Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

«Was es braucht, ist frisches Blut»

Im Spannungsfeld zwischen zwei taumelnden Weltmächten wurde er zum Schriftsteller. Nun legt der US-Autor Gary Shteyngart seine aberwitzigen Memoiren vor. Die Zukunft gehöre den MigrantInnen, sagt er.

Von Daniela Janser (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Der Humor ist für mich die Interkontinentalrakete, und die Tragödie ist die nukleare Ladung»: Schriftsteller Gary Shteyngart.

WOZ: Gary Shteyngart, in Ihrem autobiografischen Buch «Kleiner Versager» erzählen Sie, wie Sie bereits als Kind Geschichten schrieben, um geliebt zu werden: zuerst von Ihrer Grossmutter in Leningrad, später von den Kindern der jüdischen Schule in New York …
Gary Shteyngart: Die meisten Schriftsteller schreiben, um geliebt zu werden. Aus Menschen mit solidem Selbstbewusstsein, die sich wohlfühlen in dieser Welt, werden keine Schriftsteller. Die ziehen nach Zürich und werden Banker. Schriftsteller bewegen sich immer an den Rändern, es wäre langweilig, wenn das nicht so wäre. Entweder sind sie soziale oder wirtschaftliche Aussenseiter, oder sie fühlen sich sonst nicht ganz zu Hause in dieser Welt. Sogar ein «aristokratischer» Autor wie Vladimir Nabokov sah die Welt so anders als alle anderen, dass er sich einfach äussern musste.

Schreiben ist für Sie also immer auch ein Mittel, um die eigenen Mängel und Ihre Einsamkeit zu überbrücken?
Nun, die grösste Brücke war in meinem Fall der Weg von einem Land zum anderen, von einer scheiternden Grossmacht zur nächsten. Hinter meinen Memoiren steckt quasi die Megageschichte des 20. Jahrhunderts. Das waren auch nicht einfach Länder, das waren Glaubenssysteme. Sogar in meinen frühen Kindertagen wollte ich unbedingt an etwas glauben, zuerst an Lenin und an die Rote Armee und all das. Dann wanderten wir in die USA aus, und ich glaubte an das Judentum und den Kapitalismus. Aber als Schriftsteller verlierst du irgendwann den Glauben an fast alles, mit dem du in Berührung kommst, weil keines der grossen Glaubenssysteme dich jemals ganz tragen wird.

In Ihrem Buch beschreiben Sie diesen Wechsel des Glaubenssystems als etwas Aberwitziges, aber auch als etwas sehr Schmerzhaftes.
Wenn ich mit Leuten über Migration rede, erzählen sie oft Heldengeschichten darüber, wie sie kamen, sahen und siegten. Alle waren gegen sie, aber dank ihrer inneren Stärke konnten sie sich trotzdem durchsetzen. Gleichzeitig waren das für viele schlicht sehr leidvolle und schwierige Erlebnisse.

… die Sie mit viel Humor beschreiben.
Ich möchte, dass meine Bücher unterhalten. Die besten Romane der Literaturgeschichte waren immer auch dazu da, die Leute zum Lachen zu bringen. Gleichzeitig sollten sie uns animieren, unser Innenleben neu zu betrachten. Ich denke, das ist der Grund, warum diese smarten TV-Serien heute derart beliebt sind und gleichzeitig immer weniger Bücher gelesen werden. Doch Unterhaltung und Kunst müssten sich auch in der Literatur keineswegs ausschliessen, im Gegenteil.

Sind Ihre stilistischen Waffen – Satire, Humor, Sarkasmus – nicht vor allem Schutzschilde?
Ursprünglich vielleicht schon, aber es sind Schutzschilde, mit denen sich die Leute identifizieren können. Diese Absicherung durch Humor und Sarkasmus hat etwas Universelles. Und um mit einer Metapher aus dem Kalten Krieg zu sprechen: Der Humor ist für mich die Interkontinentalrakete, und die Tragödie ist die nukleare Ladung. Was man rüberbringen will, ist natürlich die Tragödie, sonst hat man ja am Ende bloss einen Haufen Witze. Aber die Witze braucht man selbstverständlich auch.

Ist dieser extrem selbstkritische Humor, der Ihr Markenzeichen ist, auch eine Art der kunstvollen Selbstverstümmelung?
Jede Ethnie hat etwas, das sie besonders gut kann: Die Thais machen ein fantastisches grünes Curry, die Italiener die beste Pasta, die Schweiz ist berühmt für ihre Uhren. Wir Juden haben den selbstkritischen Humor, den wir über Jahrhunderte hinweg gepflegt und verfeinert haben. Natürlich ist dieser Humor ein Abwehrmechanismus, aber er ist auch etwas Schönes. Etwas, das respektiert werden muss. Und was die Selbstverstümmelung betrifft: Das macht nichts, wir haben ja genug Psychoanalytiker.

