Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

«Wir müssen den Jungen zuhören»

Nach dem Ausnahmezustand versucht Brüssel, in die Normalität zurückzukehren. Doch war es nicht gerade diese Normalität, die zur Radikalisierung einiger Jugendlicher aus dem Molenbeek-Quartier beigetragen hat?

Von Jonas Aebi, Brüssel

Gegen ein Fünftel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund brechen hier die Schule vorzeitig ab: Strassenszene im Brüsseler Molenbeek-Quartier. Foto: Arturas Morozovas, EST&OST

Am Sonntag, zwei Tage nach dem Ende des Ausnahmezustands in Brüssel, scheint die Sonne wieder. Wenige Hundert Meter von der Grandeplace mit ihren vergoldeten Barockfassaden entfernt fotografieren sich TouristInnen vor dem Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt: dem Manneken Pis, der kleinen Statue eines Jungen, der in einen Brunnen pinkelt. Beobachtet werden sie von zwei wachsamen Militärs mit Maschinengewehr.

Vom Stadtzentrum ist man zu Fuss in fünfzehn Minuten in Alt-Molenbeek, dem historischen Zentrum der knapp 100 000 EinwohnerInnen zählenden Gemeinde Molenbeek-Saint-Jean. Etwa vierzig Dschihadisten sollen von hier aus schon nach Syrien gereist sein. Auf der Place Communale ist Sonntagsmarkt. «Un euro, un euro», preisen die VerkäuferInnen ihre Früchte an. Vor den weiten Auslagen lässt sich alles Mögliche kaufen, Lebensmittel, Kleider, Shampoo, Werkzeug. Es riecht nach gebratenem Huhn. Der Markt ist voll, ein geschäftiges Wuseln herrscht. Vor einem Früchtestand diskutiert eine Frau mit zwei Kindern lautstark auf Arabisch mit dem bärtigen Verkäufer. Daneben begutachten zwei Frauen ein rotes Kleid. Ein Betrunkener läuft vorbei und schreit: «Warum so schlecht gelaunt? Das Leben ist schön!»

Eine Woche vorher durchkämmten Militär und Polizei das Quartier und stürmten mehrere Häuser auf der Suche nach dem mutmasslichen Terroristen Salah Abdeslam. Sechs Tage lang befand sich die Stadt im Ausnahmezustand. Dort, wo jetzt die mit Planen bedeckten Marktstände stehen, war ein Tag zuvor noch ein Kamerateam und filmte das Eckhaus, in dem die Gebrüder Abdeslam und Abdelhamid Abaaoud gewohnt haben. Heute filmt keine Kamera das lebendige Marktgeschehen. Es passt nicht ins Bild von Molenbeek als «Zentrum des Dschihadismus», zu dem es die Weltmedien erkoren haben.

GastarbeiterInnen in der Kanalzone

Unter dem Motto «Lasst Molenbeek in Ruhe» sind am Mittwoch während des Ausnahmezustands Hunderte EinwohnerInnen auf die Place Communale geströmt, haben Kerzen angezündet und den multikulturellen Zusammenhalt zelebriert. Die Schilder, auf denen das o von Molenbeek durch ein Peacezeichen ersetzt wurde, hängen im Quartier noch überall in den Fenstern.

Hassan Rahali, der für die SozialdemokratInnen im Gemeinderat wirkt, hat die Kundgebung mitorganisiert. Der 48-Jährige sitzt im Café Abbouès, einige Strassen von der Place Communale entfernt. Nur Männer sind zu sehen, Kaffee oder Minztee trinkend. Seit Jahren stehe Molenbeek in einem schlechten Licht, sagt Rahali. Er hat es satt, dass wegen drei Attentätern, die «nichts mit dem Islam zu tun haben», Molenbeek und die MuslimInnen erneut unter Generalverdacht stehen. Bereits vorher sei die Diskriminierung omnipräsent gewesen. «Wenn du mit einem arabischen Namen eine Wohnung suchst oder Arbeit mit einer Wohnadresse in Molenbeek, hast du keine Chance», so der Lokalpolitiker.

