Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Das grosse Gedächtnis des Wassers

Der Naturmystiker als politischer Forensiker: Patricio Guzmán schaut in seinem Film «El botón de nácar» aufs Wasser – und spiegelt darin die ganze Geschichte Chiles und noch viel mehr.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Selbst angesichts des Grauens träumt sich Patricio Guzmán mitunter in kosmische Gefilde. Still: Trigon Film

Grossaufnahme: An einem dünnen Zweig baumelt ein Regentropfen. Was will uns dieses Bild sagen? Die Antwort wird uns abgenommen, denn da ist die Stimme des Erzählers, die sie uns gleich selber vorbetet, in einer Prosa der Andacht: «Jeder Tropfen ist eine Welt für sich. Jeder Tropfen ist ein Atemzug.» Himmel, in welchem Meditationskurs sind wir denn hier gelandet?

Es klingt nach Kitsch, und das ist es auch, in diesem Moment. Der Tropfenzähler, der da redet, ist der chilenische Regisseur Patricio Guzmán, und sein dokumentarischer Essayfilm «El botón de nácar» ist tatsächlich eine Welt für sich. Das ist eine Meditation über das Wasser, wobei sich im Flüssigen überaus konkret die ganze Geschichte Chiles spiegelt. Es ist eine ethnografische Spurensicherung, die sich zu einer Kosmologie des Verschwindens auswächst. Eine kulturhistorische Wasserfahrt zwischen Himmel und Massengrab, die sich auch angesichts des Grauens nie das Träumen versagt. Und es ist ein Film, der zwar wie eine Entspannungsübung aus fliessenden Naturbildern daherkommt, mäandernd im Gestus, aber zupackend, wo es um die politische Vergangenheit geht.

Blick zu den Sternen

Der Naturmystiker als politischer Forensiker: So muss man sich diesen Patricio Guzmán vorstellen. Man konnte diese Personalunion zuletzt schon in seinem dokumentarischen Essay «Nostalgia de la luz» (2010) beobachten. Guzmán stieg dort zu den astronomischen Observatorien in der Atacamawüste hoch, wo der Mensch in die Sterne blickt, um das Rätsel vom Ursprung des Universums zu klären. Es war aber auch ein Film über die Verzweiflung der Frauen, die sich wünschen, dass man die Hightechteleskope dort oben nicht nur in den Himmel, sondern auch auf den Boden richten könnte – so würden sie die sterblichen Überreste ihrer Liebsten vielleicht leichter finden, die hier verscharrt wurden, als Opfer der Militärdiktatur. Blick zu den Sternen, Blick auf die Erde: So verschränkte Guzmán zwei ganz unterschiedliche Versuche, die Vergangenheit ans Licht zu holen.

«El botón de nácar» ist nun die nicht minder bildmächtige Fortsetzung, bloss dass Patricio Guzmán die Geschichte jetzt ins Wasser schreibt statt in den Sternen- und den Wüstenstaub. Man braucht hier manchmal eine gewisse Toleranz fürs Weihevolle, wenn der 74-Jährige die Bäche in Zeitlupe sprudeln lässt oder in seinen Gedanken in kosmische Gefilde entschwebt. Aber wieder ist das der Versuch, alles zusammenzudenken: Kindheit und Genozid, Militärputsch und Supernova, die elementare Sinnlichkeit der unbelebten Natur und die Schönheit des schweifenden Denkens, die Verbrechen des Kolonialismus und die Fantasie von einer kosmischen Gerechtigkeit. Aber wo beginnen?

Der dressierte Wilde

Vielleicht bei dem titelgebenden Perlmuttknopf, mit dem Guzmán wenn nicht alles, so doch vieles miteinander verbindet. Der Knopf als Währung für ein ganzes Leben: Das ist die Geschichte des Jemmy Button (1815–1864), eines Eingeborenen aus Feuerland, der sich eben für einen solchen Perlmuttknopf einst nach England verschiffen liess, wo man ihn, den Wilden, zu einem zivilisierten Menschen dressieren wollte. Guzmán schildert das als die verbürgte Legende eines Mannes, der tausend Jahre in die Zukunft reiste, von der Steinzeit mitten hinein in die industrielle Revolution. Und als Jemmy Button in seine Heimat zurückkehrte, auf einem Schiff, das auch einen jungen Naturforscher namens Charles Darwin mit an Bord hatte, wurde er zum Fremden im eigenen Land.

