Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

«Entweder ein Aufstand – oder gar nichts»

Wieso war die Kampagne der Labour-Partei in der Parlamentswahl so erfolgreich? Und wie geht es mit der Linken in Britannien weiter? Ein Gespräch mit dem Jeremy-Corbyn-Biografen Alex Nunns.

Interview: Peter Stäuber, London

WOZ: Alex Nunns, entgegen allen Prognosen hat Labour vierzig Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten und dreissig Sitze im Unterhaus dazugewonnen. Hatten Sie einen solchen Erfolg erwartet?
Alex Nunns: Nein. Aber ich war mir sicher, dass Labour besser abschneiden würde, als es die Umfragen zu Beginn der Kampagne nahelegten, als die Partei noch über zwanzig Prozentpunkte hinter den Konservativen lag. Labour kam schnell in die Gänge und führte einen sehr guten Wahlkampf. Witzig ist ja, dass solche «snap elections», also vorgezogene Wahlen, eigentlich eine Überraschungstaktik darstellen und der Opposition die Möglichkeit nehmen sollen, sich vorzubereiten. Von Beginn weg war es jedoch klar, dass Labour die viel attraktivere Vision fürs Land hatte und besser organisiert war als die Tories. Ich war also überhaupt nicht überrascht, dass sich ihr Rückstand laufend verkleinerte.

Weshalb war die Kampagne so effektiv?
Drei Umstände waren entscheidend: Erstens hatte Jeremy Corbyn selbst einen riesigen Einfluss. Seine Zustimmungswerte schossen im Lauf der Kampagne in die Höhe. Der Grund ist seine Fähigkeit, mit den Leuten in einer verständlichen Sprache zu kommunizieren, und zwar über Themen, die die meisten Mainstreampolitiker seit Jahrzehnten ignorieren: etwa über die Tatsache, dass unser Wirtschaftsmodell Normalbürgern keinen angemessenen Lebensstandard mehr bietet. Kein anderer Politiker sprach darüber. Dass es Corbyn dennoch tat, ist der Grund, weshalb er 2015 zum Labour-Chef gewählt wurde.

Was war der zweite Grund?
Das Team rund um Corbyn – etwa sein Pressechef Seumas Milne – wurde von der britischen Presse genauso wie der Parteichef selbst als inkompetent belächelt. Na ja, jetzt hat sich herausgestellt, dass sie überaus kompetent sind und eine fantastische, strategische Kampagne leiteten, die die Berichterstattung in den Medien zu dominieren vermochte. Es erinnerte mich ein bisschen an Donald Trump.

Wie denn das?
Nicht im negativen Sinn! Ein Beispiel: Nach dem Terrorangriff von Manchester erwarteten viele, dass die konservative Partei davon profitieren würde, weil sie sich traditionsgemäss als Hüterin von Recht und Ordnung präsentiert. Aber vier Tage nach dem Anschlag hielt Corbyn eine Rede, in der er festhielt, dass die britische Aussenpolitik für die Terrorangriffe eine Rolle spiele. Die Konservativen und die Presse brandmarkten diese Vorstellung als pure Häresie. Aber indem sie Corbyn für seine Rede angriffen, verschafften sie diesen Ansichten zugleich Gehör. Indem also die Labour-Partei die Medien zu einem Angriff auf Corbyn provozierte, vermochte sie die Debatte über den Terrorismus zu beherrschen, was bemerkenswert ist. Politische und strategische Kühnheit dieser Art waren sehr wichtig.

Und was war der dritte Grund für den Erfolg der Labour-Kampagne?
Entstanden ist etwas Grösseres: eine Basisbewegung. Tausende Menschen opferten ihre Zeit, um nach der Arbeit oder an Wochenenden von Tür zu Tür zu gehen und die Wähler für Labour zu gewinnen. Und auch in den sozialen Medien dominierten sie die Agenda. Es war ähnlich wie bei der Wahl um den Labour-Vorsitz vor zwei Jahren – oder auch bei Bernie Sanders in den USA. Der neoliberale Konsens ist nach 2008 zusammengebrochen, viele Menschen profitierten nicht mehr vom Wirtschaftswachstum, und so staute sich jede Menge Wut an. Mit der Parlamentswahl und Corbyn an der Spitze der Labour-Partei bekamen diese Leute plötzlich die Gelegenheit, dieser Wut auf politische Weise Luft zu verschaffen. Das hat die Menschen mobilisiert, besonders die Jungen, die wiederum andere Leute angesteckt haben: Hoffnung steckt eben an. So ist die Unterstützung für Corbyn sozusagen durch Mundpropaganda laufend gewachsen.

Waren Sie auch selbst Teil dieser Bewegung?
Ja, auch ich bin im Vorfeld Klinken putzen gegangen und habe am Wahltag selbst versucht, die Leute ins Stimmlokal zu bringen. Man spürte, dass etwas in der Luft lag: Innerhalb von sieben Wochen veränderte sich die Atmosphäre der öffentlichen Debatte völlig. Der Erfolg einer Labour-Partei unter Corbyn kann nur auf diese Weise geschehen: entweder als Aufstand oder gar nicht. Es ist nicht möglich, eine solche Mobilisierung über die Dauer des gesamten Wahlzyklus aufrechtzuerhalten. Sie explodiert plötzlich – und genau das haben wir beobachten können.

