Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Die Helden von Nairobis Ghettos

Sie spielen Reggae und urbanen Hip-Hop, moderieren in der Mischsprache Sheng und kennen die Nöte der Menschen in Kenia weit besser als die Regierung: ein Besuch bei den MacherInnen von Ghetto Radio, die der Slumbevölkerung eine Stimme verleihen wollen.

Von Anja Bengelstorff, Nairobi

Mit dunkler Sonnenbrille sitzt Mojo Morgan im schlecht beleuchteten Studio und spricht in das Mikrofon: «Kenia ist das Paradies. Ich verstehe nicht, warum Leute aus diesem Land wegwollen. Ich wäre gern Kenianer.» Wie ein Buddha thront Morgan, der in New York aufgewachsen ist und nun in Jamaika lebt, auf dem wackeligen Barhocker, die Dreadlocks fliessen seinen breiten Rücken hinunter. Mit seiner Band Morgan Heritage ist er auf Konzertreise in Kenia – einem Land, das Musik so bedingungslos liebt wie sein Tusker-Bier. Morgan tingelt durch Radiostationen, um sein neues Album «Strictly Roots» bekannt zu machen. Den HörerInnen von Ghetto Radio 89.5 FM in Nairobi erklärt er, dass er sie um ihre Staatsbürgerschaft beneidet. «Ein guter Tag für eine solche Ankündigung», sagt Moderator Majimaji – und er sagt es betont launig.

Es ist der 20. Oktober, Mashujaa Day, ein Staatsfeiertag. Kenia ehrt offiziell seine Helden. Präsident Uhuru Kenyatta hält in einem Fussballstadion eine Ansprache, in der er die Erfolge seiner zweieinhalbjährigen Präsidentschaft aufzählt: 2400 zusätzliche Polizeiautos werden als Fortschritt verkauft. Auch der Preis von Dünger sei stark gesunken. Helden fallen ihm, ausser ihm selbst, keine ein. Weder die KämpferInnen für die Unabhängigkeit Kenias von britischer Kolonialherrschaft, von denen viele ihren Lebensabend in Armut verbrachten, noch die Zehntausende unterbezahlte LehrerInnen, die Krankenschwestern und ÄrztInnen im öffentlichen, unzureichend ausgestatteten Gesundheitswesen. Auch nicht die 147 StudentInnen einer Universität in Garissa, die im April von Al-Schabab-Kämpfern hingerichtet wurden, weil die Spezialkräfte der Polizei erst elf Stunden nach dem ersten Alarmruf eintrafen. Die kenianische Führung hat die Opfer nie öffentlich betrauert. Keine kenianische Regierung hat die Bevölkerung, ausser wenn sie wiedergewählt werden wollte, je wirklich ernst genommen.

Bittere Reaktionen

Niemand spürt das täglich unmittelbarer als die HörerInnen von Ghetto Radio in Nairobi, einer Radiostation, die seit 2008 auf Sendung ist und sich hauptsächlich an HörerInnen mit geringem Einkommen in den vernachlässigten Stadtteilen der kenianischen Hauptstadt wendet, den Ghettos. Majimaji (35), Moderator der Frühstückssendung «Brekko» und heute Gastgeber von Mojo Morgan, kennt ihre Nöte genau. Er fragt an diesem «Tag der Helden» seine HörerInnenschaft, ob sie ihren kenianischen Pass gegen den eines anderen Landes eintauschen würden, gegen ein Jobangebot mit einem Gehalt von 500 Franken monatlich.

HörerInnen rufen ins Studio an, und mehr als 300 antworten auf Facebook: Ihre Antworten drücken Frustration, Enttäuschung und Bitterkeit aus. «Es gibt nichts, worauf ich in diesem Land stolz sein kann», findet Baptista Kuria, der derselben ethnischen Gruppe wie Präsident Kenyatta angehört. «Man kann sich nicht zum Patriotismus zwingen, wenn das eigene Land einen unterdrückt.» Viele liken seinen Kommentar. Fredrick Mbeya schreibt: «Solange Uhuru Kenyatta Präsident ist, würde ich gehen. Kenia ist voll von Korruption, und bestimmte Ethnien werden bevorzugt.» Almirah Raulin: «Ja, ich würde gehen. Wir alle wissen, wie schwer es ist, in Kenia einen Job zu finden, selbst wenn man einen Masterabschluss hat. Das zählt nicht, weil nur der den Job kriegt, der Verbindungen hat oder mit dem Boss verwandt ist.»

Der Jamaikaner Mojo Morgan sitzt auf seinem Barhocker und stellt nüchtern fest: «Da ist nichts, was im Ausland auf euch wartet. Wir müssen in Afrika bleiben und es selbst aufbauen.»

