Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

«Wir haben eure Spiele durchschaut!»

Tausende Teepflückerinnen legten im Bundesstaat Kerala eine ganze Stadt lahm. Der Protest richtete sich gegen eine frühere genossenschaftliche Modellfirma und gegen die Gewerkschaften – und er wird in anderen Branchen kopiert.

Von Joseph Keve, Munnar (Text und Foto)

«Gewerkschaften und Parteien haut ab!»: Demonstration von Teearbeiterinnen am 5. September im südindischen Munnar.

Der Morgen des 5. September begann in der südindischen Stadt Munnar lärmig und tumultuös. Rund 6000 Arbeiterinnen der Teeplantagen versammelten sich im Zentrum der 68 000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt, schwenkten Fahnen, skandierten Slogans und hielten Schilder in die Höhe, auf denen stand: «Gewerkschaften und Parteien haut ab, wir haben eure Spiele durchschaut!»

Die streikenden Arbeiterinnen forderten einen Tageslohn von 500 Rupien (7.50 Franken), bessere medizinische Versorgung und Unterkünfte sowie die Beibehaltung einer Bonuszahlung von zwanzig Prozent. Letztere wollte das Management der Teeplantagen, zusammen mit den Gewerkschaften, auf zehn Prozent kürzen.

Mangelernährung und Tuberkulose

Die hügelige Region um Munnar ist bekannt für kilometerweite Teeplantagen. Die Stadt im südindischen Bundesstaat Kerala wurde einst während der englischen Kolonialherrschaft in den kühlen Hügeln als Sommerfrische errichtet und lockt mit kolonialen Relikten, modernen Märkten und Restaurants zahlreiche TouristInnen an. Aber dann, Anfang September, stand das Leben in der Stadt plötzlich still. Die streikenden Frauen versperrten alle Eingänge zu den Gebäuden des grössten Teeunternehmens, belagerten die Gewerkschaftsbüros und blockierten die Bundesstrasse – die wichtigste Verkehrsachse durch Munnar. Hotels klagten, dass viele TouristInnen ihre Buchung stornierten. Ladenbesitzer machten massive Verluste.

«Wir lassen uns nicht vertreiben», erklärte Lissie Sunny während einer Sitzdemonstration. «Wir kehren nicht zu einer Arbeit zurück, bei der wir uns für einen Hungerlohn den Rücken kaputt machen.» Sunny hat die Proteste in Munnar massgeblich vorangetrieben. Die heute 47-Jährige verliess die Schule nach der achten Klasse, seitdem pflückt sie Teeblätter.

Die meisten Teepflückerinnen beginnen im Alter von 15 Jahren auf einer Plantage und arbeiten, bis sie 58 Jahre alt sind. Mangelernährung und Rückenschmerzen sind für die Arbeiterinnen alltäglich. Aufgrund der anstrengenden Arbeit fast ohne Erholungszeit erkranken viele an Tuberkulose, an chronischem Husten oder Gebärmuttersenkung.

«Die Firmenmanager, die Gewerkschaftsführer und die Politiker machen sich auf unsere Kosten ein schönes Leben», sagte Lissie Sunny. Der Arbeitsminister des Bundesstaats hatte sich geweigert, die Streikenden zu empfangen. Gemäss geltenden Arbeitsgesetzen dürfe er nur mit registrierten Gewerkschaften verhandeln. «Wir arbeiten zwölf Stunden am Tag, aber er will lieber mit denen verhandeln, die nicht arbeiten. Mit denen, die nur abkassieren und das Geld für sich behalten», erwiderte Sunny. «Wir wollen, dass sich unsere Mitgliedschaft auszahlt und dass unsere Stimmen gehört werden!» Sie werde erst an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, wenn der Ministerpräsident die Forderungen unterstütze.

Lissie Sunny arbeitet auf der Nallathanni-Plantage und ist beim Unternehmen Kannan Devan Hills Plantations (KDHP) angestellt. «Unsere Firma behauptet öffentlich, sie biete die besten Arbeitsplätze, weil das Unternehmen den Angestellten selbst gehört», hat sie erklärt. «Aber wir bekommen bloss etwa die Hälfte des normalen Tageslohns eines Arbeiters in Kerala.»

