Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Raffinerien mit offenen Türen

Die Förderung von Gold ist verbunden mit Kriegen, Unterdrückung und Umweltzerstörung. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth zeichnet in einem Buch nach, wie Schweizer Raffinerien dieses Gold für den Weltmarkt sauber machen.

Von Daniel Stern

Sie heissen Metalor, Argor-Heraeus, Valcambi und Pamp. Ausserhalb der Goldbranche sind sie kaum bekannt. Doch zusammen verarbeiten die vier grossen Schweizer Raffinerien zwischen 50 und 70 Prozent der jährlichen weltweiten Goldproduktion – rund 3000 Tonnen. Sie schmelzen die von internationalen Händlern in den Minenstädten hergestellten, noch unreinen Goldblöcke ein und produzieren daraus Goldbarren mit einem Reinheitsgrad von bis zu 99,999 Prozent.

Am dreckigsten Ort der Welt

Erst diese Barren, versehen mit ihrem Stempel, sind dann weltweit unbeschränkt handelbar. Niemand sieht solchem Gold mehr an, ob es aus der hoch industrialisierten Produktion von Russland, China oder Australien stammt oder von brandgefährlichen Kleinstminen aus dem Hochland Perus oder Ghanas; niemand kann mehr zurückverfolgen, ob es aus den Kriegsgebieten des Ostkongos geschmuggelt wurde oder ob ein kolumbianisches Drogenkartell die Goldblöcke mit einem ausgeklügelten System von Scheinfirmen und Falschdeklarationen benutzte, um sein schmutziges Geld zu waschen. Ist es erst einmal in die glänzenden gestempelten Barren Schweizer Herkunft überführt, kann es ohne jede gesetzliche Restriktionen weltweit zu Uhren oder Schmuck weiterverarbeitet werden, landet in den Tresoren der Banken oder wird für die Produktion von elektronischen Spezialteilen verwendet.

Mark Pieth, der Basler Strafrechtsprofessor und Spezialist für weltweite Geldwäscherei und Korruption, hat sich des Themas vertieft angenommen. In seinem Buch «Goldwäsche» beschreibt er das Goldgeschäft von der Förderung bis zu den Schmelzöfen im Tessin und im Jura. Dafür ist er etwa in die Minenstadt La Rinconada im Grenzgebiet von Peru und Bolivien gereist, dem «dreckigsten Ort der Welt», wo auf über 5000 Meter über Meer Tausende Minenarbeiter aus schlecht gesicherten Stollen das goldhaltige Erz ans Tageslicht holen. Dabei arbeiten viele nach einem uralten System, das sich «cachorreo» nennt: Der Ertrag von 28 Tagen im Monat geht an den Minenbesitzer, jenen der restlichen zwei Tage dürfen die Arbeiter behalten. Gegen Krankheit und Unfall sind sie nicht versichert. Das Gold lassen sie in kleinen Werkstätten mithilfe hochgiftigen Quecksilbers aus dem Erz lösen – die Luft und das Trinkwasser der Gegend sind entsprechend hoch belastet.

Pieth zeichnet nach, wie die Schweiz im Goldgeschäft immer wieder eine unrühmliche Rolle spielte: So kauften die Schweizer Banken während der Nazizeit für mindestens 1,7 Milliarden Franken Gold aus Deutschland, obwohl die Nationalbank spätestens seit 1941 wusste, dass ein grosser Teil dieses Goldes gestohlen war. In den achtziger Jahren spielten die Banken eine zentrale Rolle darin, Gold aus dem weltweit geächteten Apartheidregime Südafrikas durch ihre Goldschmelzwerke auf den Weltmarkt zu schleusen.

Heute gehören die Goldraffinerien nicht mehr den Schweizer Grossbanken. Und die Wege des schmutzigen Goldes sind verschlungener geworden. So importierte die Schweiz in den letzten Jahren aus keinem anderen Land mehr Gold als aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Dabei hat dieses Land gar keine eigenen Goldvorkommen. Auch fehlt den Goldraffinerien der VAE die internationale Anerkennung, das Plazet der London Bullion Market Association (LBMA). Das Land ist Anziehungspunkt von dubiosen Goldhändlern sowohl aus Südamerika wie dem südlichen Afrika. Ein Whistleblower der Prüffirma Ernst & Young deckte vor einigen Jahren auf, wie die VAE-Raffinerie Kaloti im grossen Stil Herkunftsspuren verwischte, indem sie Gold mit Bargeld zahlte und Sorgfaltsprüfungen systematisch unterliess. Bekannt ist, dass Kaloti Gold an die Schweizer Raffinerie Valcampi liefert.

Weich und durchlöchert wie Käse

Für Pieth sind die Schweizer Raffinerien die «Türwächter». Sie stehen an der Schwelle, wo Gold zum austauschbaren Handelsprodukt gemacht wird. Pieth fordert, dass sie die gesamte Lieferkette bis zu ihnen überprüfen. Doch die Selbstregulierung der Branche versagt, wie diverse aufgedeckte Skandale der letzten Jahre belegen. Die Auflagen der LBMA sind offenbar zu schwach, die vielen Labels der Branche ungenügend. Hart ins Gericht geht Pieth mit den Überwachungsgesellschaften, die im Auftrag der Raffinerien sogenannte Audits durchführen. Diese seien viel zu oberflächlich, es fehle den ÜberwacherInnen an den nötigen Branchenkenntnissen. Auch dem Bundesrat stellt Pieth ein schlechtes Zeugnis aus. Er betreibe einen «kommerziellen Opportunismus». Die Risiken würden heruntergespielt, um die Selbstregulierung der Branche aufrechterhalten zu können. Der entsprechende Rechtsrahmen in der Schweiz sei wie Schweizer Käse: «weich und voller Löcher».

Pieth fordert denn auch, dass Audits künftig die Lieferketten bis zur Raffinerie lückenlos feststellen müssen. Minen seien zu inspizieren, in Auditkomitees sollen auch VertreterInnen von Regierungen und der Zivilgesellschaft Einsitz nehmen. Zudem macht Pieth in seinem lehrreichen Buch klar, dass die Konzernverantwortungsinitiative, über die derzeit im Parlament diskutiert wird, ein zusätzlicher wichtiger Hebel wäre, um die Goldraffinerien in die Pflicht zu nehmen. Damit Kriegsfürsten, Drogenbaroninnen und Menschenschinder hier nicht länger ihr Gold waschen können.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch