Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Das Paradies in der Todeszone

Was können Computersimulationen über die Zumutungen der wirklichen Welt erzählen? Sehr viel, wie die Kurzfilmtage in Winterthur zeigen.

Von Florian Keller

Grenzgang auf vermintem Gelände: «489 Years», ein dokumentarischer Kurzfilm von Hayoun Kwon.

Was ist London? Eine Stadt zum Leben oder nur noch eine Ansammlung von Investitionsobjekten? Der grosse Platz vor dem Londoner Rathaus: im Besitz einer Immobilienfirma aus Kuwait. Der Paternoster Square bei der St Paul’s Cathedral: im Besitz der Mitsubishi Estate Company, die dort per einstweiliger Verfügung prompt schon politische Kundgebungen untersagte. Der Bishops Square etwas weiter östlich: im Besitz der Grossbank J. P. Morgan.

Die Privatisierung des urbanen Raums greift immer weiter um sich, und von da ist es nicht mehr weit bis zur Vision, wie sie der britische Künstler Lawrence Lek in seinem Kurzfilm «Unreal Estate» entwirft (in Winterthur zu sehen im Programm «Post-Internet II»). Die Prämisse darin: Die ehrwürdigen Gemäuer der Royal Academy of Arts in London sind als Milliardärspalast an einen schwerreichen Chinesen verkauft worden. Wie in einem ruckelnden, leicht zurückgebliebenen Computerspiel flanieren wir jetzt durch eine räumliche Simulation der Kunstakademie, die hier zur neofeudalen Villa umgestaltet wurde – samt privatem Kunstmuseum, Hochsicherheitsbunker und Helikopterlandeplatz auf dem Dach.

«Glückwunsch!», sagt zur Begrüssung eine weibliche Offstimme und gibt uns – auf Chinesisch – überaus kundenfreundliche Ratschläge mit auf den Weg: zur Nutzung der Räume, aber auch zum Umgang mit der Armada von Bediensteten, die für ein solches Anwesen natürlich erforderlich ist. Etwa dass wir unseren Helikopterpiloten nicht anschreien sollten, wenn er mal fünf Minuten zu spät ist, weil wir ihm schliesslich unser Leben und das unserer Kinder anvertrauen.

Absacken ins Nichts

Der virtuelle Rundgang dient in «Unreal Estate» dazu, aus der Gegenwart heraus über die politische Ökonomie von morgen zu spekulieren – der Computer simuliert eine Zeit, von der wir noch keine Bilder haben, weil sie vor uns liegt.

Rückwärts auf der Zeitachse bewegt sich hingegen die koreanische Regisseurin Hayoun Kwon in ihrem dokumentarischen Kurzfilm «489 Years», der in Winterthur im internationalen Wettbewerb läuft. Der virtuelle Blick geht hier in die nähere Vergangenheit, und die Computeranimation simuliert dabei einen Ort, von dem wir keine Bilder haben, weil er verboten ist, eine politische Sperrzone. Die Offstimme in diesem Fall: ein koreanischer Exsoldat, der von einem Kontrollgang durch die demilitarisierte Zone an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea erzählt.

Es ist ein wahnwitzig schöner Film, sein Zauber ist beklemmend. Zur nüchternen Schilderung des Augenzeugen aus dem Off schreiten wir durch diese menschenleere, hyperrealistische Landschaft, die wir auf den ersten Blick vielleicht nicht einmal als computeranimiert wahrnehmen. Wir passieren eine erste Sicherheitsschleuse, dann eine zweite, noch eine dritte – und im nächsten Moment, beim Betreten der Sperrzone, verlieren wir buchstäblich den Boden unter den Füssen, sacken wir für eine Weile ins Nichts, und die Welt scheint kopfzustehen. Es ist ein existenzieller Augenblick, so verblüffend und überwältigend, wie man das selten im Kino sieht.

«489 Years» ist ein Grenzgang auf vermintem Gelände, ein Trip durch einen verbotenen Landstrich, wo sich Tod und Leben auf gespenstische Weise die Waage halten. Der Soldat begegnet hier einer scheinbar unberührten Wildnis, die gerade deshalb so unwirklich vor sich hin wuchern kann, weil das ganze Gebiet mit Landminen gespickt, also weitgehend sich selbst überlassen ist – menschliche Einmischung auf eigenes Risiko. Die Todeszone: ein psychedelischer Naturpark. Und die politische Heilung, die der Film dann imaginiert, ist so prächtig wie verheerend: Sprengung der Sperrzone, ein nächtliches Inferno. Der Riss, der die beiden Länder trennt, kann nur um den Preis der Zerstörung dieser verminten Wildnis zusammenwachsen. Ein Geniestreich, elf Minuten kurz.

Es tanzt im Gehirn

Und die reine Poesie im Kurzfilm? Die findet man im Wettbewerb beim japanischen Musiker und Filmemacher Masahiro Tsutani, der in «Movements Arising from Different Relationships» die Lichtpunkte tanzen lässt – ein entfesseltes Ballett der Elementarteilchen, Kino als audiovisuelle Rauscherfahrung, so abstrakt wie elektrisierend. Und dann liest man im Abspann, dass es sich bei dieser blitzenden Ursuppe aus frei flottierenden Partikeln um Hirngewebe von Labormäusen handelt, gefilmt mit einer neu entwickelten Hochleistungslinse. Die Poesie ist in die biologische Forschung abgewandert.

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