Nr. 03/2022 vom 20.01.2022

Der unsichtbare Teil des Eisbergs

Die Ausstellung «Earth Beats» widmet sich Fragen, die mit der Klimakrise eigentlich akut wären. Doch der angekündigte Wandel des Naturbilds wird nicht wirklich greifbar.

Von Irène Unholz

Auf der Suche nach pflanzlicher Intelligenz: Die Performance-Künstlerinnen Flora Macas und Waira Jacanamijoy in Ursula Biemanns «Forest Mind 2021.» Still: Ursula Biemann

Wie sieht der Mensch die Natur? Und wie verorten wir uns selbst im Verhältnis zur Natur? Ausstellungen, die diese Diskussionen anstossen, spriessen wie Pilze aus dem Boden – und stellen nicht selten auch Pilze zur Schau. Der Kanon, in den sich «Earth Beats» im Zürcher Kunsthaus eingliedert, impliziert einen ideengeschichtlichen Wandel, der sich künstlerisch niedergeschlagen haben soll: Seit den siebziger Jahren trete die Natur «immer deutlicher als durch Menschenhand bedrohte und gleichzeitig schützenswerte Instanz auf» – im Gegensatz zur einst «idyllischen Szenerie» in der Landschaftsmalerei vergangener Jahrhunderte –, wie es in der Einleitung heisst.

Bildhaft untermauert wird dies vom Cover des «Whole Earth Catalogue», das Anfang der 1970er Jahre die Erde erstmals aus dem Weltall zeigt. Diese neue Perspektive regte ein Bewusstsein für die Fragilität und die Endlichkeit des blauen Planeten an. Ein Ende nahm der westliche Konsumrausch damit allerdings nicht. Und dass sich dazumal Erkenntnisse und Ereignisse häuften, die den Umweltbewegungen zum Aufschwung verhalfen, ging nicht automatisch mit einem plausibleren «Naturbild» in den Köpfen der Menschen einher. Unter den ausgestellten Werken aus diesem Zeitraum bilden die «Silueta» von Ana Mendieta, in denen sich die Silhouette der Künstlerin in die Landschaft schmiegt und somit eins mit ihr wird, eher die Ausnahme.

Wie klingt die Erde?

Der Vorstellung einer schützenswerten Natur, wie sie etwa bei Joseph Beuys zehn Jahre später aufscheint, liegt weiterhin eine menschliche Vormachtstellung zugrunde, die wir bis heute nicht ganz abgelegt haben. Sich von dieser Idee zu verabschieden, ist in der um die Jahrtausendwende vom Menschen nach sich selbst benannten erdgeschichtlichen Epoche des Anthropozäns auch gar nicht so einfach. Mit einer weniger menschen-, sondern vielmehr ökozentrischen Weltsicht sucht Ursula Biemann in ihrem Videoessay «Forest Mind» nach der Intelligenz von Pflanzen und legt Parallelen zwischen westlicher Wissenschaft und indigenem Wissen offen. Den in den kolumbianischen Amazonaswäldern gedrehten Film ergänzt ein schwarzes Quadrat an der Wand. Die hier aufgetragene Farbe enthalte die DNA des Regenwalds. Stünde diese Information nicht in weissen Lettern im Quadrat, bliebe sie dem menschlichen Auge verborgen. Ein Spin-off-Unternehmen der ETH Zürich hat die Wald-DNA aus Audioaufnahmen, einem Foto und einem Samen extrahiert. Bei der neuen Technologie in Form von mikroskopisch kleinen Glasperlen soll es sich um ein sehr dauerhaftes Speichermedium handeln.

Auch in einer Videoarbeit von Julian Charrière ist die wesentliche Information unsichtbar. Während das Auge einem Tauchgang und einem Streifzug über eine Insel mit seltsamen Betonruinen folgt, vermittelt erst die bleierne Soundkulisse ein Unbehagen. Wir befinden uns im Kapitel zur Radioaktivität, die Aufnahmen stammen aus dem Bikini-Atoll: Diese im Südpazifik gelegene Inselgruppe ist unbewohnbar, seit die USA dort in den Vierzigern und den Fünfzigern Atomwaffen testeten.

In einem Kapitel zu fossilen Energien lassen Mikhail Karikis und Uriel Orlow einen Männerchor erklingen. Sie leiteten einstige Minenarbeiter dazu an, mit ihren Stimmen typische Geräusche des Kohleabbaus nachzuahmen. Im Film «The Visible and the Invisible» von Oliver Ressler wiederum hört man abwechslungsweise eine unaufgeregte Stimme im Tonfall eines Nachrichtensprechers sowie ein Flüstern. Es verrät uns das treffende Vokabular, um die neokolonialen Mechanismen des heutigen Rohstoffhandels zu benennen. Als dessen globales Profitzentrum stellt sich die Schweiz heraus.

Erfrischender Duft

Obwohl diese Kunstwerke einen kritischen Blick auf die desaströsen Folgen des menschlichen Handel(n)s werfen, soll sich der Kunsthaus-Besuch nicht allzu unangenehm gestalten. So versichern Wandtexte und Katalog dem Publikum, dass mit verschwindenden Berufen im Bergbau «mindestens so viele neue Arbeitsplätze in neuen Berufsfeldern» geschaffen würden. Hoffnungsvoll wird mit Begriffen wie «Transformation» um sich geworfen, von denen in den meisten künstlerischen Arbeiten allerdings jede Spur fehlt. Dafür duftet der Holzboden des neuen Gebäudes erfrischend nach Berghütte.

Wer geht schon nicht gerne in die Natur und hat dabei zumeist ein Bild vor Augen, das einer romantischen Idylle näherkommt als der Vorstellung von komplexen Wechselwirkungen? Der angebliche Wandel lässt sich auch in dieser dichten Ausstellung auf dem engen Raum, der im neuen Erweiterungsbau neben den Sammlungspräsentationen noch übrig blieb, nicht eindeutig festmachen. Ein dazugehöriger Gletscherraum, der im alten Kunsthausgebäude unterkommen musste, spricht vielmehr dafür, dass auch schon Gemälde aus dem 18. Jahrhundert einen Sinn für die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur transportieren können.

Auf dem Weg dorthin durchquert man die unterirdische Passage, in der Olafur Eliasson Eisberge aus Marmor an die Decke montieren liess. Die Dauerinstallation macht den üblicherweise unter Wasser verborgenen Teil sichtbar – und funktioniert so bestens als Kommentar zum Umgang des Kunsthauses mit heiklen Themen.

«Earth Beats. Naturbild im Wandel» im Zürcher Kunsthaus. Bis 6. Februar 2022. www.kunsthaus.ch

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