Nr. 43/2019 vom 24.10.2019

Schmutzränder der Geschichte

Von Claire Plassard

Susan Sontag meinte einmal in einem Interview, dass Komfort isoliere. Es scheint, als hätten sich die ProtagonistInnen von Jan Heller Levi diesen Satz zu Herzen genommen: so unerschrocken, wie sie Paradiese verlassen und, Unkraut gleich, den Widrigkeiten der Existenz trotzen. Mit dem zweisprachigen Band «That’s the Way to Travel / So sollte man reisen» liegen erstmals Gedichte von Heller Levi in deutscher Übersetzung vor. Sie treten in Dialog mit Collagen der Künstlerin Marlies Pekarek.

Die 1954 geborene Lyrikerin war die persönliche Assistentin der Schriftstellerin und politischen Aktivistin Muriel Rukeyser, agierte als Herausgeberin von June Jordans Poesie, unterrichtete an der New Yorker City University und wurde für ihren ersten Gedichtband mit dem Walt Whitman Award ausgezeichnet. Mittlerweile lebt sie in St. Gallen. Für den deutschsprachigen Raum ist Heller Levis Lyrik eine Entdeckung. «Glanz schimmerte verlockend, doch ich lechzte / nach den Schmutzrändern der Dinge, / den ungenauen Grenzen», erklärt sich das lyrische Ich, das in den Gedichten auszieht, um nach anderen Frauen Ausschau zu halten, nach Sex und einer Zigarette danach, und schliesslich auf dem Boden der Realität landet – in Form einer Parkbank, neben der Ex namens «Ich-hab-dein-Leben-ruiniert». Heller Levis Verse sind sinnlich, schmerzhaft ehrlich, häufig selbstironisch und nicht zuletzt politisch.

Letzteres trifft nicht nur für «Lieber Präsident Obama» zu, wenn die Dichterin ihre Desillusionierung über den zum Revolutionär Hochstilisierten eingesteht, um sogleich nachzuschieben: «Wie wenn ich je die Revolutionärin gewesen wäre, für die ich / mich hielt». Die politische Ironie wird insbesondere in «Weil wir Landkarten lieben» manifest. Das lyrische Ich hievt den geliebten Abenteurer in seinen Rollstuhl und küsst ihn; quasi als «freundliches Fick-dich an alle, die zuschauen / und denken, unser Leben sei weniger als das ihre».

Zweisprachige Lesung mit Jan Heller Levi, Clemens Umbricht und Florian Vetsch, anschliessend Atelierbesuch von Marlies Pekarek, St. Gallen, Hauptpost, Raum für Literatur, Samstag, 26. Oktober 2019, 16.30 Uhr.

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