Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Komplizierter, aber gerechter

Baufirmen funktionieren normalerweise konservativ. Teilzeitstellen zum Beispiel gibt es kaum. Die Berner Varium Bau AG macht es anders. Zwei Mitarbeiter erzählen über egalitäre Arbeitsverhältnisse auf dem Bau.

Von Sina Bühler (Text)

Vor einigen Wochen stand in der WOZ ein Kleininserat. Eine Baufirma suchte einEn PlattenlegerIn und bot «auf Wunsch eine Teilzeitstelle». Teilzeit auf dem Bau? Das bedeutet meistens: Temporäreinsätze, Stundenlohn, Hilfsjobs, Prekariat. Der Zeitdruck auf Baustellen ist immens, die Arbeitsabläufe sind komplex, die Firmen müssen kurzfristig reagieren. Mit Teilzeitangestellten wird der Aufwand schnell gross. Entsprechend rar sind Teilzeitstellen auf dem Bau. Die Varium Bau AG in der Berner Lorraine ist in diesem Bereich seit ein paar Jahren einzigartig: Sie setzt voll auf das Modell Teilzeit.

Maurer und Betriebsleiter Simon Schumacher arbeitet zu sechzig Prozent bei Varium, von Mittwoch bis Freitag. Im ersten Teil der Woche betreut der 33-Jährige seine drei Kinder und den Hof, auf dem er mit seiner Familie lebt. Ursprünglich hat er Hochbauzeichner gelernt, «aber ich habe keinen einzigen Tag in dem Beruf gearbeitet», sagt er. «Aus politischen Gründen» sei er Handwerker geworden. Konkret: über linke Kreise, Freunde, die bereits bei Varium arbeiteten – und wegen grundsätzlicher Überlegungen zur Arbeit. «Die Arbeiterklasse hat mich immer interessiert», die Möglichkeit, «die Wirtschaft und die Arbeitsteilung von der Basis her verändern zu können». Auf dem Bau verdiente man im Stundenlohn gutes Geld, daneben blieb Zeit für anderes. «Der Job hat mir erlaubt, eine Familie zu haben – und die Betreuung unserer Kinder so zu übernehmen, wie wir uns das vorgestellt haben.» Heute ist Simon ein begeisterter Handwerker. Nach ein paar Jahren holte er berufsbegleitend die Maurerlehre nach. Das geht in dieser Branche besonders gut, denn die Löhne der Lernenden sind hoch. «Ein Maurer im letzten Lehrjahr verdient fast 2000 Franken», erklärt Schumacher.

Manchmal kracht es

Dass die Mitarbeitenden über die Arbeitsteilung mitdiskutieren, macht den Alltag im Betrieb jedoch komplizierter. Und teurer. So verlangten die Umstellung von Stunden- auf Monatslöhne und fixe Arbeitstage der Teilzeitangestellten viel Flexibilität und erfordern weiterhin einen grösseren Organisationsaufwand. «Das geht nicht immer harmonisch ab. Manchmal kracht es heftig», sagt Schumacher. Im Unterschied zu vielen alternativen Betrieben ist Selbstausbeutung bei der Varium Bau AG allerdings kein Thema. Den neuen Landesmantelvertrag (LMV), auf den sich Gewerkschaften und Baumeisterverband kürzlich nach langem Ringen geeinigt haben, muss auch von alternativen, kollektiv geführten Baufirmen eingehalten werden: Mindestlöhne, Schlechtwetterentschädigung, Frühpensionierung mit sechzig Jahren. Letzteres führt zu einer bemerkenswerten Besonderheit: Der flexible Altersrücktritt (FAR), der über einen paritätischen Fonds von UnternehmerInnen und ArbeiterInnen gemeinsam finanziert wird, gilt nur für BauarbeiterInnen. Wer hingegen im Verwaltungsrat und im Büro sitzt wie Aktionär Urs Huttenlocher, müsste bis 65 arbeiten. «Wir überlegen uns, wie wir allen im Betrieb diese Frühpensionierung ermöglichen können, ob wir einen eigenen Fonds einrichten», sagen Huttenlocher und Schumacher.

Auch Urs Huttenlocher war ursprünglich Mauer, bis ihn vor zwanzig Jahren ein Arbeitsunfall ins Büro versetzte – kaputte Bandscheiben. «Derartige gesundheitliche Risiken könnten mit Teilzeitstellen reduziert werden», sagt er. Der 54-Jährige neigte schon als Jugendlicher linken und gewerkschaftlichen Ideen zu. Er machte zunächst die Matura, begann an der Uni «ein paar Studien»: Biologie, Physik und später Pädagogik. Aber irgendwie war das Richtige nicht dabei. Als Maurer wurde er dann glücklicher, die Lehre schloss er ebenfalls berufsbegleitend ab. Als Huttenlocher 1991 bei der Firma anfing, war Varium noch ein ziemlich traditioneller Betrieb – mit engagierten Mitarbeitenden allerdings. «Anfang der neunziger Jahre begannen wir, von den Chefs mehr Mitsprache einzufordern. Wir wollten uns als Kollektiv beteiligen.»

Ein Franken für die Verantwortung

Weil das nicht sofort klappte, gründeten die Angestellten eine Art Schattenkabinett, mit eigenen Sitzungen, Diskussionen um Lohnparität und der selbstständigen Verteilung der Arbeit. Im Jahr 2000 übernahm Huttenlocher zusammen mit drei Arbeitskollegen die Aktiengesellschaft. Mit der Zeit kauften weitere Mitarbeiter Aktien, vor sechs Jahren kam auch Simon Schumacher dazu. Aktienbesitz garantiert aber keine Privilegien, und auch wer in der Firma Führungsverantwortung übernimmt, verdient nur einen einzigen Franken mehr pro Stunde als die Kollegen. Die Gewinne werden entweder gespendet, unter den Mitarbeitern verteilt oder in den Betrieb reinvestiert.

«Vor einer Weile waren Vertreter der paritätischen Kommission bei uns und haben die Lohnbücher überprüft», erzählt Urs Huttenlocher. Sie seien völlig baff gewesen, wie gerecht es in der Branche zugehen könne. Doch selbst bei diesen idealen Arbeitsbedingungen fehlt etwas: Frauen beispielsweise, es gibt unter den zwanzig Mitarbeitenden keine einzige. Warum? «Sie bewerben sich nicht», sagen Schumacher und Huttenlocher. Es sei aber auch selten, dass bei Varium Stellen ausgeschrieben würden, meistens finde man neue Mitarbeiter über persönliche Kontakte. «Und Migranten arbeiten auch kaum bei uns», üben sie noch weiter Selbstkritik. Doch sie arbeiteten daran.

Urs Huttenlocher ist überzeugt, dass Teilzeitarbeit direkt zu flacheren Hierarchien führt. «Die Unternehmensleitung muss Entscheidungen transparenter fällen, die Mitarbeitenden müssen mehr Engagement und Solidarität zeigen. Die Unternehmenskultur wird nachhaltiger.» Er schaut Schumacher von der Seite an und meint: «Ich habe dir das noch nie gesagt, aber wenn du im Betrieb bist, hast du ein extremes Tempo drauf. Du bist wahnsinnig effizient.» Und dieser gibt das Kompliment zurück. «Wir Familienväter können uns stark auf die wenigen Leute im Betrieb verlassen, die Vollzeit arbeiten. Wie Urs, der manchmal auch an seinem freien Tag Pendenzen erledigt. Ohne das ginge es nicht.»

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