Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Irgendwann merken sies

Pit Wuhrer über die Medien und Jeremy Corbyn

Von Pit Wuhrer

Sie sahen ihn nicht kommen. Keine Zeitungsredaktion, keinE ReporterIn, kein TV-Sender hatte Jeremy Corbyn auf dem Radar, als die britische Labour-Partei im Frühsommer eine neue Führung zu suchen begann. Es habe «im politischen Journalismus der letzten Jahre kaum ein grösseres Versagen gegeben als die Unfähigkeit der Medien, den grundlegenden Wandel in der politischen Landschaft zu erkennen, der zum Corbyn-Erdbeben führte», steht im aktuellen «The Journalist», dem Mitgliedermagazin der JournalistInnengewerkschaft NUJ. Und dann, als der Boden unter dem Partei-Establishment längst ins Rutschen gekommen war, hätten die Medien – so «The Journalist» – Corbyn als «verrückten und unwählbaren Peacenik» charakterisiert oder als gut meinendes Politfossil, das einer längst verlorenen Sache hinterherläuft.

Das ist noch freundlich formuliert. Die meisten Medien, insbesondere die rechte Kampfpresse, hauten den Sozialisten und Unterhausveteranen Corbyn in die Pfanne wie keinen Spitzenpolitiker je zuvor. Er sei ein Terroristenfreund, ein Hamas-Sympathisant (und Antisemit), ein vaterlandsloser Geselle und eine Gefahr für die britische Wirtschaft.

All die Warnungen haben bekanntlich nichts genützt. Corbyn wurde Mitte September mit überwältigender Mehrheit zum neuen Labour-Vorsitzenden gewählt. Das mediale Dauerfeuer habe das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht, vermutet «The Journalist» – weil die vielen Attacken von einer Zunft vorgetragen wurden, «die den Kontakt zur Realität verloren hat». Und es stimmt ja auch: Gerade die Tatsache, dass Corbyn von den Medien des Establishments so angegangen wurde, machte ihn zum Hoffnungsträger einer neuen Generation. Laut «Guardian» vom Montag hat der Wechsel an der Labour-Spitze viele Jugendliche ermutigt: Die Studierenden gehen wieder auf die Strasse, Initiativen wie die Campaign for Nuclear Disarmament verzeichnen beachtlichen Zulauf, schon lange waren die Jungen nicht mehr so politisiert wie heute. Auch das hat sich in den meisten Redaktionsstuben bisher nicht herumgesprochen.

Werden die traditionellen Medien also überschätzt? Verlieren sie an Einfluss? Das Beispiel zeigt zumindest, dass sich auch medial ignorierte Bewegungen entwickeln können und kaum zu stoppen sind, wenn sie eine Dynamik entfalten. Das war im letzten Herbst auch in Schottland zu sehen, wo (bis auf eine Zeitung) alle Medien die Unabhängigkeit für Unfug erklärten – und trotzdem fast ein Ja zustande gekommen wäre. Die konservativen Blätter von Rupert Murdoch und Co. lassen weiterhin kein gutes Haar am neuen Labour-Chef. Als Corbyn kurz nach seiner Wahl an einer nationalen Gedenkfeier schwieg, statt die Nationalhymne mitzusingen, war die Hysterie gewaltig («Corbyn brüskiert die Queen!»). Ansonsten aber schweigen sie. Corbyn nimmts gelassen. «Die sollen ruhig so weitermachen», spottete er am Labour-Parteitag im September, irgendwann werde «das Kommentariat schon merken, wie die Welt wirklich aussieht».

Ganz egal sind ihm, dem NUJ-Mitglied, die Mainstreammedien allerdings nicht. Corbyn verzichtet zwar weiterhin auf Spindoktoren, die jeder Meldung den richtigen Dreh verpassen. Er denkt auch – anders als Tony Blair – nicht daran, den Medienzaren zu hofieren. Aber er hat seit letzter Woche einen Kommunikationsverantwortlichen: Seamus Milne, seit Jahrzehnten Redaktor und entschieden links argumentierender Kommentator des «Guardian», ist jetzt Labours neuer Pressesprecher.

Pit Wuhrer schreibt gegenwärtig 
aus Belfast.

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