Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

5×5×5: Mit Kamera, Laptop und Diktionär

Fünf RegisseurInnen aus fünf Kontinenten drehen während fünf Wochen je einen Kurzdokumentarfilm in Winterthur. Wie ihr Blick auf die Schweiz aussieht, ist im Rahmen der Kurzfilmtage zu sehen.

Von Silvia Süess

Gabriela Yepes ist noch unentschlossen. Seit ein paar Tagen ist die peruanische Regisseurin in Winterthur unterwegs, um einen Kurzdokumentarfilm zu drehen. Doch noch weiss sie nicht, worüber. Yepes ist eine von fünf Teilnehmenden des Projekts «5 × 5 × 5»: Fünf RegisseurInnen aus fünf Kontinenten drehen innerhalb von fünf Wochen je einen Dokumentarfilm zum Thema «Winterthur – Eine Schweizer Industriestadt im Wandel».

Organisiert wird das Projekt von der Zürcher Hochschule der Künste, von den Winterthurer Kurzfilmtagen, von der Produktionsgesellschaft Langfilm und von Ivana Lalovic. Diese war selbst vor mehreren Jahren Teilnehmerin eines solchen Projekts in Belgien und ist noch immer begeistert: «Man lernt extrem viel, da man innert kürzester Zeit einen guten Film produzieren muss. Ausserdem entstand ein Austausch mit Filmschaffenden aus anderen Kontinenten, und diese Kontakte haben sich bei mir bis heute gehalten.» Die «5 × 5 × 5»-RegisseurInnen kommen aus Peru, Äthiopien, Serbien, Kirgistan und Australien und bilden mit Studierenden der Hochschule der Künste Zürich der Fachrichtung Film je ein Team.

Den Diktionär in der Tasche

Im Seminarraum der Alten Kaserne Winterthur stehen Laptops und Kameras, es herrscht Arbeitsstimmung. Es ist ein regnerischer Morgen im Oktober, und gemäss Arbeitsplan sollten die Filmschaffenden mit den Drehvorbereitungen beginnen, die fertigen Filme werden im Rahmen der Kurzfilmtage Winterthur zu sehen sein.

Yepes zieht die Jacke an und macht sich mit ihrem Team ein weiteres Mal auf den Weg in die Stadt, um das Thema ihres Films zu finden. Aidos Toktobayev aus Kirgistan weiss schon mehr: Er möchte einen Film drehen über Nicolas, einen geistig behinderten Mann, der in Winterthur von vielen als «Stadtoriginal» bezeichnet wird. Er habe noch nie einen Film über einen behinderten Menschen gemacht, sagt Toktobayev in gebrochenem Englisch, aber Nicolas interessiere ihn. Dass er selbst kaum englisch spricht, Nicolas nur deutsch und italienisch und Nicolas’ Eltern, die auch im Film vorkommen sollen, nur italienisch, sei schwierig. «Doch bis jetzt ging es ganz gut: Ich habe einen Diktionär in der Tasche, und wir übersetzen mithilfe der Handys», erklärt er. Sein Regieassistent Ninian Green ergänzt: «Nicolas ist geistig behindert, wir sind sprachlich behindert. Von daher passt das.» Dann muss wieder gearbeitet werden. Toktobayev hat genaue Vorstellungen, was für Szenen er im Film haben will, und diskutiert diese mit seinen TeamkollegInnen: Nicolas singend auf dem Velo, Nicolas im Zug, während dieser durch einen Tunnel fährt.

Der Jäger und die Männlichkeit

Noch nicht ganz so weit wie Aidos Toktobayev ist Adrian Francis aus Australien. Er wolle sich in seinem Film anhand des Jägers und der Jagd Gedanken darüber machen, was es heutzutage heisse, ein Mann zu sein, erklärt er. Auf sein Thema sei er gekommen, weil momentan Jagdsaison sei und in vielen Restaurants Wild angeboten werde. «In Australien leben die meisten Menschen in Städten, und das Land, auf dem die Jagd stattfindet, ist weit weg. Doch hier fährt man zehn Minuten, und schon ist man im Wald, wo gejagt wird.» Francis konnte bei seinen Recherchen mit einem Jäger mitgehen: «Es war faszinierend, wie der Jäger, der ja hier war, um zu töten, in unglaublichem Frieden und einer Ruhe mit sich und der Natur auf dem Hochsitz sass.» Leider habe der Jäger aber kein Tier erlegt: «Ich hoffe, dass der Jäger dann schiesst, wenn wir mit der Kamera dabei sind – wir wollen Action im Film.» Francis lacht. «Das Jagen hier in der Schweiz ist irgendwie seltsam: Es ist alles kontrolliert und organisiert, und doch geht es ums Töten.» Und um Männlichkeit. Und darum soll es auch in seinem Film gehen.

Kurz vor Mittag kommt Gabriela Yepes zurück. Sie ist zufrieden mit ihrem letzten Rechercherundgang und hat ihr Thema gefunden: «Ich möchte wissen, warum Menschen anderen Menschen helfen», sagt sie. In der Schweiz sei die Freiwilligenarbeit ein sehr verbreitetes Phänomen, es gebe viele Volontäre, die Gutes täten: «Doch gleichzeitig hängen hier überall diese schrecklichen fremdenfeindlichen Plakate – das passt einfach nicht zusammen.»

Wie Yepes ihr Thema filmisch umsetzt, ob die Kommunikation zwischen Nicolas und dem Filmteam funktionierte und ob der Jäger ein Tier erlegt hat – das alles ist am 11. November im Rahmen der Kurzfilmtage zu sehen.

Nachtrag vom 17. November 2011

5 × 5 × 5 von den Kurzfilmtagen Winterthur

«It was very fucking hard!», sagt Adrian Francis auf die Frage, wie es war, in nur fünf Wochen einen Dokumentarfilm zu drehen: verdammt hart. Soeben lief sein Kurzfilm mit jenen seiner vier KollegInnen an den Kurzfilmtagen Winterthur, nun stehen die fünf RegisseurInnen strahlend vor dem Publikum. Es waren fünf intensive Wochen, doch die Arbeit hat sich gelohnt. 5 × 5 × 5 heisst das Projekt, in dessen Rahmen die fünf Filmschaffenden aus Äthiopien, Australien, Kirgisistan, Peru und Serbien in fünf Wochen fünf kurze Dokumentarfilme in Winterthur produzierten. Resultat: fünf gut gefilmte, spannende Werke.

Alle Filmschaffenden thematisieren sich selbst, ausser Aidos Toktobayev, der ein Porträt von Nicolas, einem geistig behinderten Mann, gemacht hat: Gabriela Yepes’ Porträt einer Frau, die mit Prostituierten arbeitet, wird eingeklammert von einem Skypegespräch der Regisseurin mit ihrer Mutter. Ognjen Isailovic erzählt anhand seines Protagonisten Hans, eines Amateurfunkers, die Geschichte seines Grossvaters. Adrian Francis’ Film über die Jagd thematisiert die Beziehung zu seinem Vater, und Dirbdil Assefa Akriso ist sein eigener Protagonist und wundert sich darüber, dass man sich in der Schweiz nach dem Tod kremieren statt begraben lassen kann.

Bei jedem einzelnen Film funktioniert es gut, wenn sich die Filmschaffenden selbst einbringen. Doch sieht man alle Filme zusammen, sind diese persönlichen Auseinandersetzungen fast ein bisschen penetrant: «Wir hatten zu wenig Zeit, uns mit einem Thema wirklich auseinanderzusetzen», erklärt Francis, «deshalb sind die Filme sehr persönlich geworden.»

Silvia Süess

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