Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Was für eine miese Feministin

Vor Weihnachten beschert ein Heer von Schönheiten der Dessousfirma Victoria’s Secret Rekordgewinne. Die Modeshow könnte frauenfeindlicher kaum sein – ich bin ihrem Zauber verfallen.

Von Nina Kunz

Sie nennen ihn den «Fantasy Bra». Er ist auf seiner ganzen Oberfläche mit Diamanten bestückt und zwei Millionen Dollar wert. Es ist der teuerste Büstenhalter der Welt. Getragen wird er von einer Frau namens Lily Aldridge. Sie ist verheiratet mit einem Rockstar und ein Engel. Also eines der Models, die den Unterwäschehersteller Victoria’s Secret repräsentieren. Die Firma wirbt nicht mit gewöhnlichen Models, sondern mit einer ausgewählten Gruppe von «Angels», die als schönste Frauen der Welt gehandelt werden, sobald sie unter Vertrag stehen. Einmal im Jahr, kurz vor dem Weihnachtsgeschäft, kulminiert der Kult in einer teuren Show, in der die Frauen in lächerlichen Kostümchen über den Laufsteg geschickt werden, geschmückt wie Christbäumchen, mit Flügeln, mit Schleifen am Hintern, mit Büstenhaltern, die aussehen wie Fussbälle, Zeltdächer oder Lollipops. Die wallenden Haare hüpfen bei jeder Bewegung mit; wenn sie für die Fotografen mit dem Hintern wackeln; wenn sie mit hohlem Kreuz posieren, damit ihre Pobacken noch knackiger wirken; die Brust rausstrecken, die Bauchmuskeln angespannt. Diese Frauen sind keine Kleiderhaken, sie sind Fabelwesen mit gestählten Körpern und Büstenhaltern, die so viel kosten wie eine Villa.

«Train like an Angel»

An dieser Stelle muss ich gestehen: Ich liebe diese Frauen. Sie sind wunderschön. Dass sie ein unerreichbares Ideal repräsentieren und sich Millionen junger Frauen ihretwegen schlecht fühlen, ist mir egal. Ich sehe diese Engel über den Laufsteg defilieren und denke: Wow. Erst dann mahnt das Gehirn: Diese Frauen stehen für all das, was du hasst. Sie sind mit schuld, dass Frauen als Objekte angesehen werden, als Püppchen, als Ding. Als Feministin müsste ich sie hassen. Aber mein Feminismus schafft es nicht immer, meinen Geschmack zu züchtigen. Dass ich diese Frauen schön finde, ist eine spontane Reaktion, keine überlegte; so wie auf Muskeln zu stehen, rasierte Frauenbeine ästhetischer zu finden als unrasierte, gewachste Schamlippen geiler. Ein Widerspruch tut sich auf.

Ein Widerspruch, den viele meiner Freundinnen nicht sehen, die derzeit dem Victoria’s-Secret-Hype verfallen sind. Sie finden es ganz natürlich, dass Engel keine Schamhaare haben. Auf Instagram fieberten sie wochenlang der Show entgegen. Ein genialer Marketingstratege hatte nämlich eine Kampagne lanciert: «Train like an Angel». Mädchen und Frauen aus der ganzen Welt können sich gemeinsam mit den Engeln auf die Show vorbereiten. Selbstverständlich gibt es auch eine «Work-out-Kollektion» mit Shirts und passendem Motto. Während die echten Models täglich Bilder von ihren Trainingsstunden posteten, taten es ihnen meine Freundinnen nach. Nun kursieren unzählige Fotos von jungen Frauen im Fitnesscenter im Netz: Alle trainieren sie wie Engel, um ihrem Ideal möglichst nahe zu kommen. Victoria’s Secret übt eine enorme Macht aus. Wer möchte kein Engel sein?

Rein und diszipliniert

Wenn sich meine feministische Hirnhälfte einschaltet, weiss sie, warum: Frauen sollten keine Engel sein müssen, um geliebt zu werden – vor allem nicht solch paradoxe wie bei Victoria’s Secret. Denn eigentlich verkaufen die Models Sex, knappe Unterwäsche und pornografisch inszenierte Frauenkörper. Damit auch Vierzehnjährige sich angesprochen fühlen, dürfen sie aber nicht wirklich selbstbestimmte, sexuelle Wesen sein, sondern müssen christliche Werte repräsentieren. Die Engel sind rein und diszipliniert und möchten dem CEO von Victoria’s Secret gefallen, der sie bei einem Livecasting auswählt. Natürlich ist er schmierig und steinreich.

Wie wollen Frauen in so einer Welt ein gesundes Verhältnis zu sich und ihrer Sexualität entwickeln? Mir etwa fällt es schwer, mich im Schwimmbad zu entspannen, weil ich nicht so gebräunt, so muskulös, so gross bin wie die Frauen aus der Werbung. Was für eine miese Feministin bin ich denn? Weil: Abstrahiere ich dieses Idealbild von meinem eigenen Körper, fällt es mir leicht, diese Engel als Sinnbild der Leistungsgesellschaft, des Patriarchats, des Kapitalismus zu sehen. Aber mein Geschmack verhindert diese Kritik. Der Reiz der Engel übertölpelt meinen Feminismus. Ihre verführerische Perfektion ist der Grund, warum mein ästhetisches und mein politisch-feministisches Ideal auseinanderklaffen. Ich will, dass sie deckungsgleich werden, will, dass mein Feminismus über allem steht – über den indoktrinierten Idealen der Werbung, über der Idee, dass dünne Frauen schöner sind, über der Angst, nicht perfekt zu sein. Bis dahin werde ich noch einiges zu nagen haben. Aber natürlich nur im übertragenen Sinn. Im echten würde ich davon ja zunehmen.

Hauptartikel zum Thema:
Sexistische Werbung: Auto, Staubsauger, Bockwurst, Lippenstift

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