Freund und Partner sein

Gegründet wurde Ghetto Radio als Initiative der holländischen Stiftung This is Africa. Es versteht sich als Forum für AfrikanerInnen, damit ihre Stimme in einer globalisierten Welt gehört wird. Ghetto Radio basiert auf dem Prinzip der Community-Radios: Speziell zugeschnittene Programme bedienen eine geografisch begrenzte Hörerschaft. Gleichzeitig bilden sie eine Plattform für ihr Publikum, das seine Erfahrungen und Schwierigkeiten miteinander teilen kann. Ghetto Radio nimmt seine halbe Million Hörerinnen und Hörer, von denen die Mehrheit zwischen 18 und 24 Jahre alt ist, ernst. «Wir wollen eine Radiostation sein, die nicht vom hohen Ross herunter die Welt erklärt», sagt Majimaji, der eigentlich Julius Owino heisst, was aber kaum jemand weiss.

In Kenia kennt ihn jeder als Teil des Hip-Hop-Duos Gidigidimajimaji, dessen Hit «Unbwogable» (Ich bin unschlagbar) vor mehr als zehn Jahren eine Hymne für den politischen Wandel im Land war. Sein Name verweist auf den Maji-Maji-Aufstand 1905 im heutigen Tansania, als sich die Bevölkerung gegen die deutschen Kolonialisten auflehnte. Majimaji ist nicht nur einer von drei Moderatoren von «Brekko», sondern auch der für den Inhalt zuständige Manager des Radios. Als «Produkt des Ghettos», wie er nicht ohne Stolz sagt, verstehe er «die Emotionen der Leute» und treffe ihren Nerv: «Ghetto Radio will ein Freund und Partner sein, mit dem junge Leute diskutieren können, was sie bewegt» – Themen wie Beziehungen und Familie, Geld, Jobs, Gesundheit, korrupte Politiker.

Während der Begriff «Ghetto» in der westlichen Welt häufig negativ konnotiert ist, haben ihn die BewohnerInnen der ärmeren Viertel Nairobis auf den Kopf gestellt und für sich vereinnahmt: Trotz des harten Lebens im Slum sind sie stolz auf das, was das Ghetto leisten kann – und damit auch sie.

Die Sprache der Strasse

«Wir wären nicht akzeptiert, wenn wir unsere Wurzeln nicht im Ghetto hätten, wenn wir westliche Stationen oder Hitlisten einfach kopieren würden», erklärt Majimaji, der ein T-Shirt mit der Aufschrift «Sei über deine ethnische Zugehörigkeit erhaben» trägt, geschrieben in den kenianischen Nationalfarben Rot, Grün und Schwarz. Er sagt: «Wir erfinden afrikanische Formate. Wir spielen die Musik, die in den Ghettos gehört wird: Das ist vor allem Reggae und urbaner Hip-Hop. Und wenn wir steigende Benzinpreise diskutieren, dann tun wir das anhand der Preise von Busfahrscheinen.» Im Ghetto hat kaum jemand ein Auto. «Wir haben uns unsere Nische unter den kenianischen Radiostationen geschaffen, weil wir uns nicht einfach nach der Bevölkerungsstatistik richten: Unser Gemeinschaftssinn trägt uns voran.»

Was die Gemeinschaft und Ghetto Radio eint, sie unverwechselbar macht, ist ihre Sprache: Sheng. Der Mix aus Englisch und der zweiten Landessprache Kisuaheli, gefärbt von den weiteren Sprachen Kenias, wird vor allem von der urbanen Jugend, aber auch weit darüber hinaus gesprochen. Ständig werden neue Wörter erfunden und in Umlauf gebracht, andere verlieren die Gunst ihrer NutzerInnen und geraten in Vergessenheit. LinguistInnen haben Sheng längst als Sprache anerkannt; im Dezember ist es sogar Gegenstand einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz in Nairobi. Für Nairobis Ghettos ist Sheng Ausdruck der eigenen Identität, und so tragen auch die Formate von Ghetto Radio Sheng-Namen wie «Brekko» (von «breakfast») für die Frühstücksshow, «Sare madree» (Sag Nein zu Drogen) oder «Goteana», was auf eine Begrüssung verweist, bei der die Fäuste aufeinandertreffen.

Aus dem Gefängnis ins Studio

Mojo Morgans wackeliger Barhocker gehört morgens eigentlich King Kafu, der zusammen mit Majimaji und Annitah Raey die Frühstückssendung moderiert. «Ich bin ein geläuterter Gangster», lautet seine Begrüssung, noch bevor er seinen Namen sagt. Die weinrote Fleecejacke hängt lose auf den mageren Schultern des unscheinbaren 32-Jährigen, der in seinen Fussballertagen den Namen des brasilianischen Spielers Cafu angenommen hat. Bei Ghetto Radio hat er als Botenjunge angefangen. Seine Geschichte ist eine Geschichte des Ghettos: Er wächst auf im Slum, der frühe Tod der Eltern beendet seine Kindheit. Um zu überleben, sammelt er Altmetall, wird Taschendieb und Anführer einer Gang. Schliesslich kommt eine Pistole ins Spiel («Die hat nie richtig funktioniert»), mit der die Halbwüchsigen Raubüberfälle verüben. Zwanzig seiner Freunde sterben in Auseinandersetzungen mit der Polizei oder anderen Gangs. Nach mehreren kürzeren Haftstrafen muss King Kafu drei Jahre ins Gefängnis. Danach macht er eine Ausbildung und lernt, Särge herzustellen. Ein Kindheitsfreund vermittelt ihn zu Ghetto Radio. Nach ein paar Monaten moderiert er seine erste Show.

