Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Ein ganz normal Verrückter

Pedro Lenz über einen besonderen Eishockeytrainer

Von Pedro Lenz

Manche halten ihn für verrückt, weil er zuweilen eigenartige Dinge sagt oder tut. Andere entgegnen, so verrückt könne er wohl nicht sein, wenn er seit neunzehn Jahren den gleichen Klub trainiere und in dieser Zeit sechs Meistertitel und fünfmal den prestigeträchtigen Spengler-Cup gewinne.

Er selbst fände die Frage, ob er noch normal oder schon ein bisschen verrückt sei, vermutlich irrelevant. Über sich selbst zu reden, findet er langweilig. Umso lieber spricht er dafür über seine Vorstellungen vom perfekten Eishockey, das nie zu erreichen, aber immer anzustreben sei.

Wenn Arno Del Curto beim Hockey Club Davos an der Bande steht, schaut er oft über seine Brillengläser, als würde ihn die Sehhilfe daran hindern, richtig zu sehen. Dazu muss er den Kopf nach unten halten. Diese Kopfhaltung verleiht ihm das Aussehen eines Mannes, der ständig misstrauisch ist. Und vielleicht ist dieser Eindruck gar nicht falsch. Im Spitzensport lauern die Fallen überall. Da kann ein gewisses Mass an Misstrauen nie ganz falsch sein.

Im nächsten Sommer wird Arno Del Curto sechzig Jahre alt. Wer ihm zuhört, wer ihm bei der Arbeit zusieht, wer ihm auf der Strasse begegnet, glaubt jedoch, einen Jungspund vor sich zu haben. Ständig versprüht er eine eigentümliche Mischung aus Ernsthaftigkeit, Schalk und innerem Feuer. Selten sitzt er still. Gerne wäre Arno Del Curto Rockmusiker geworden. Stattdessen hat er nun einen eher pädagogischen Beruf gewählt, bei dem er pädagogische Grundregeln nach Belieben brechen kann. Wenn sein Umfeld erwartet, dass er hart mit seiner Mannschaft umgeht, verhält er sich sanft. Wenn nach einem hohen Sieg alle glauben, er sei zufrieden, beginnt er zu kritisieren. Wenn ein Spieler zu spät zum Training erscheint, reagiert er nicht wie die meisten seiner Berufskollegen mit scharfen Sanktionen, sondern mit Nachsicht. Und wenn ihm in Davos, wo alle fast zwangsläufig alles über alle erfahren, jemand kolportiert, ein Spieler sei bis spät in der Bar gewesen, hört er gar nicht hin.

In Kanada und den USA würden viele Eishockeytrainer nach den Grundsätzen der Armee ausgebildet, erklärte Del Curto unlängst. Deswegen seien ihnen Drill und eiserne Disziplin wichtig. Das könne zwar funktionieren, aber nur so lange, wie alle Spieler bereit seien, sich unterzuordnen. Sobald Einzelne rebellierten, nütze die härteste Hand nichts mehr. Ihm selbst sind deswegen andere, weniger genau definierbare Faktoren wichtig. Er will, dass seine Spieler zu einem langen Flug abheben. Er wünscht sich Eishockeyprofis, die mit ihm diskutieren, die in der Kabine und auf dem Eis mal das Maul aufreissen, die angefressen sind von dem, was sie tun. Und wenn er sich selbst weiterbilden will, schaut Del Curto auch mal über seinen eigenen Garten hinaus, besucht etwa Trainings von Basketballteams, um zu erfahren, wie in anderen Sportarten gearbeitet wird.

In den letzten Tagen wurde ein englisches Interview mit Arno Del Curto in den sozialen Medien herumgereicht. Es war ein Gespräch mit einem schwedischen Journalisten, in dem der HCD-Trainer auf Englisch zu erklären versuchte, wie sein Team es geschafft hatte, den hoch favorisierten schwedischen Spitzenklub Skelleftea aus der Champions League zu eliminieren. Seine Analyse war makellos. Doch weil der gebürtige St. Moritzer ein eigentümliches Englisch spricht, glaubten manche KommentatorInnen im Netz, sich über Del Curtos Sprache lustig machen zu müssen. Was die SpötterInnen nicht begriffen haben, ist, dass Arno Del Curtos Ausstrahlung sprachunabhängig ist. Selbst wenn er in einer nicht vollkommen verständlichen, von ihm selbst als Buschenglisch bezeichneten Sprache referiert, transportiert er mehr Inhalt und mehr Persönlichkeit als jeder seiner Berufskollegen im Schweizer Profieishockey. Dafür lieben ihn nicht nur die HCD-Fans.

Pedro Lenz (50) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine Leidenschaft gilt dem Fussball, trotzdem lässt er sich zwischendurch auch zu Eishockeymatchbesuchen überreden.

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