Seine Eltern seien in den sechziger Jahren von Marokko nach Brüssel gezogen, erzählt Rahali. Damals, als in der Kanalzone – von Anderlecht im Süden bis Schaerbeek im Norden – noch Industrieunternehmen florierten, fehlte es der belgischen Wirtschaft an geringqualifizierten Arbeitskräften. Belgien warb in Marokko, mit dem es 1964 ein Anwerbeabkommen geschlossen hatte, aktiv um GastarbeiterInnen. Zehntausende folgten dem Lockruf des Wohlstands. Wie viele andere landeten Rahalis Eltern in der Kanalzone, nahe der Industrie. In den Achtzigern wurden die Industriebetriebe verlagert, die Arbeitsplätze verschwanden, die belgische Mittelschicht zog an die Ränder der Stadt. Die GastarbeiterInnen hingegen blieben.

Heute erstreckt sich entlang des ganzen Kanals der «croissant pauvre», wie StadtforscherInnen das Gebiet nennen. Dort leben vor allem MigrantInnen aus arabischen Ländern, Arbeitslosigkeit und Armut sind im Vergleich mit anderen Bezirken hoch. Die meisten der ehemaligen GastarbeiterInnen wurden inzwischen eingebürgert, ihre Kinder wuchsen hier auf. Rahali sagt mit erhobener Stimme: «Wir sind Belgier, wir sind hier geboren. Doch ständig wird uns gesagt: Du bist nicht wie wir.»

Hohe Arbeitslosigkeit

Unweit der Place Communale liegt die Place Bonnevie, die 2011 neu eingeweiht wurde. Auf dem grossen, modernen Spielplatz spielen Kinder, die Eltern sitzen in Gruppen etwas abseits. «Auf Quartiersebene wurden in den letzten Jahren viele integrative Projekte umgesetzt», sagt Myriam Hilgers, die seit sechzehn Jahren mit ihrem Partner in Molenbeek wohnt und das multikulturelle Flair des Viertels liebt. Sie arbeitet als Urbanistin bei der Region Brüssel. Viele Plätze hier sind renoviert worden, 2006 eröffnete die Gemeinde ein neues Zentrum der Kulturen. Doch die grossen strukturellen Probleme werden nicht gelöst: Die Gemeinde ging vor ein paar Monaten fast in Konkurs, viele Häuser sind in einem schlechten Zustand. Zudem werden die kleinen Arbeiterhäuschen von mehreren Familien geteilt, um Miete zu sparen. Und auf den Wartelisten der Sozialwohnungswerke in Brüssel stehen über 40 000 Namen.

Ihr Sohn sei in der Schule das einzige Kind mit der Muttersprache Französisch, sagt Hilgers. «Wir wollten das so, dadurch ist er gut im Quartier integriert.» Doch viele befreundete Familien würden die Kinder in andere Schulen bringen, ausserhalb von Molenbeek. Denn in den Schulen des Quartiers fehlt es an Lehrkräften, die Klassen sind überfüllt. Und gegen ein Fünftel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund bricht in Molenbeek die Schule vorzeitig ab. Die Gemeinde hat eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 45 Prozent – was umso schwerer wiegt, als fast die Hälfte der Bevölkerung unter dreissig ist.

Politiker Rahali spricht von einer Identitätskrise der Jugend. Er sei stolz, gleichzeitig Muslim, Belgier und Marokkaner zu sein. «Doch vielen Jugendlichen fehlt es an Perspektiven in Belgien. Ihr Ursprungsland kennen sie hingegen kaum, können nicht dorthin zurück. Wohin also sollen sie?»

Auch Johan Leman sieht in dieser Perspektivlosigkeit eine wichtige Ursache für die Radikalisierung. Der 69-jährige Anthropologe ist Präsident der Nichtregierungsorganisation Foyer. 1969 wurde sie in Molenbeek gegründet, bietet seitdem Beratung, Sportangebote und Kreativkurse für sozial Benachteiligte an. Im letzten Jahr hat die flämische Regierung Foyer die Unterstützung gekürzt. «Zudem existiert ein Generationenkonflikt. Die zweite Generation betrachtet den Islam der Eltern als rückständig, sie wendet sich von deren religiösen Ansichten ab», sagt Leman. Weder der Islam der Eltern noch die belgische Gesellschaft scheinen als grosse Erzählung zugänglich. «Die Radikalisierung ist ein Prozess der Loslösung. Zuerst beginnen die Jungen, sich von ihren Eltern oder Freunden zu lösen», so der Experte. «Das Wichtigste ist, sie nicht zu verlieren.»