«Ghetto Radio hat mein Talent erkannt», sagt King Kafu, der mit richtigem Namen Nicholas Kilel Cheruiyot heisst. «Ich bin ein Unterhalter, und ich liebe meinen Job.» Er zeigt einen Clip auf Youtube, in dem er junge Leute überzeugen will, einem Leben in der Kriminalität abzuschwören. Er hat zu viele Freunde sterben sehen. Wenn er nicht auf Sendung ist, spricht er in Schulen und Gefängnissen. «Kriminalität bringt dich um», sagt er mit der Autorität dessen, der es weiss. «Ich erzähle den Leuten, dass sie zwei Hände und zwei Beine haben: Macht was draus. Seid euch nicht zu schade zum Arbeiten. Fangt irgendwo an.»

Mischelfreitag

«Wir sind eine Familie hier», stellt seine Ko-moderatorin Annitah Raey (25) lachend fest und legt geschwisterlich ihren Arm um Kafu, dessen schmale Gestalt fast verschwindet. Annitah Raey ist ihr Künstlername, und nur der soll in der Zeitung stehen. Neben der Moderation schreibt sie Skripte und Gedichte, bisher unveröffentlicht. Vor zwei Jahren kam sie zu Ghetto Radio. «Hier habe ich die Möglichkeit, zu experimentieren und an meiner Karriere zu arbeiten», sagt sie. «Ich will die beste Moderatorin werden, die man sich vorstellen kann.» Im «Brekko»-Trio mit Majimaji («liberal und vernünftig») und King Kafu («garantiert immer anderer Meinung») übernimmt Annitah den weiblichen Part. «Ich glaube, ich bin keine Feministin», überlegt sie, «aber ich hasse es, wenn Menschen mit zweierlei Mass messen. Und kenianische Frauen fordern einfach zu viel, ohne selbst zu geben.» So sind Beziehungen ein beliebtes Thema der Frühstücksshow, aber «wenn wir wollen, dass die Telefone glühen, sprechen wir über Korruption.»

Freitags ist «Hustle Friday»: Das Team der Frühstücksshow will junge UnternehmerInnen feiern und andere ermuntern, selbst aktiv zu werden. Es gibt umgerechnet 25 Franken zu gewinnen, die, so die Idee, ins kleine Unternehmen fliessen sollen. Ochi aus dem Dorf Banana Hill ruft an und erzählt von seiner Schreinerei. Maggy aus Kitengela ist eine Gemüsefrau, der das Geld für neue Ware ausgegangen ist, weil sie zu viel auf Kredit verkauft hat. Die HörerInnen stimmen ab. Maggy gewinnt das Geld. Am Dienstag wird die Crew sie in Kitengela besuchen und ein kleines Feature über sie produzieren.

Auch im Ausland beliebt

Etwa zwanzig MitarbeiterInnen hat Ghetto Radio, das rund um die Uhr sendet und sich vollständig aus Werbespots finanziert, so Majimaji. Für Smartphones gibt es eine App, die in grosser Zahl runtergeladen wird. Mehr als 530 000 Personen mögen Ghetto Radio auf Facebook, mehr als 40 000 folgen dem Sender auf Twitter. Die Website thisisafrica.me bietet zusätzliche Inhalte. Mittels Stream ist Ghetto Radio weltweit zu empfangen – von wie vielen NutzerInnen, kann Majimaji nicht sagen. «Das Internet hat unseren Ansatz in keiner Weise verändert», schüttelt er den Kopf. «Im Ausland mag man vielleicht unsere Musik oder die Energie, die wir rüberbringen. Dafür muss man nicht jedes Wort verstehen.»

Ghetto Radio gehört dem Ghetto. Das ist das Geheimnis seines Erfolgs. «Wenn wir in den Slums recherchieren und die Leute erkennen uns, wollen sie uns sofort ihre Geschichte erzählen», sagt Nachrichtenchefin Claret Adhiambo (28). «Sie wissen, dass wir für sie kämpfen.» Und sie erkennen ihre Leistung an, wie etwa die des jungen Rettungssanitäters Brian Odhiambo, der achtzehn Stunden lang mit einem Schwerverletzten in einem Krankenwagen festsass, weil kein Krankenhaus den verblutenden Mann ohne Vorauszahlung aufnehmen wollte. Das «Brekko»-Trio lud Brian für seine wöchentliche Rubrik «Eine wahre Ghettogeschichte» ins Studio ein. Ein Hörer schrieb auf Facebook: «Dieser Junge sollte als Held gefeiert werden, nicht wahr?» Präsident Kenyatta hat wohl noch nie von Brian Odhiambo gehört.

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