Nr. 41/2015 vom 08.10.2015

Schwer beschwipst im Kinderzimmer

Mit seiner Platte «Matthias» wurde der Schaffhauser Chansonnier Dieter Wiesmann zum singenden Götti für Generationen. Und er schuf den erstaunlichsten Helden des neueren Schweizer Kinderliedguts.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Der erste Held meiner Kindheit war ein Alkoholiker. Auf seinem Schiff geht immer alles «zunderobsi», aber selbst wenn die Sicherungen durchbrennen und die Vorräte zur Neige gehen – der Kapitän ist die Ruhe selbst. Seine Medizin für alle Fälle: Rum, Bier, Kafi Schnaps, ganz egal in welcher Reihenfolge. Das Funkgerät gibt den Geist auf? «Herrje», lallt der Kapitän, «ich glaube schier, da hilft nu no e grosses Bier.» Auf dem ganzen Schiff gehen die Lichter aus? Auch da bleibt der Kapitän pragmatisch: «Zum Trinke bruuch ich doch nid hell.»

So ist er, der «Käptn Hinkebei», wie ihn sein Erfinder Dieter Wiesmann auf dem Album «Matthias» (1977) besingt. Ein Stoiker des Rausches und als solcher ein unerschrockener Realist, der seiner Crew selbst bei grössten Widrigkeiten stets die Tugend der Gelassenheit vorlebt. Ein cooler Hund, der schon lange vor den Toten Hosen wusste, dass kein Alkohol eben auch keine Lösung ist.

Was würde die Moralpolizei meinen?

Es ist jetzt wieder bezeichnend: In all den mehr oder weniger liebevollen Nachrufen auf Dieter Wiesmann war zwar überall vom «Tuusigfüessler Balthasar» und von der Schaffhauser Lokalhymne «Blos e chliini Stadt» die Rede, aber sein liederlicher «Käptn Hinkebei» kam nirgends zu Ehren. Klar, gerade mit seinem Balthasar zeigte sich Wiesmann durchaus auf Augenhöhe mit dem grossen Mani Matter. Dargeboten in gehetztem Tempo und garniert mit lustigem Getrippel aus der elektronischen Orgel, erweist sich seine Ballade vom Tausendfüssler heute mehr denn je als existenzielle Parabel: Die ist zwar an Kinder adressiert, gemünzt ist sie jedoch immer auch auf die galoppierende Überforderung von uns Erwachsenen, die wir uns auf allen möglichen Standbeinen zwischen Beruf und Familie durch unseren Alltag wursteln. Ja, dieser Balthasar ist der erste tragikomische Held unserer deregulierten Multioptionsgesellschaft.

Aber ein Lied für Kinder, das übermässigen Drogenkonsum glorifiziert, indem es einen Seemann im Dauersuff feiert? Das ist wirklich unerhört. Und es macht Wiesmanns Käptn Hinkebei zum erstaunlichsten Helden aus dem Kanon des neueren Schweizer Kinderliedguts. Ob unsere allzeit besorgte Moralpolizei ein pädagogisch so bedenkliches Chanson für die Kleinen heute noch dulden würde? Oder war das schon damals dem Schaffhauser Dialekt zu verdanken, der bei Dieter Wiesmann dafür sorgte, dass selbst ein Lied über einen notorischen Säufer so treuherzig und unverfänglich daherkam, als wärs eine Siruphymne?

Der Sheriff, ein friedlicher Taugenichts

Apropos: Weiter hinten auf dem Album gesellt sich zum Kapitän ein Bruder im Geiste, der Sheriff Nepomuk. Dem schlägt der Whisky, mit dem sich die harten Kerle im Saloon ihren Mut antrinken, immer gleich auf den Magen, drum trinkt er lieber Himbeersirup. Nepomuk ist also Abstinenzler und irgendwie ein Weichei, aber als solches pflegt er ein ähnlich anarchisches Laisser-faire wie der Seemann: Dieser Gesetzeshüter hütet lieber sich selbst als das Gesetz.

Wenns mal laut wird im Saloon, stopft sich Nepomuk einfach Watte in die Ohren, und überhaupt kommt er meist zu spät, wenn er irgendwo gebraucht wird. Nur einmal, in der vorletzten Strophe, dreht der Sheriff durch. Als ihn eine Schlägerei aus dem wohlverdienten Schlaf reisst, holt er das Gewehr aus dem Schrank und ballert wild um sich. Das hätte ein Massaker geben können, aber der gute Nepomuk hat vergessen, davor die Waffe zu laden – die Staatsgewalt als friedfertiger Taugenichts.

Das Abschiedswort aber gebührt hier einer anderen Wiesmann-Heldin mit Ladehemmung. Das ist die geplagte Schreibmaschine Kundigund, die wie ein Gedicht von Ernst Jandl klingt, als sie wegen einer Zerrung im Farbband zum Doktor muss. Sagen wirs also mit Kundigund: Am 30. Saptambar ast Datar Wasmann am Altar van 76 Jahran gastarban. Sana Ladar abar wardan blaban. War tragan sa far ammar an ansaran Harzan.

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