets Gemälde «Ein Begräbnis in Ornans».

Töne sind also nicht nur Töne, nicht nur abstrakt und seriös, sondern sie kommen ins Spiel, verkleiden sich und bewegen sich über ihre Grenzen hinaus, und auf einmal entsteht dabei etwas Absurdes, Existenzielles, Albträumerisches und gleichzeitig etwas äusserst Lebhaftes und Nahegehendes. Wyttenbachs grosses Vorbild ist dabei der Renaissanceschriftsteller François Rabelais (1494–1553), dessen Riesengestalten Gargantua, Badebec und Pantagruel immer wieder durch sein Œuvre geistern. Die Art, wie Rabelais mit Erzählformen oder Dialekten experimentierte, hat Wyttenbach schon immer inspiriert: «Rabelais’ grosser Freiheitsdrang ist wie ein Strom, der alles überschwemmt und in dem alles Platz hat, das Verrückteste und das Blasphemischste, aber auch das Intelligenteste. Für mich ist er der erste moderne, aufgeklärte Mensch, und seine Form des ‹roman fleuve› spricht mich sehr an. Man kann überall einsteigen und immer wieder etwas Tolles finden, ohne an eine romantische Geschichte gebunden zu sein, die von A bis Z abläuft.»

Gleich mehrere Denkmäler hat Wyttenbach Rabelais gesetzt – diese Denkmäler aber immer in unsere Zeit und Umgebung hineingestellt. Im Musiktheaterstück «Gargantua chez les Helvètes du Haut-Valais oder: ‹Was sind das für Sitten!?›» gerät der Held unter die Walliser – was nicht ganz trocken abgehen kann. Und in «L’ours bernois après la défaite à Marignano» wird der Berner Bär nach der Niederlage von Marignano 1515 von Rabelais verspottet, wobei der Komponist diesen Spott nicht nur aufs 16. Jahrhundert bezieht. Jürg Wyttenbach ist ein wacher Zeitgenosse, der in seinen Geschichten von heute erzählt.

«WyttenbachMatterial» in: Luzern, Luzerner Theater, Freitag, 21. August 2015, und Samstag, 
22. August 2015. Mit den Basler Madrigalisten unter der Leitung von Raphael Immoos.

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