Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Einmal Kopffüssler sein

Von Florian Vetsch

Die Dichterin Monika Schnyder stimmt mit dem Philosophen Thales von Milet überein: Wasser ist das Grundelement des Lebens. In «Tethys», ihrem neuen Gedichtband, heisst es entsprechend: «wir kommen alle aus dem meer». Monika Schnyder, geboren 1945 in Zürich, lebt als freie Autorin und Arabischlehrerin in St. Gallen. Besonders gern reist sie ans Meer, doch ihr Projekt «Tethys» thematisiert «meehr»: Tethys heisst nicht nur die Meerestitanin aus der griechischen Mythologie, die Urahnin der verwandlungsmächtigen Meeresnymphe Thetis und damit von deren Sohn Achilles. Tethys ist auch der Name des Urozeans aus dem Mesozoikum und dem älteren Känozoikum, dessen erdgeschichtliche Überreste bei Australien, im Schwarzen Meer und im östlichen Mittelmeer zu finden sind.

Sprachlich vielseitig geschliffen sind die poetischen Muscheln, die die Ursee in die Hände von Schnyder spült. Sie erweist sich in ihren Gedichten als Meisterin des Enjambements, des Verssprungs auf die nächste Zeile. Ihren eigenen ozeanischen Verwandlungswunsch formuliert sie so: «einmal kopffüssler sein treiben im meer / gepunktet gezackt durchs seegras streifen / blitzend mit dem schwarm abdrehn». Und einem grossen Sommergefühl gibt die Dichterin in einer einzigen fünfzeiligen Strophe diesen Ausdruck: «träge glänzend wie / sirenen oder seekühe gleiten wir / durch den sommer ernähren uns von / schwarz von weiss von / rosa packeis».

Verführerisch mag es sein, ob der barocken Fülle der sich anbietenden Meeresbilder die Relevanz ausser Acht zu lassen und eine Poesie des L’art pour l’art zu fabrizieren. Doch dieser Versuchung hat die Autorin widerstanden. Ihre Verse sind feministisch, soziologisch, ökologisch unterfüttert. Auch politisch, etwa im folgenden Blick auf das Mittelmeer: «ligurisches tyrrhenisches / levantisches ägäisches libysches / kilikisches thrakisches / adriatisches binnen- neben- / unser meer».