Mit über 12 000 Angestellten und 17 Plantagen auf rund 23 800 Hektaren ist KDHP das grösste Teeunternehmen in Kerala. 2005 kollektivierte der damalige Besitzer, der Grosskonzern Tata, den damals defizitären Betrieb: Man bot den ArbeiterInnen Kredite an, damit diese insgesamt 66 Prozent der KDHP-Anteilscheine erwerben konnten. 2006 berichtete die WOZ über den grössten selbstverwalteten Teebetrieb als Vorzeigemodell (siehe WOZ Nr. 13/2006). Die Umwandlung war allerdings zugleich mit einem massiven Stellenabbau verbunden. Dennoch versprach die Kollektivierung eine Alternative inmitten der mörderischen Konkurrenz. Trotz der schon damals bestehenden Überproduktion im Teesektor erzielte das Unternehmen in den folgenden Jahren bis 2010 Gewinne.

Teesektor in der Krise

Indien produziert rund 23 Prozent des weltweiten Teeangebots und ist damit nach China der zweitgrösste Teeproduzent. Bezüglich Exporten liegt es jedoch nach China, Sri Lanka und Kenia nur an vierter Stelle. Seit Indien 1995 der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten ist, bedroht die Globalisierung den Wirtschaftszweig. Indiens Konkurrenten haben ihren Teeanbau stetig gesteigert, wodurch weltweite Überkapazitäten entstanden. Diese wiederum haben den Teepreis ins Rutschen gebracht und den Druck auf die Löhne weiter erhöht. 2015 ist die gesamte Branche in die bis anhin schwerste Krise gestürzt.

Durch die globale Konkurrenz ist der durchschnittliche Preis eines Kilogramms Tee unter die dafür anfallenden Produktionskosten gefallen. Die Produktion wird in Indien zwar weiter gesteigert, dennoch ist sie heute fast nicht mehr wettbewerbsfähig – weder auf den heimischen Märkten noch in Übersee. Auch KDHP steigerte die Teeproduktion, dennoch sank der Reingewinn. Das Management verfügte deshalb, die Bonuszahlungen der ArbeiterInnen zu kürzen. Ausbaden sollten die Krise die Angestellten – indem sie immer mehr und schneller produzieren müssen. Die Beteiligung der nominellen MitbesitzerInnen an den Unternehmensentscheiden wird von kritischen BeobachterInnen als Farce bezeichnet.

Tatsächlich richtete sich der Streik der Teepflückerinnen in Munnar explizit auch gegen die Gewerkschaften und die Vertretung der Beschäftigten in der Unternehmensleitung. «Mehr als 95 Prozent der Arbeiterinnen sind Gewerkschaftsmitglieder. Jedes Mitglied bezahlt der Gewerkschaft 200 Rupien und zusätzlich einen Teil des Tageslohns pro Jahr. Aber was bekommen wir dafür?», fragte Ratna Chinnasamy, eine Teepflückerin der dritten Generation. «Nichts. Die Gewerkschaftsführer leben in luxuriösen Landhäusern, während wir in Hütten ohne Toiletten wohnen.»

Während des Streiks veröffentlichten die Frauen eine Liste mit 150 Gewerkschaftsvertretern, die von der Unternehmensführung Häuser erhalten haben. Gewerkschaftsführer, die sich gegen den Streik aussprachen, wurden von den aufgebrachten Frauen verjagt.

Gewerkschaften formierten sich in Kerala in den dreissiger Jahren. ArbeiterInnen aus der Landwirtschaft, der Industrie und dem Handel schlossen sich zusammen. Damals verfolgten die Gewerkschaften klare politische Ziele und handelten solidarisch. Aber mit der Einbindung in die institutionellen Strukturen wurden diese Grundprinzipien in den achtziger Jahren verwässert, verschärften sich die Unterschiede zwischen Führung und Basis stetig.

