Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Und Sie standen die ganze Zeit in der Küche?

Die Podien und Konferenzen am Klimafestival Alternatiba hat Olivier de Marcellus fast alle verpasst. Doch die Zusammenarbeit der vielen Freiwilligen hinter den Kulissen mitzuerleben, begeisterte ihn.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Magali Girardin (Foto)

Olivier de Marcellus: «Dieses Wochenende habe ich es sicher zehnmal erlebt, dass Leute ein Problem lösten, für das sie offiziell gar nicht zuständig waren.»

WOZ: Olivier de Marcellus, es ist Sonntagnachmittag, das Genfer Klimafestival Alternatiba geht zu Ende. Sind Sie zufrieden?
Olivier de Marcellus: Ich bin sehr glücklich. Die Ambiance war fantastisch, ich sah so viele strahlende Gesichter. Die Leute merken: Wir sind doch nicht so wenige, die sich für diese Themen interessieren. Am Freitagabend sagte mir der Concierge des Quartierzentrums von Plainpalais, es seien zwischen 800 und 1000 Leute da – nur für die Eröffnungsveranstaltung. Und 300 bis 400 Freiwillige haben eine riesige Arbeit geleistet.

Was war Ihre Aufgabe während des Festivals?
Ich war für die Küche zuständig. Darum habe ich fast alle Veranstaltungen verpasst. Ein halbes Jahr lang habe ich versucht, diesen Job loszuwerden und jemanden zu finden, der dafür besser geeignet ist, aber er blieb an mir hängen … Also musste ich Profiköche finden, die die Freiwilligen anleiten. Wir fanden einige Profis, die gratis arbeiten wollten, aber sie schafften es nie, einen Sitzungstermin zu finden. Es war zum Verrücktwerden. Doch in der letzten Minute kamen sie alle – und es funktionierte perfekt! Ich finde es faszinierend, wie gut sich hier alle selbst organisieren. Dieses Wochenende habe ich es sicher zehnmal erlebt, dass Leute ein Problem lösten, für das sie offiziell gar nicht zuständig waren. Sie trafen sich einfach im richtigen Moment.

Einige Referentinnen und Referenten aus Indien und Lateinamerika waren da. Haben Sie als Gruppe entschieden, wie viele Leute mit dem Flugzeug kommen dürfen?
Niemand kam extra für die Alternatiba mit dem Flugzeug. Die waren alle aus anderen Gründen in Genf. Berühmte Persönlichkeiten aus Übersee einfliegen, um mehr Publikum anzuziehen – das ist überhaupt nicht die Idee der Alternatiba. Im Gegenteil, es geht darum zu zeigen: Die Expertise ist hier! Wir haben in der Region Leute, die sich in nachhaltiger Landwirtschaft, mit Gemeingütern oder freier Software auskennen. Schliesslich haben wir als kleinen Kompromiss doch einige Experten aus Italien, Frankreich und Belgien eingeladen, etwa den Wasseraktivisten Riccardo Petrella. Wir haben fünf oder sechs Zugtickets bezahlt, das ist alles.

Wird die Alternatiba Genf weitermachen?
Wir können jetzt sicher nicht einfach aufhören – das Ziel war ja, ein Netz von klimapositiven Organisationen auf beiden Seiten der Grenze aufzubauen und ihnen bewusst zu machen, dass sie eine Bewegung mit einem gemeinsamen Ziel sind. Wir werden sie alle auf der Website verlinken, und wir werden für die Demo im Dezember an der Pariser Klimakonferenz mobilisieren. Im Januar diskutieren wir dann an einem öffentlichen Treffen, wie es weitergehen soll. Vielleicht können wir gemeinsame Kampagnen organisieren. Und wir haben für die Alternatiba ein Regionalgeld erfunden, das wir weiterentwickeln wollen, den Léman. Das ist ein sehr konkretes Mittel, Leute zu vernetzen.

Sie haben sich letzte Woche kritisch über kleine radikale Gruppen geäussert. Brauchen wir grosse Bewegungen?
Ja. Allerdings weiss ich nicht, ob wir grosse Demonstrationen brauchen. Zeitweise konzentrierten wir uns fast zu stark darauf – und zu wenig auf die Frage, wie wir die Bewegung in der Gesellschaft verankern.

Sie waren sehr aktiv in der Antiglobalisierungsbewegung. War die zu sehr auf Demos fixiert?
Nein, aber sie kümmerte sich zu wenig um den Rest. Im Süden war das anders, dort war die Bewegung bodenständig verankert in Gewerkschaften, bäuerlichen und indigenen Bewegungen. Wir im Norden hatten einfach Leute, die an die Demos gegen die G8-Gipfel oder das Wef kamen und dann wieder verschwanden. Die Bewegung für Gemeingüter ist sehr wichtig, um auch im Norden eine Basis im Alltag aufzubauen. Ich denke, wir waren noch nie so fähig zu einer sozialen Revolution wie jetzt.

Warum?
Ohne das Internet verherrlichen zu wollen: Die Leute haben viel mehr Möglichkeiten, sich zu organisieren und lokale Ökonomien zu entwickeln, als noch vor einigen Jahrzehnten. Der belgische Gemeingüteraktivist Michel Bauwens hat das heute Morgen gut auf den Punkt gebracht. Er ist nicht naiv; er glaubt nicht, dass wir einfach eine alternative Wirtschaft aufbauen und damit Stück für Stück den Kapitalismus ersetzen können. Es geht nicht ohne Konflikt. Aber er sagt, wir müssten diesen Konflikt annehmen. Veränderung kam in der Geschichte immer, indem Neues im Alten wuchs. Mit allen Widersprüchen – da wird kollektiv und ohne Hierarchien Wert geschaffen, aber das Kapital saugt ihn auf. All diese Internetfirmen produzieren eigentlich gar nichts, sie fangen ein, was kollektiv geschaffen wird. Auch Google und Facebook leben davon.

Kürzlich habe ich die Wirbel in der Rhone angeschaut. Ein Wirbel verschwindet, aber nicht ganz, ein anderer bildet sich etwas weiter vorne – so betrachte ich die Geschichte. Du hast Revolution, Konterrevolution, Revolution, immer weiter. Wenn man im Wirbel ist, denkt man: Scheisse, wir haben verloren, es geht rückwärts. Aber die Bewegung geht weiter – in eine Richtung, die schwer vorauszusehen ist. Die Geschichte ist nie vorbei.

Der Genfer Aktivist Olivier de Marcellus (72) macht jetzt erst mal Ferien.

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