Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Als Engel raus aus der Schublade

Die Berliner Band Princessin Hans hinterfragt mit ihrer Performance Geschlechterrollen. Der Sänger Hans Kellett über Musik, Morgenröcke und Machtallüren.

Interview: Rahel Locher

Hans Kellet: «Es kann sein, dass nach dem Konzert eine Wirkung auftritt wie nach einem sehr starken Kaffee, einem Zaubertrunk oder gar eine­r Schlaftablette.» Foto: Mischa Scherrer

WOZ: Hans Kellett, auf einem Plakat Ihrer Band Princessin Hans steht «Kapitalismus ist unfreundlich, Kommunismus fehlt Flair, Anarchismus ist kompliziert. Bringe die Princessin Hans zurück an die Macht!». Was würde sich nach der Machtübernahme von Princessin Hans verändern?
Hans Kellett: Wenn unsere Band die Macht übernehmen würde, würde ein Chaos entstehen und der Tee nicht rechtzeitig serviert. Und alle politischen Debatten würden damit enden, dass alle weinen und sich gegenseitig umarmen – und plötzlich hätten alle eine Nacht miteinander verbracht. Besser, man bringt uns auf die Bühne als an die Macht!

Wobei auch auf der Bühne das Chaos nicht fern ist: Sie zerbrechen auch mal ein Weinglas oder tanzen auf Tischen. Mit welchen Risiken und Nebenwirkungen muss bei euren Konzerten gerechnet werden?
Das Risiko besteht, dass das Konzert einen verwirrt zurücklässt. Es kann sein, dass eine Wirkung auftritt wie nach einem sehr starken Kaffee, einem Zaubertrunk oder gar einer Schlaftablette. Wir haben das Motto «Comfort the disturbed, disturb the comfortable» – tröste die Gestörten, störe die Bequemen.

Die Bequemen stört ihr, indem ihr Rollenklischees brecht: Sie tragen gelegentlich ein buntes, glitzerndes Kleid, manchmal auch Schmuck oder Schminke. Das gibt einen starken Kontrast zu Ihrem kräftigen, männlichen Körper, zu Vollbart und Glatze. Steht jetzt ein Mann oder eine Diva auf der Bühne?
Es gibt keine fixe Figur, die auf der Bühne steht, sondern verschiedene, etwa ein sechsjähriges Mädchen oder ein tausendjähriger Vampir. Die Musikerin PJ Harvey ist da ein Vorbild. Sie setzt Stimme, Mimik und Gestik so ein, wie es das Lied gerade verlangt. Ich trage an meinen Konzerten Kleidung, in der ich mich wohlfühle. Eine Frau hat mir einmal gesagt, dass sie ursprünglich dachte, ich wolle fünfzig Prozent Frau, fünfzig Prozent Mann sein, und dann habe sie begriffen, dass ich 150 Prozent Frau, 150 Prozent Mann sei. Oder anders gesagt: einfach ein Mensch, bei dem die Lautstärke aufgedreht ist.

Haben Sie immer die Lautstärke aufgedreht oder nur auf der Bühne?
Privat bin ich ein verblüffend ruhiger Mensch. Die Bühne ist einer der wenigen Orte in der Öffentlichkeit, an denen ich mich wirklich gehen lasse. In einem Club stehe ich eher in der Ecke rum.

Sie singen über Liebe und Verlust, über Räder und Schiffbrüche. Wo finden Sie Ihre Geschichten?
Die Texte entstehen aus Keimideen. Für «Monster», ein neues Lied von uns, habe ich auf einen Gedanken zurückgegriffen, den ich mit neunzehn hatte: Ich beobachtete, wie Kriminelle auf dem Weg in den Gerichtssaal im Fernsehen dargestellt werden, nämlich in Zeitlupe und mit einer Decke über dem Körper. Die Bewegungen haben somit etwas Monströses. Manchmal schreibe ich auch über politische Ereignisse, oder ich schnappe etwas in einer Kneipe auf. In der Berliner Kleinkunstszene, wo ich oft auftrete, wird in der Tradition von Kabarett viel mit satirischen und kritischen Texten gearbeitet. Mich faszinieren Leute wie Georg Kreisler, und ich frage mich immer wieder, wie wir Lieder wie Kreisler machen können, aber für ein Publikum im 21. Jahrhundert. Als er 2011 gestorben ist, haben wir uns gesagt, das muss jemand weitertragen.

Und wie habt ihr das gemacht?
Wir haben begonnen, politischere Lieder zu schreiben. Unsere erste Platte von 2012 war eher wie ein Tagebuch. Es ging um private und persönliche Fragen, um Trauerprozesse und Verwirrungen. Aber ich glaube, die meisten Leute verstehen unsere Musik schon deshalb als politisch, weil wir oft in queeren Kontexten spielen und die Musik durch unsere Art der Darstellung politisiert wird.

Ist denn der Begriff «queer» überhaupt noch politisch?
Heute werden leider queere Projekte kommerzialisiert oder queere Theorien dogmatisiert. Ich wurde kürzlich als queerer Musikexperte ins Radio eingeladen, das fand ich ziemlich lustig. Das ganze Konzept von Queering versucht ja, aus Schubladen rauszukommen. Deshalb halte ich queeres Schubladendenken für einen absoluten Widerspruch. Queer bedeutet, alle Schubladen auszuleeren und dann zu schauen, was da ist. Es bedeutet aber auch, feministische Ansätze weiterzuführen.

Sind Sie Feminist?
Ja. Doch, ja. Ich hoffe es (lacht).

Der Bandname spielt nicht nur auf den Gegensatz zwischen den Geschlechtern an, sondern verbindet auch einen aristokratischen Hintergrund mit einem sehr gewöhnlichen Vornamen. Wieso eigentlich Hans?
Als ich 2001 von Neuseeland nach Berlin kam, hatte ich nach drei Tagen einen Auftritt in der Kneipe Schokoladen und brauchte einen Bühnennamen. Ein Freund hat gemeint: «Hans, das ist so urdeutsch, es ist super, dass du als Ausländer Hans heisst.» Inzwischen nennt mich sogar meine Mutter Hans.

Mit drei Jahren haben Sie den lindgrünen Morgenrock Ihrer Mutter angezogen – die erste Begegnung mit der Prinzessin. Nicht alle Eltern freuen sich, wenn ihr Sohn Röcke trägt. Wie war das bei Ihnen?
Ich bin in einem Vorort von Auckland in Neuseeland aufgewachsen, meine Familie gehörte zu den Zeugen Jehovas. Ich bin trotzdem in einem relativ liberalen Umfeld gross geworden. Mit zehn oder elf wollte ich in Fummel auftreten. Das hat meine Mutter nicht aus der Ruhe gebracht. Allerdings ist auf der Bühne alles etwas anders. Wenn ich aber auf der Strasse Kleider trage, wird das mit dem eindeutig männlichen Körper oft als Witz oder Provokation empfunden. Ich höre auch hier in Berlin blöde Bemerkungen, und in Neuseeland wurde ich als Teenager sogar einmal zusammengeschlagen.

Wie kam es dazu?
Ich trug eine Art Engelskostüm, und jemand forderte mich auf, die Engelsflügel auszuziehen. Ich habe mich geweigert, und da hat er mich verprügelt. Ich ging dann zur Polizei, und die haben gefragt, warum ich denn Flügel trüge.

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