Vieles ist improvisiert

Am nördlichen Rand von Molenbeek stehen die letzten Überreste der Industrie: Hier hat die unabhängige Organisation Toestand fünf grosse Industriehallen direkt am Kanal zwischengenutzt, das Allee du Kaai. Die Aussenwände sind voll mit Graffiti. Im Aufenthaltsraum spielen Jugendliche Tischtennis und Tischfussball, hinten kocht eine Gruppe Marokkaner ein Abendessen. Vieles hier ist improvisiert, mit gebrauchten Gegenständen und Holzlatten zusammengeflickt.

Vor dem Eingang rauchen fünf Jugendliche einen Joint. Jede Woche kämen sie hierher, erzählen sie. «Hier lässt man uns in Frieden. Wir können tun, was wir möchten», sagt einer. «Wenn sie hier sind, hängen sie nicht draussen rum, machen keine Dummheiten und gehen nicht stehlen», sagt Abdelhakim Zaouchi. Der 24-jährige Belgier marokkanischer Abstammung ist in Molenbeek aufgewachsen. Seit einem Jahr arbeitet er für das Projekt. Staatliche Kulturzentren seien zu geordnet, sagt Zaouchi. Und auch dort gebe es Diskriminierung: «Wenn du in einem staatlichen Zentrum ein Projekt machen willst, musst du zumindest einen flämischen Belgier dabeihaben.»

Das Allee du Kaai habe sich zum Ziel gesetzt, Angebote für Menschen zu gestalten, «die von der Gesellschaft vergessen werden», sagt Niels Coppens von Toestand, deren Projekte zumeist durch Spenden finanziert werden. Doch ein Projekt genüge nicht: Gerade jetzt, während der allgemeinen Paranoia nach den Attentaten, seien die Behörden gefragt. «Wir müssen Zeit und Geld investieren in die Jugendlichen. Vor allem aber dürfen wir ihnen nicht sagen, was zu tun ist. Das tut schon der Staat mit seiner Repression, das tut auch der IS. Wir hingegen müssen ihnen zuhören.»

Belgische Innenpolitik

Brüssel will Fussfesseln einführen

Die von der flämisch-nationalen Partei NV-A und dem rechtsliberalen Mouvement réformateur (MR) dominierte belgische Regierung reagiert auf die Attentate von Paris mit Härte. Obwohl das Molenbeek-Quartier schon lange mit Terroranschlägen in Verbindung gebracht wird und die mutmasslichen Attentäter dem Staat und der Gemeinde bekannt waren, nutzt sie nun die Gelegenheit, um die Gesetze zu verschärfen. Kurz nach den Attentaten in Paris liess Innenminister Jan Jambon (NV-A) verlauten, er werde in Molenbeek «aufräumen». Jambon kündigte an, jedes Haus im Quartier kontrollieren zu wollen.

Am 19. November stellte Ministerpräsident Charles Michel (MR) achtzehn «Massnahmen gegen den Terrorismus» vor. Unter anderem sollen rückkehrende SyrienkämpferInnen inhaftiert werden dürfen. Und Personen, die wegen drohender Radikalisierung unter Beobachtung stehen, sollen in Zukunft Fussfesseln tragen müssen. Am vergangenen Dienstag gab Michel zudem bekannt, er wolle einen europäischen Geheimdienst nach dem Vorbild der CIA einsetzen.

Zugleich wird Kritik am unkoordinierten Vorgehen der Regierung laut. Die am 21. November ausgerufene höchste Terrorgefahrenstufe vier für Brüssel wurde am 26. November ohne konkrete Ermittlungsergebnisse wieder auf Gefahrenstufe drei heruntergesetzt. Das Militär patrouilliert jedoch auch weiterhin auf den Strassen. «Die regierende NV-A ist dabei – gegen den starken Widerstand der linken Kräfte –, Reformen à la Thatcher durchzusetzen», sagt Eric Corijn, emeritierter Professor für Geografie an der Vrije Universiteit Brussel. «Die entscheidende Frage wird sein, welche Ausnahmen nun normalisiert werden.»

Jonas Aebi

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