Die Gewerkschaftsführer gewannen sozialen Status, wenn sie zwischen ArbeiterInnen und Management vermitteln konnten. Mittlerweile sind die Gewerkschaften direkt mit Parteien verbandelt: Der All India Trade Union Congress (AITUC) hat sich mit der Kommunistischen Partei Indiens verbündet, der Indian National Trade Union Congress (INTUC) mit der regierenden Kongresspartei, die Confederation of Indian Trade Unions (CITU) arbeitet mit der Kommunistischen Partei Indiens/Marxisten zusammen. Die Gewerkschaftsführung wird von den Parteipräsidenten bestimmt, kontrolliert und oftmals manipuliert. In Munnar wird die Missachtung der Fraueninteressen dadurch verschärft, dass die meisten Teepflückerinnen ursprünglich tamilische Migrantinnen sind.

Besänftigende Zugeständnisse

«Wir haben lange nicht realisiert, wie ernst die Lage ist. Welche Verbitterung auf den Plantagen gärt», beschrieb Shanmughavel Rajendran nach dem Frauenstreik seine Einsicht. Rajendran ist Präsident der Kommunistischen Partei Indiens / Marxisten (CPIM), Gewerkschaftsleiter und Mitglied des Bundesstaatsparlaments. «Wir haben es verpasst, gemeinsam mit den Frauen zu kämpfen. Nun haben sie uns eine Lektion erteilt.»

Am Abend des 13. September sah sich der Ministerpräsident von Kerala, Ummen Chandi, gezwungen, eine ausserordentliche Sitzung des Kabinetts einzuberufen. Dieses beschloss, bis Ende des Jahres 8,3 Prozent Bonus plus eine einmalige Zulage von 11,7 Prozent zu zahlen. Ausserdem sollte der Grundlohn pro Tag auf 301 Rupien erhöht werden – von umgerechnet 3.53 auf 4.57 Franken. Die Frauen feierten diesen Sieg. Sie sangen und tanzten auf demselben Platz, auf dem sie neun Tage in der prallen Sonne ausgeharrt hatten.

Die Zugeständnisse sind beschränkt und vor allem zur Besänftigung der Streikenden gedacht, damit diese ihre Arbeit auf den Plantagen wieder aufnahmen. Dennoch: Die Frauen machten Geschichte. Sie zwangen die Regierung, direkt mit ihnen zu verhandeln, und zeigten, dass es keine Umwege brauchte, weder über Gewerkschaften noch über politische Parteien. Und schon gar nicht über Männer – nicht einmal über ihre Ehemänner.

Die «Jasminrevolution»

Die Streikenden schöpften daraus Mut und Selbstvertrauen: Aus der Protestbewegung bildete sich das Frauenkollektiv Pempilai Orumai (Frauen vereint). Lissie Sunny ist dessen Präsidentin. Bereits in der ersten Novemberwoche konnte das Kollektiv einen weiteren Erfolg verzeichnen: Bei den regionalen Wahlen wurden drei Mitglieder in die lokalen Stadt- und Gemeinderäte gewählt.

In einer Zeit, in der es die politischen Parteien und die Gewerkschaften schwer haben, Leute zu mobilisieren, zeigt dieser mittlerweile von AktivistInnen als Jasminrevolution bezeichnete Protest, dass sich die Arbeiterinnen selbst organisieren und Erfolge erzielen können. Und er beweist, dass Arbeitskämpfe in Kerala nicht länger eine reine Männerangelegenheit sind.

So streikten 36 Kilometer von Munnar entfernt 900 Arbeiterinnen einer anderen Plantage zwei Tage lang. Und die Wellen der Munnar-Bewegung schwappen auch auf andere Sektoren über: Im Alappuzha-Distrikt von Kerala streikten 850 Arbeiterinnen aus der Meeresfrüchteverarbeitung. Auch sie weigerten sich, sich von den Gewerkschaften repräsentieren zu lassen. Und sie drohten, ihren Streik auf die Fischproduktion in der Region auszuweiten.

Aus dem Englischen von Merièm Strupler.

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