Abgesehen von Lenin und den Spielfiguren aus «Star Wars» sind Ihre Bücher frei von traditionellen Helden. Aber könnte man vielleicht sagen, dass in «Kleiner Versager» der Migrant eine Art übermenschliches Wesen ist, das gegen zwei Supermächte ankämpft?
Wenn dem so ist, werden wir bald viele Superhelden auf dieser Erde haben, denn die Zukunft der Menschheit wird eine Zukunft der Migration sein. Früher gab es vor allem Kriege und Hungersnöte, mit der Klimaveränderung kommt nun ein weiterer Faktor hinzu, der zu einer endlosen Migration von Süden nach Norden oder von Osten nach Westen führen wird, deren Konsequenzen kaum absehbar sind. Die Zukunft wird denjenigen Menschen gehören, die es schaffen, rechtzeitig aus Gefahrenzonen abzuhauen.

Hat sich die Haltung gegenüber der Immigration in den USA verändert, seit Sie mit Ihren Eltern Ende der siebziger Jahre nach New York kamen?
Es gibt heute unterschiedliche Ansätze. Präsident Barack Obama hat sich stets für eine generelle Amnestie für Flüchtlinge eingesetzt, auch gegen den Widerstand des Kongresses. Auf der anderen Seite gibt es Donald Trump mit seiner Idee einer zwar nicht rassischen, aber ethnischen Reinheit.

Solche Ideen werden immer dann laut, wenn die Mittelklasse schrumpft, was in den USA in grossem Ausmass geschieht. Das Problem ist, dass die Weissen, die früher auch ohne Uni- oder Highschoolabschluss in einer Fabrik Arbeit fanden, heute oft arbeitslos sind.

Gleichzeitig wächst der Hass auf die armen Immigranten. Einwanderer mit Doktortitel und Ingenieurdiplom werden dagegen problemlos ins Land gelassen. Dabei sind sie die eigentliche Bedrohung für die Mittelklasse, nicht die armen Einwanderer, die für drei Dollar die Stunde Gemüse pflücken – ein Job, den Einheimische sowieso nie machen würden. Die Demagogen spielen mit den Ängsten der schrumpfenden Mittelklasse. Sie appellieren an deren niedrigste Instinkte, bloss, um Stimmen zu fangen.

Dabei weiss ich eines ganz bestimmt: Wir brauchen frisches Blut. In Europa wie in den USA. Und das bedeutet, dass Leute aus anderen Gegenden zu uns kommen müssen.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist für mich ein Ort auf dem Land, wo ich das halbe Jahr verbringe. In der Nachbarschaft gibt es eine Schaffarm, und man hört die Schafe blöken. Es ist himmlisch. Ich schwimme jeden Tag eine Stunde, schaue den Schafen zu und schreibe. Manchmal bin ich natürlich auch in New York. Aber New York ist sehr langweilig geworden, eine Insel der Millionäre. Wie konnte aus dieser faszinierenden Metropole ein derart langweiliges Bankenzentrum werden? New York, London, Zürich: Der Kapitalismus macht alles gleich.

In Ihren Memoiren spielt Manhattan allerdings eine wichtige, weil befreiende Rolle.
Ja, das Manhattan der achtziger Jahre. Damals kam ich zum ersten Mal mit nicht jüdischen, nicht weissen Menschen in Kontakt. Und mit einer Welt der endlosen Möglichkeiten. Die Stadt war lebendig. Natürlich will ich die Vergangenheit nicht idealisieren, es gab Raubüberfälle, Schlägereien und Schlimmeres. Aber gleichzeitig wusste man nie, was als Nächstes passieren würde, und das ist das grösste Geschenk für einen Schriftsteller.

Sie publizieren in einem sehr regelmässigen Rhythmus, alle vier Jahre ein neues Buch …
So ist es. Wissen Sie, früher schrieb ein Schriftsteller 25 oder sogar 30 Bücher in seinem Leben. Heute verbringen wir so viel Zeit mit Twittern und auf Facebook, dass wir höchstens noch zehn Bücher schaffen. Wenn ich also alle vier Jahre ein Buch schreibe, bis ich 66 und reif für die Rente bin, komme ich genau auf meine zehn Bücher. Und dann sitze ich nur noch faul herum, twittere und trinke Champagner.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch