Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Auf der Suche nach Freiheit in einem gemütlichen Land

Aus dem Bürgerkrieg nach Winterthur: Die syrische Regisseurin Layla Abyad sucht in unterschiedlichen Settings nach den Besonderheiten des politischen Systems in der Schweiz.

Von Rahel Locher

«Die meisten meiner Klassenkameraden sind tot», sagt der elfjährige Ahmad in der westsyrischen Stadt Kusseir mit einem scheuen Lächeln. Er sitzt auf einem farbigen Teppich in einem sonst kargen Raum, im Hintergrund spielen Kinder. Ahmad antwortet ruhig und gefasst. Die Anspannung verrät einzig seine linke Hand, die unablässig in Bewegung ist – um dann seinen letzten Satz zu unterstreichen: «Das ist genug.»

Ahmad ist eines der Kinder, deren Erlebnisse die syrische Filmemacherin Layla Abyad im Kurzfilm «Playground from Hell» vom Dezember 2012 einfängt, den sie unter anderem Namen realisiert hat. Die Kinder berichten vom Leben im Kriegsgebiet, von der Verfolgung ihrer Verwandten, aber sie erzählen auch von ihren Spielen und singen Revolutionslieder – und werden unterbrochen durch den Ruf «Scharfschütze», worauf sich die Kindergruppe rasch zerstreut. Die fünfjährige Malak in Homs sagt, sie lache, wenn die Bombardierung beginne. Um dann doch noch zuzugeben, dass sie manchmal auch Angst bekomme und sich dann hinter ihrer Mutter verstecke – ihr Vater wurde getötet. In «Playground from Hell» überrascht die Ruhe der Kinder, sie wirken fast unbeschwert. Nur ein Junge erzählt schluchzend von der Bombardierung seines Hauses und von einem Nachbarsjungen, der mit einem Messer regelrecht abgeschlachtet wurde.

Die Angst vor dem Tod betrifft alle

Fast drei Jahre später steht Layla Abyad an einem kühlen Oktobernachmittag mit zwei Pappschildern in der Winterthurer Altstadt. «Was bedeutet Freiheit für Sie?» steht auf dem einen Schild, auf dem anderen «Was ist Ihr grösstes Hindernis in Ihrem Leben?». Die Antworten auf die Fragen möchte sie in ihren neuen Kurzfilm einbetten, den sie im Rahmen der Winterthurer Kurzfilmtage produziert (vgl. «Im Exil in Winterthur» im Anschluss an diesen Text). Im Zentrum ihres Films sollen verschiedene Formen politischen Handelns in der Schweiz stehen. Sie filmte etwa an Demonstrationen und an einer SVP-Veranstaltung und beobachtete am Wahlsonntag, wie die SchweizerInnen ihre Wahlzettel in die Urne warfen.

Auf der Strasse erweckt die junge Frau mit ihren Schildern schon bald die Neugier der Vorübergehenden. Sie bleiben stehen, lesen die Fragen, und bald fragt die erste Passantin, ob sie etwas auf das Schild schreiben könne. Abyad reicht ihr und anderen PassantInnen ihre beiden Filzstifte und hört aufmerksam zu, wenn ihr übersetzt wird, was die Leute sagen und schreiben. Sie fragt nach und setzt die Antworten auf beide Fragen in einen Zusammenhang. Bald schon stehen Sätze und Wörter wie «Am Morgen aufstehen», «Die Vergangenheit» und «Meine Gedanken» auf dem Schild mit den Hindernissen. Auf das andere Schild schreibt jemand: «Freiheit bedeutet für mich Ehrlichkeit und Gerechtigkeit.»

Freiheit heisse doch, die Angst vor dem Tod zu überwinden, sagt ein junger Mann. Was meint Abyad dazu, die in einem Land lebt, in dem der Tod allgegenwärtig ist? «Die Angst vor dem Tod betrifft in Syrien alle, und wir führen immer wieder Diskussionen, wie wir damit umgehen sollen», sagt sie. Für Abyad bedeutet Freiheit zweierlei: Freiheit von Angst und von Bedürfnissen. «Das sind aus meiner Sicht die zwei Dinge, die einen am meisten einschränken.»

An der Demo und im Wahllokal

Dass sich Abyad in ihrem Filmprojekt mit dem Begriff der Freiheit auseinandersetzt, ist wohl kein Zufall. Der Ruf nach Freiheit stand zumindest am Anfang des Aufstands in Syrien gegen die Unterdrückung durch die Regierung unter Baschar al-Assad für viele Menschen zuvorderst. Dies drückte sich etwa in den Aktionen von syrischen KünstlerInnen aus: Der Begriff «Freiheit» stand auf Hunderten von Pingpongbällen, die von einem Berg herunterrollten. Er flatterte, auf kleine Zettel geschrieben, aus Luftballons auf die Köpfe jener Sicherheitskräfte, die die Ballons zerschossen hatten. Das Regime antwortete mit Repression auf die Proteste: «In Syrien kann an einer Demonstration alles passieren, die Situation auf der Strasse ist chaotisch, das Demonstrieren risikoreich. Nur junge Menschen nehmen teil, weil man sich schnell bewegen muss.»

Ganz anders erlebte Abyad dies an der Demonstration in Zürich anlässlich des Terroranschlags in Ankara und am ersten verhinderten antifaschistischen Abendspaziergang in Bern: «Auch wenn die Demonstrierenden in Bern von der Polizei umrundet waren, konnten sie telefonieren, rauchen und Kaffee trinken. Sie sassen am Boden und schwatzten. Die Polizisten wirkten gelangweilt.» Es habe für sie wie ein Ritual gewirkt, bei dem die Rollen sehr klar sind.

Als sie an der Wahlveranstaltung der SVP einen SVP-Politiker nach seinem Freiheitsbegriff fragte, verwies dieser auf die politische Unabhängigkeit der Schweiz von internationalem Einfluss und die Unantastbarkeit der Schweizer Gesetze. «Die Antwort war rein politisch, sie entsprach der SVP-Kampagne um die Autonomie der Schweiz gegenüber internationalen Institutionen», meint Abyad. Eine persönliche Antwort habe er in dieser Situation leider nicht gegeben. «Vielleicht hätte ich bei ihm zu Hause beim Abendessen eine andere Definition von Freiheit erhalten.»

Dazu kam es nicht, dafür besuchte Abyad am Wahlsonntag ein Wahlbüro. «Es war süss, all den Menschen an einem regnerischen Sonntagmorgen zuzuschauen. Sie kamen mit Velos, mit Schirmen durch den Regen und standen Schlange, um ihre Stimme in die Urne zu werfen.» Die Wahl sei so entspannt gewesen, dass man sich wundern könne, wieso diese Form der Demokratie an anderen Orten nicht existiert.

Sowieso erhält man im Gespräch mit Abyad den Eindruck: In der Schweiz sind bis hin zur Polizei alle ruhig und gemütlich, alles verläuft reibungslos. Sie meint, dass die Gründe für das gute Funktionieren der politischen Institutionen in der Geschichte des Landes zu finden seien – doch dieser Geschichte nachzugehen, das wäre ein anderes Filmprojekt.

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