Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Integration mit den Füssen

Pedro Lenz über Fussballtrainings mit Flüchtlingskindern

Von Pedro Lenz

Wir reden wieder über mangelnde oder genügende, über missglückte oder geglückte Integration. Wir reden wieder über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Wir reden wieder über das Verteidigen oder Nichtverteidigen unserer Werte. Wir reden wieder über Begriffe wie Aufklärung, Freiheit, Sicherheit, friedliches Zusammenleben ohne Parallelgesellschaften und über vieles mehr.

Theoretisch wüssten wir, was zu tun wäre, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Die Schwierigkeit ist freilich die Umsetzung in die Praxis. Im Alltagsleben von Schweizerinnen und Schweizern gibt es nur wenige Berührungspunkte mit dem Leben von Asylsuchenden. Wir begegnen ihnen vielleicht aus der Distanz. Im Idealfall ist dies eine höfliche Distanz, aber es bleibt eine Distanz. Asylsuchende haben in der Regel keinen Zugang zur Arbeitswelt, viele von ihnen leben ausserhalb der Ortschaften. Es ist schwer für sie, Bekanntschaften mit Einheimischen zu machen.

Der Fussball bietet eine Chance dazu, dass Einheimische und Fremde sich so begegnen, wie Menschen sich begegnen sollten: freundschaftlich, emotional, verbindlich, solidarisch und längerfristig. Ausgerechnet der Fussball!, werden fussballskeptische LeserInnen jetzt möglicherweise denken. Wie soll diese korruptionsverseuchte Geldmaschine, diese von Eitelkeit und Oberflächlichkeit bestimmte, den Nationalismus fördernde Sportart zu irgendetwas Gutem taugen?

Die Frage ist berechtigt, aber sie verkennt, dass Fussball mehr ist als das, was wir im Fernsehen sehen. Fussball ist eine weltweit gebrauchte Ausdrucksform des Körpers, die weder kulturelle Assimilation noch Sprachkenntnisse erfordert.

Der FC Thun zum Beispiel, ein Spitzenklub des Schweizer Fussballs, hat vergangene Woche 60 Asylsuchende und 130 Kinder aus neun Nationen und von vier verschiedenen Durchgangszentren zu einer Begegnung mit den Spielern der Profimannschaft eingeladen. Viele der Fussballer hatten so die Möglichkeit, erstmals persönlich und direkt mit Asylsuchenden in Kontakt zu kommen. Und manche Flüchtlingskinder machten wohl erstmals die Erfahrung, dass sie in der Schweiz irgendwo dazugehören und ernst genommen werden.

Vielleicht mag es auf den ersten Blick so aussehen, als könnten solche Goodwill-Aktionen von Profiklubs nicht unbedingt nachhaltig sein. Aber dieser Eindruck wäre falsch. Aktionen wie das Training mit Flüchtlingen und Flüchtlingskindern, das von der Organisation «FC Thun macht Schule» organisiert wurde, wirken als Anstoss. Viele der Mädchen und Buben, die an einer derartigen Aktion mitmachen können, werden dazu motiviert, selber einem Fussballklub beizutreten.

Hunderte von Fussballklubs in der Schweiz nehmen Flüchtlingskinder bei sich ins Training auf. In jedem Fussballklub, in dem Kinder mittrainieren, kommen deren Eltern zwangsläufig mit den Klubverantwortlichen in Kontakt. Die Trainerinnen und Trainer ihrer Kinder oder die Eltern anderer Kinder sind für die Asylsuchenden oft die ersten Bezugspersonen ausserhalb des Asylzentrums. Am Rand des Fussballplatzes ergeben sich Gespräche über Alltäglichkeiten. Daraus entstehen nicht selten auch Freundschaften zwischen einheimischen und fremden Familien. Und aus diesem Netzwerk wiederum ergeben sich oft Chancen bei der Wohnungs- oder Stellensuche.

Sich kennenzulernen, ist der erste Schritt bei der Verständigung zwischen Flüchtlingen und der bereits ansässigen Bevölkerung. Vorurteile lassen sich durch Begegnungen abbauen. Solange wir aber in unserem Alltag wenig Begegnungen mit Asylsuchenden haben, ergeben sich auch wenig Gelegenheiten zum Abbau von Vorurteilen. Eine davon – und bestimmt nicht die schlechteste – ist der wenig beachtete Regionalfussball, von dem höchstens in den Randspalten der Regionalzeitung berichtet wird.

Pedro Lenz (50) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Sein unruhiges Herz schlägt für die menschenverbindende Kraft des Fussballs.

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