Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Refugees welcome?

Etrit Hasler über den Umgang mit Flüchtlingen im Sportbereich

Von Etrit Hasler

«Ausnahmsweise ist der Sport der Gesellschaft voraus», sagte der St. Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner anlässlich der Gründung der SP-MigrantInnen. Tatsächlich scheinen in der Schweiz die üblichen Schubladen der Fremdenfeindlichkeit gegenüber MigrantInnen und insbesondere Flüchtlingen im Sport abgeschwächt oder teilweise ganz ausser Kraft gesetzt.

So hat von Leichtathlet Kariem Hussein – immerhin Thurgauer des Jahres – bisher noch niemand verlangt, dass er sich von irgendwelchen Anschlägen distanziere. Und auch die Frage, ob die Eltern der Hundertschaften tschechischer und slowakischer Jugendlicher, die in den achtziger Jahren das Überleben von Provinzeishockeyklubs in der Ostschweiz und in Zürich sicherten, nun «echte» oder eben doch Wirtschaftsflüchtlinge waren, hat hierzulande nie jemanden interessiert. Erst recht nicht, seit aus jener Generation und deren Nachkommen auch noch Tennisstars wie Martina Hingis und Belinda Bencic hervorgingen.

Nicht einmal die Tatsache, dass die Familie von Fussballstar Valon Behrami dreimal einen Ausreisebescheid erhalten hatte, bevor sie (unter anderem aufgrund von Protesten in ihrer Wohngemeinde Stabio) endlich bleiben durfte, wurde jemals skandalisiert. Und das, obwohl die SVP sonst kaum eine Gelegenheit auslässt, legale Rekursmöglichkeiten für Asylsuchende als Chaos abzutun.

Natürlich – man muss nicht weit blicken, um Gegenbeispiele zu sehen. In Deutschland, wo die Gewalt gegen MigrantInnen ein Ausmass angenommen hat, das man seit den neunziger Jahren nicht mehr für möglich gehalten hätte, sind es auch die Sportvereine, die mitprotestieren. Dies, weil Flüchtlinge mangels Unterkünften im ganzen Land in Sporthallen eingebunkert werden und viele Vereine somit kurzfristig ihre Trainingsplätze verlieren. Im brandenburgischen Nauen nahe Berlin wurde vor kurzem sogar eine Sporthalle abgefackelt, bevor sie als Unterkunft genutzt werden konnte – wohl ganz nach dem Motto «Wenn wir die Halle nicht haben können, kriegt sie niemand».

Als Beobachter aus der Ferne fragt man sich, wieso sich ausgerechnet die ostdeutschen Sportvereine nicht mehr daran erinnern, dass es noch nicht so lange her ist, dass DDR-SportlerInnen in Scharen in den Westen flüchteten. Zum Beispiel der Schwimmer Axel Mitbauer, der 25 Kilometer weit durch die Ostsee schwamm, um die DDR hinter sich zu lassen – und das mitten in der Nacht. Oder die ebenfalls geflüchtete Leichtathletin Ines Geipel, die vor ein paar Jahren unter anderem dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, dass sie ihre unter Zwangsdoping erzielten Erfolge aus den Rekordlisten streichen liess.

Es geht aber auch in Deutschland anders: Seit dieser Saison spielt zum ersten Mal eine Flüchtlingsmannschaft in der deutschen Kreisliga – Welcome United 03 aus Babelsberg. Und der Deutsche Fussball-Bund (DFB) unterstützt seit diesem Jahr in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung mehrere Hundert Fussballvereine, die sich für Flüchtlinge engagieren, im Rahmen des Projekts «1 : 0 für ein Willkommen» – zugegebenermassen nicht der intelligenteste Titel (nicht zuletzt, weil ein knappes metaphorisches Resultat wie 1 : 0 einfach zu wenig ist), aber ein schönes Zeichen.

Als WOZ-Redaktor Jan Jirát bei der Lancierung des DFB-Projekts beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) nachfragte, ob es in der Schweiz etwas Ähnliches gebe, wurde ihm mitgeteilt, dass dafür das Geld fehle. Und «die dafür zuständigen Bundesdepartemente noch nie mit einem dementsprechenden Anliegen an den SFV herangetreten» seien. Da zumindest eines der Departemente, das Bundesamt für Sport, einem Bundesrat untersteht, der sich Sorgen um geteilte Loyalitäten bei DoppelbürgerInnen in seiner Armee macht, sollte uns das vielleicht nicht erstaunen.

Etrit Hasler ist Fan von Vereinen, die sich aktiv für Flüchtlinge einsetzen – etwa der SC Brühl und der FC Winterthur. Bei Letzterem wird 
er diesen Samstag das Finalspiel des «Kicks für Toleranz» kommentieren (vgl. «Fussball statt Angst und Zäune»).

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