Weshalb haben viele Kommentatoren bis zuletzt daran gezweifelt, dass Labour Sitze hinzugewinnen würde?
Sie hatten sich bereits vorher entschieden, welche Geschichte sie erzählen wollen, und ignorierten alle Hinweise, die diesem Narrativ zuwiderliefen, und zwar bis zuletzt. Der Grund ist schlichtweg, dass sie Corbyn in politischer Hinsicht ablehnen.

Die Berichterstattung war aussergewöhnlich negativ. Am vorletzten Tag setzte das rechte Boulevardblatt «Daily Mail» seiner Leserschaft auf zwölf Seiten auseinander, weshalb eine Stimme für Corbyn gefährlich sei. Waren Sie von dieser Feindseligkeit überrascht?
Nein. Corbyn ist von der Presse angefeindet worden wie sonst kein Parteichef in der britischen Geschichte – und das bereits seit dem Sommer 2015, als erstmals klar wurde, dass er der Favorit für den Vorsitz war. Interessant war diesmal jedoch, dass die Medien genau die gleichen Themen aufgriffen wie vor zwei Jahren: Sie befragten ihn zur Monarchie (die Corbyn ablehnt, Anm. d. Red.), seiner vermeintlichen Nähe zur Irisch-Republikanischen Armee und so weiter. Als der Wahlkampf begann, hatte Corbyn alle diese Fragen bereits zehnmal beantwortet. Er hatte alle Verleumdungen schon x-mal gehört und konnte sie so leicht entkräften. Seine Gegner hatten nichts Neues in der Hand.

Werden ihn seine parteiinternen Gegnerinnen und Gegner jetzt endlich akzeptieren?
Ein Versuch, ihn loszuwerden, wäre im Moment zu riskant. Die «Blairites» und die Abgeordneten vom rechten Rand der Partei versuchten, Corbyn während achtzehn Monaten zu schaden. Wenn sie jetzt, nachdem Labour ein so hervorragendes Wahlergebnis erzielt hat, genauso weitermachen würden, wäre die Wut innerhalb der Parteibasis so gross, dass sie jegliche Glaubwürdigkeit verlieren würden.

Dennoch hat die alte Parteirechte noch immer erhebliche Macht, weil sie viele Positionen innerhalb der Parteistruktur besetzen kann. Ihr bisheriges Argument, mit dem sie ihre Ablehnung von Corbyn rechtfertigten, dass er unwählbar sei, zieht jetzt aber nicht mehr.

Ideologisch sind sie aber auch weiterhin seine Gegner und Gegnerinnen. Werden die Streitigkeiten nicht wieder zum Vorschein kommen?
Das stimmt. In den vergangenen achtzehn Monaten haben wir Folgendes gelernt: Damit die Linke innerhalb der Partei stark bleibt, reicht es nicht, einen linken Vorsitzenden zu haben. Dazu braucht es auch die Mehrheit der Parteimitglieder. Obwohl Corbyn ein sehr gutes Resultat erzielt hat, werden wir in Zukunft wohl darüber sprechen müssen, wie wir die Partei demokratisieren können, sodass die Mitglieder mehr zu sagen haben.

Könnte es sich im Nachhinein als Segen herausstellen, dass Labour die Wahlen nicht gewonnen hat, weil sich die Partei so nicht mit den kniffligen Brexit-Verhandlungen auseinandersetzen muss?
Na ja, ich glaube nicht, dass sich die Konservativen lange halten können. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir noch vor Jahresende eine weitere Wahl hätten. Die Mehrheit der konservativen Abgeordneten stimmten für den Verbleib in der EU, aber es gibt im Unterhaus ein sehr lautstarkes Pro-Brexit-Lager. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Tories diese unterschiedlichen Ansichten unter einen Hut bekommen können, wenn sie keine Mehrheit im Parlament haben.

Und wie steht die Labour-Partei im Hinblick auf den Brexit da?
Sie hat eine Situation geschaffen, mit der sich beide Seiten abfinden können. «Remain»-Wähler verlassen sich darauf, dass Labour die «weiche» Brexit-Variante umsetzen wird, also die Beibehaltung der meisten Handelsbeziehungen. Und es gibt viele Leute, die «Leave» stimmten und jetzt Labour gewählt haben, besonders im Norden Englands. Corbyn konnte sie mit seiner Zusicherung gewinnen, den Brexit nicht rückgängig zu machen, sondern sich an das Votum vom vergangenen Juni zu halten.

Wie kann der Enthusiasmus der vergangenen Wochen aufrechterhalten werden?
Das ist eine sehr gute Frage! Das ist eben genau das Problem: Die Basisbewegung konnte in entscheidenden Momenten mobilisiert werden – etwa als es einen Putschversuch gegen den Vorsitzenden gab. Aber ansonsten kehren der Politikbetrieb und die Berichterstattung schnell zur Routine von Westminster zurück. Die Corbyn-Anhänger werden so schnell wieder demoralisiert. Um dies zu verhindern, hat man die Organisation Momentum gegründet, die den Schwung der Corbyn-Kampagne erhalten will. Ich hoffe, dass sich die jungen Leute weiterhin engagieren, aber eine erneute Flaute ist möglich. Andererseits könnte das politische Chaos weitergehen, dann stünden wir in ein paar Monaten erneut vor einer Parlamentswahl. Um mangelnden Enthusiasmus müsste man sich dann keine Sorgen machen.

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