Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Ein doppelter Erfolg für die Taliban

Seit sie vorübergehend die nordafghanische Stadt Kundus eingenommen haben, sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. Tausende sind aus den bedrohten Städten geflohen.

Von Thomas Ruttig, Kabul

Am vergangenen Dienstag hat die Talibanführung ihren Kämpfern befohlen, nach zweiwöchiger Besetzung die Stadt Kundus wieder zu verlassen. Sie konnten dem Druck der Regierungstruppen nicht mehr standhalten und haben trotzdem den grössten militärischen Erfolg errungen, seit sie 2001 von der Macht verdrängt wurden: eine Provinzhauptstadt einzunehmen. Bisher hatten die Islamisten nur einige entlegene Distrikte für längere Zeit kontrollieren können. US-Präsident Barack Obama sah sich danach gedrängt, den Abzugstermin für die US-Truppen ein weiteres Mal zu verschieben. Damit bricht er sein Wahlversprechen, den Krieg bis Ende 2016 zu beenden. Nun werden nicht wie bisher vorgesehen 1000 US-SoldatInnen in Afghanistan bleiben, sondern 5500.

Damit wird die zeitweilige Einnahme von Kundus zu einem gleich mehrfachen Propagandaerfolg für die Taliban: Sie haben die USA gezwungen, ihre Pläne ein weiteres Mal zu ändern – und gezeigt, dass nicht die Supermacht dort den Ablauf bestimmt. Sie nehmen in Kauf, dass die Verlängerung der US-Truppenstationierung sie weiter von ihrem erklärten Ziel abbringt, alle westlichen SoldatInnen aus dem Land zu drängen. Denn mit US-Truppen im Land werden auch die afghanischen Truppen schlagkräftiger, vor allem wegen der Luftunterstützung der Amerikaner. Aber die Strategie der Islamisten zielt ohnehin nicht auf einen schnellen Sieg, sondern eher auf die Abnutzung der gegnerischen Kräfte.

Den Druck haben sie allerdings bereits weiter erhöht. In den letzten Tagen griffen sie drei weitere Provinzzentren an – Maimana im Nordwesten, Ghasni im Südosten und Pul-e Chumri unmittelbar südlich von Kundus. Zwar wurden sie in den beiden ersten Fällen jeweils zurückgedrängt. Dennoch: Die Taliban konsolidieren ihre Positionen landesweit und haben bewiesen, dass sie fast gleichzeitig grosse Operationen in mehreren Landesteilen durchführen können. Das lässt für das kommende Jahr nichts Gutes ahnen. Zudem haben sie die Schwächen der afghanischen Regierungstruppen aufgedeckt. Diese wurden völlig überrumpelt, obwohl die Taliban Kundus im April schon einmal angegriffen und sich in Aussenbezirken der Stadt festgesetzt hatten. Von diesen Positionen aus attackierten sie auch diesmal teilweise. Der Erfolg in Kundus war also auch ein Versagen des afghanischen, eng mit der CIA kooperierenden Geheimdiensts sowie der im Hintergrund weiter dort tätigen Dienste der westlichen Verbündeten. Und der Aufbau der Streitkräfte, im Westen bisher eher als Erfolg dargestellt, erwies sich als qualitativ unzureichend.

Der Angriff auf Kundus zeugt zudem davon, dass der Führungswechsel bei den Taliban von Mullah Muhammad Omar zu Mullah Achtar Muhammad Mansur sie kaum geschwächt hat (siehe WOZ Nr. 32/2015). Mansur bewies mit der Kundus-Operation, dass er die militärischen Strukturen der Taliban kontrolliert und sie erfolgreich einzusetzen weiss. Auch deshalb wird der Erfolg in Kundus die Talibankämpfer zusätzlich motivieren. Und gleichzeitig die Moral der Bevölkerung negativ beeinflussen: Tausende sind aus den bedrohten Städten geflohen.

Offenbar spekulierten die Taliban auch darauf, dass die afghanischen Regierungstruppen und ihre westlichen Alliierten davor zurückschrecken würden, Bomben- und Drohnenangriffe in einem urbanen Zentrum auszuführen. Als – nach bisher von Kabul unwidersprochenen Erklärungen des US-Oberbefehlshabers in Afghanistan – die afghanische Regierung um einen solchen Einsatz bat, wurde prompt das Spital der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Kundus getroffen – bis dahin Hauptanlaufstelle für Verwundete in der Stadt.

Damit zeigte sich auch, wie zweischneidig weitere militärische US-Unterstützung ist: Einerseits stabilisiert sie die Regierungsseite gegen die Taliban, gegen deren Rückkehr sich wohl eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung wehrt. Andererseits wurde wieder einmal bewiesen, dass es keinen «sauberen Krieg» gibt, es werden also wohl auch weiterhin ZivilistInnen sterben. Und obwohl die Untersuchungen noch in Gang sind, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass es sich beim Angriff auf das Spital nicht um einen unbeabsichtigten Zwischenfall gehandelt hat – das wäre dann ein Kriegsverbrechen. Auch das beschert den Taliban einen Propagandaerfolg, und ihre UnterstützerInnen in sozialen Medien schlachten den Angriff entsprechend aus.

Grössere Proteste gegen den Luftangriff hat es in Afghanistan allerdings bisher nicht gegeben, obwohl alle Toten in der Klinik AfghanInnen waren. Die Parlamentarierin Fausia Kufi, die sich als Frauenrechtlerin profiliert hat, gehört zu denen, die sogar Verständnis äusserten: Wenn Aufständische sich unter ZivilistInnen und an öffentlichen Orten verbärgen, könne «so etwas passieren». Dass das so war, ist bisher nicht erwiesen. Und MSF streitet diese Anschuldigung unter Berufung auf die eigenen MitarbeiterInnen in Kundus vehement ab. Der amtierende Verteidigungsminister Massum Staneksai lehnte jetzt mit einer ähnlichen Begründung die von MSF geforderte unabhängige Untersuchung ab.

Thomas Ruttig hat lange in Afghanistan gelebt, unter anderem als Diplomat und im Rahmen von Uno-Missionen. Der Politanalyst ist Mitbegründer und Kodirektor des Non-Profit-Forschungsinstituts Afghanistan Analysts Network (AAN).

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