Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

Denken Sie wirklich, nach dem Kollaps werde es besser?

Der Genfer Aktivist Olivier de Marcellus ärgert sich über selbstgerechte Linksradikale und auf Arbeitsplätze fixierte Gewerkschaften. Er glaubt, dass die Zeit für revolutionäre Strategien noch kommen wird.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Magali Girardin (Foto)

«Wenn wir gut arbeiten, haben wir etwa im Jahr 2030 die Chance, etwas Besseres aufzubauen»: Olivier de Marcellus, Psychologe und Aktivist.

WOZ: Olivier de Marcellus, Sie sind in den USA aufgewachsen und leben seit bald fünfzig Jahren in Genf. War es schwierig, Schweizer zu werden?
Olivier de Marcellus: Ich bin immer noch nicht Schweizer! Sie wollten mich nicht, ich habs dreimal probiert. Ein bisschen zu spät, ich hatte schon zu viel angestellt, und jedes Mal sagte die Bundespolizei: «Wir sind nicht sicher, ob Sie der Verfassung unseres Landes genug verbunden sind.» Jedes Mal hatte ich wieder irgendein Verfahren wegen Demos oder Besetzungen am Hals – irgendwann fand ich: Lassen wirs. Ich bin Franzose, das reicht mir.

Wie läuft die Vorbereitung Ihres grossen Projekts, des Klimafestivals Alternatiba?
Kürzlich traf ich zwei alte Bekannte, die meinten: «Was ist das denn für eine seltsame Veranstaltung? Interessiert uns nicht. Das hat keine klare politische Linie.» Natürlich hat es das nicht! Das ist ja gerade das Interessante daran! Da kommen 10 000 Leute nach Genf, die glauben, dass man etwas ändern muss. Klar sind das nicht alles Revolutionäre, aber wenn ihr sie von der Revolution überzeugen wollt, sagte ich, ist die Alternatiba doch die Gelegenheit!

Ihre Bekannten finden also, die Alternatiba sei nicht politisch genug?
Genau. Zum Glück reagieren nur wenige so, aber ich verstehe, wie es so weit kommt: Wenn man jahrelang in kleinen radikalen Gruppen aktiv war und vergebens versucht hat, breiter zu mobilisieren, kann man die Hoffnung auf radikale Veränderung verlieren. Dann wird Politik mehr zu einer Gruppenidentität als zu einem Projekt, an das man wirklich glaubt. Es gibt die Tendenz, elitär zu werden und alle zu verachten, die zu blöd sind, um zu verstehen … Ich war selber lange in kleinen Gruppen aktiv, aber so werden wir nicht gewinnen.

Wie sieht es mit den Gewerkschaften aus? Sind sie präsent an der Alternatiba?
Die branchenübergreifende Genfer Gewerkschaft SIT wird an einer Diskussion über Entwicklungsmodelle für Genf teilnehmen. Aber wenn es ums Klima geht, hört man von den Gewerkschaften nicht viel.

Mit ihnen über Wachstumskritik zu diskutieren, ist auch ziemlich schwierig, nicht?
Ja. Aber diese Debatte müssen wir führen: Wie viel Wachstum und welches Wachstum wollen wir? Welche Jobs, welche nicht? Das heutige Wachstum in Genf kommt nicht den gewerkschaftlich organisierten Branchen zugute: Es gibt mehr Jobs für Trader und vor allem mehr prekäre Jobs. Am Flughafen sind heute fast alle von Subunternehmen angestellt, sie streiken immer wieder. Wollen wir einen grösseren Flughafen, also doppelt so viele prekäre Jobs? Ein neues Terminal für 1,5 Milliarden Franken ist nur mit prekären Jobs möglich. Nur mit Easyjet-Piloten, Gepäckträgern, die die Mindestlöhne unterbieten …

In welchen Branchen gäbe es denn verantwortbare Arbeitsplätze?
Eine Genfer Ökogruppe, Noé 21, hat untersucht, wie man den gesamten Gebäudebestand des Kantons Genf ökologisch renovieren könnte. Das würde für einige Zeit etwa eine Milliarde Franken im Jahr kosten, die Treibhausgase des Kantons um ein Drittel reduzieren – und vor allem Tausende von stabilen Arbeitsplätzen schaffen. Viel mehr als mit Öl und AKWs.

Gegen AKWs waren Sie auch lange aktiv.
Ja. Aber im Vergleich zum Klima scheint mir die Atomkraft fast nebensächlich: Man muss nur ein paar Tausend Quadratkilometer räumen, wenn etwas schiefgeht … Vom Klima hingegen ist wirklich die ganze Welt betroffen. Prognosen gehen von 200 bis 500 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050 aus. Und schon heute gibt es Leute, die auf Flüchtlingsboote schiessen wollen. Dabei ist das noch nichts! Beim Klima kommt alles zusammen: die globale Ungleichheit, die Plünderung der Rohstoffe, die Migration, Freihandel und Globalisierung. Wenn man alles, was wir in der Schweiz kaufen, zu Schweizer Preisen und Löhnen herstellen würde, könnten wir es uns gar nicht leisten. Man würde haltbare Waren herstellen und sich damit zufriedengeben. Wenn dein Konsum einen Fluss in China verschmutzt, ist es dir egal; wenn der Fluss hier wäre, würdest du damit aufhören. Wir müssen den Kapitalismus und den Verbrauch fossiler Energien beenden. Doch das scheint unmöglich. Also wird es wohl zu einem Wirtschaftskollaps kommen. Je später er kommt, desto kaputter wird die Welt sein. Darum hoffe ich, dass er bald kommt.

Kollaps als Strategie?
Gewissermassen. Ich hatte einen guten Freund in Spanien, der leider gestorben ist, Ramón Fernández Durán. Er war Ingenieur und ein viel ernsthafterer Intellektueller als ich. Seine Prognose war: Der globalisierte Kapitalismus wird wegen der wachsenden Widersprüche in regionale Kapitalismen zersplittern – Europa, Nordamerika, China und so weiter. Etwa 2030 wird auch dieses Modell scheitern. Vielleicht kommt dann die totale Barbarei – die Reichen, die auf alles schiessen, was sich in der Nähe ihrer Refugien bewegt. Aber vielleicht, wenn wir gut arbeiten, haben wir dann auch die Chance, etwas Besseres aufzubauen. Ich weiss nicht, ob Ramón recht hatte. Aber ich arbeite in diesem Sinn.

Olivier de Marcellus (72) ist Psychologe und Aktivist. Er lebt immer noch im Genfer Grottes-Quartier, obwohl es dort keine besetzten 
Häuser mehr gibt. Ramón Fernández Durán 
war der Mann auf dem leeren Golfplatz in 
Erwin Wagenhofers Film «Let’s Make Money».

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