Jener Perlmuttknopf, sagt Guzmán, sei der Anfang vom Ende der indigenen Völker von Feuerland gewesen. Auch für die nomadische Gemeinschaft der Kawéskar: Diese hatten ihren Lebensraum einst an den südwestlichsten Zipfeln des Kontinents, in jenem weitläufigen Labyrinth aus Inseln und Fjorden, das sie auf ihren Kanus befuhren. Zwei Angehörige der Kawéskar bringt Guzmán vor die Kamera. Eine alte Frau übersetzt für ihn eine Reihe von Alltagsbegriffen in ihr Idiom, eine Sprache, die eigentlich so gut wie ausgestorben ist (und nur bei den Wörtern für «Gott» und «Polizei» winkt die alte Frau ab, nein, so etwas gebe es nicht bei ihnen). Ein anderer Nachfahre des einstigen Wasservolks träumt davon, wieder einmal zur See zu fahren auf seinem Kanu, das er selbst nach alter Sitte gebaut hat. Aber es ist ihm verboten, weil so ein Boot den heutigen Behörden nicht sicher genug ist.

Den zweiten Perlmuttknopf findet Patricio Guzmán dann an einem verkrusteten Schienenstück, das auf dem Meeresgrund geborgen wurde: der Knopf als Indiz eines Verbrechens. An dem Schienenstrang war einst ein Mensch festgebunden, ein Opfer der Militärdiktatur, die ihre Toten zu Hunderten vor der Insel Dawson im Meer versenken liess. Und wieder die doppelte Vergangenheit: Im 19. Jahrhundert wurden die Indigenen auf dieser Insel interniert, wo man ihnen ihre Sprache austrieb, ihren Glauben und auch ihre Kanus, also ihre Lebensgrundlage raubte. Rund hundert Jahre später, unter General Augusto Pinochet, wurde die Insel als Straflager für die Getreuen von Salvador Allende genutzt. Und wer es nicht überlebte, wurde aus einem Hubschrauber ins Meer geworfen.

Reisende in der Galaxis

Die beiden Knöpfe, so die These von Guzmáns Film, erzählen dieselbe Geschichte: «Es ist die Geschichte einer Vernichtung.» Dieselbe Geschichte? Natürlich nicht. Im staatlichen Terror unter Pinochet wiederholt sich ja nicht einfach die historische Auslöschung der indigenen Völker. Aber es gehört wohl zum Risiko einer forensischen Analyse mit den Mitteln der Poesie, dass sie nicht immer klar zwischen der assoziativen Analogie und einer Gleichsetzung unterscheiden will. Da braucht es nur eine Überblendung, und die indigene Gruppe der Selknam entpuppt sich in ihren sagenhaften rituellen Masken als eine Schar intergalaktischer Reisender.

«El botón de nácar» ist also ein Film, der auch zum Widerspruch einlädt, und das ist vielleicht ein Kennzeichen des sogenannten Essayfilms – ein Genrebegriff, der immer dann beschworen wird, wenn einem die Kategorie des Dokumentarfilms irgendwie zu prosaisch erscheint. Vor allem aber ist «El botón de nácar» ein filmisches Gedicht über ein Land, das mit den Kawéskar und anderen Stämmen auch das Wissen vom Wasser ausgerottet hat. Und nur deshalb, so könnte man sagen, konnten Pinochets Schergen später glauben, das Meer werde schweigen über die Toten, die sie darin versenkten. Aber Wasser ist ein Speichermedium, es speichert auch Geschichte. «Wasser hat ein Gedächtnis», sagt Patricio Guzmán. «Es vergisst nicht.»

Und auch wenn das nochmals eine ganz andere Geschichte ist: In einer Zeit, wo das Meer in unserer Nähe für Tausende von Menschen zum Friedhof wird, kann man sich gerade keinen wichtigeren Film vorstellen.

Ab 10. September 2015 im Kino.

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