Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Der Staat redet nicht, er schiesst nur

Seit vergangenem Sommer geht der Staat im Südosten der Türkei brutal gegen jede Opposition vor. Ein Bewohner von Diyarbakir erzählt.

Von Ercan Ayboga, Diyarbakir

Es ist sehr kalt in Amed, wie Diyarbakir von seinen BewohnerInnen genannt wird. Überall mehr als zehn Zentimeter Schnee, was alle drei, vier Jahre vorkommt. Und das genau zu dem Zeitpunkt, als die Kämpfe in der Altstadt Sur und in den beiden anderen Städten Cizre und Silopi in der Provinz Sirnak intensiver werden. Gerade sitzen bei uns im Pressebüro der Stadtverwaltung drei JournalistInnen und ein Forscher. Das Büro dient zurzeit de facto als Anlaufpunkt für Journalisten und Forscherinnen aus dem Ausland und dem Westen der Türkei. Wir diskutieren mit ihnen und teilen unsere Sicht auf das, was in der Region seit Monaten passiert.

Was sich abspielt, ist auch für die hier Lebenden schwer fassbar. Jeden Morgen, jeden Abend und jede Nacht durchdringt eine Welle ermüdender Energie meinen Körper, wenn ich Schüsse, Detonationen und Explosionen aus dem nahe liegenden Sur höre. Auch tagsüber, aber dann bin ich bei der Arbeit. Dort erzählen die anderen MitarbeiterInnen Ähnliches; oft dramatischer in der Darstellung. Manche stehen nachts regelmässig auf. Bei einem soll vergangene Nacht eine Mörsergranate auf dem Dach gelandet sein.

Mit grosser Besorgnis verfolgen wir, wie ganz in der Nähe – in dieser Stadt leben eine Million Menschen – der Staat mit Panzern und Geschützen täglich Dutzende Mal auf die Altstadt schiesst, um den Widerstand von vielleicht 200 bis 300 Jugendlichen (organisiert in der illegalen Gruppierung YDG-H) zu brechen. Er redet nicht, er schiesst nur.

Die Jugendlichen haben, nachdem die türkische Regierung einseitig die Friedensverhandlungen mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Frühjahr abgebrochen und Ende Juli den Krieg gegen die PKK losgetreten hat, damit begonnen, sich in einigen Städten «Freiräume» zu schaffen, repressionsfreie Räume. Parallel dazu haben die rätedemokratischen Stadtteilvolksräte in Diyarbakir wie in zwanzig weiteren Orten die Selbstverwaltung ausgerufen (siehe WOZ Nr. 44/2015).

Schon vorher hatte der Staat begonnen, systematisch politische AktivistInnen in Nordkurdistan festzunehmen – allein tausend in drei Wochen. Bereits zwischen 2009 und 2012 waren zeitweise über 9000 Menschen inhaftiert. Nicht nur sollen nun diese Festnahmen verhindert werden, viele Menschen wollen auch keinen sich erneut lang dahinziehenden militärischen Konflikt in den Bergen. Der Grossteil der Bevölkerung ist auch verärgert darüber, dass die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan ihnen den Wahlerfolg der linken prokurdischen Partei HDP vom vergangenen 7. Juni nicht gönnte und die Wahl unter repressiven Umständen wiederholen liess.

Wie in einem schlechten Film

Ich bin auf dem Weg nach Hause, es schneit immer noch. Panzer rollen an mir vorbei in Richtung Altstadt. In der Stadt wirken sie erschreckend. Das will alles nicht passen. In einer Stadt, wo im Frühjahr eine Aufbruchstimmung herrschte: Kurz vorher war im kurdischen Teil Syriens die Stadt Kobane befreit worden, die Revolution von Rojava strahlte mehr denn je. Heute fühlt es sich so weit weg an. Frieden war mal, jetzt ist Krieg – und dieses Mal auch in der Stadt!

Ich denke nur noch in den Kategorien «sicherer Ort» und «Gefahr». Ich fühle mich wie in einem immer schlechter werdenden Film. Dann fällt mir der Satz eines argentinischen Freundes ein, der in Kurdistan einmal Filme drehte: «Es gibt zwei surreale Orte auf dieser Welt: Mexiko und Kurdistan …»

Noch bis Oktober hatten viele HDP-AnhängerInnen in Amed – hier hat die Partei 78 Prozent der Stimmen erhalten – den Sinn des Ausrufens der Selbstverwaltung und der Gräben und Barrikaden der Jugendlichen hinterfragt. Sie waren weitgehend sprachlos. Und die Politischsten unter ihnen – Amed ist eine sehr politische Stadt – konnten sich keine vernünftige Analyse zusammenreimen. Viele fragten mich: «Wie geht es weiter? Das hört doch nächsten Monat auf, oder?»

Ich glaube, sie sind aus einem Traum aufgewacht und in einen Schockzustand geraten. Seit einem Jahrhundert sind wir KurdInnen Menschen zweiter Klasse. Wir wollen den Frieden, das fühle ich, aber einen gerechten. Selbst bei denen, die ihre Geschwister oder Kinder in den letzten dreissig Jahren als Guerillero oder Zivilistin durch Staatsterror verloren haben, ist dieser Wunsch nach Frieden so stark, dass sie gerne jedem Funken Hoffnung glauben möchten.

Viele misstrauen dem Staat, der seit dem Sommer immer brutaler vorgeht. Seine Gräueltaten bei den wiederkehrenden Ausgangssperren – in Sur seit dem 1. Dezember – rütteln die Menschen langsam wach. Erst waren es nur die politischen AktivistInnen, nun sagen auch die BewohnerInnen immer öfter Sätze wie «Jetzt ist die Zeit des Widerstands angebrochen» und «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit Würde zu kämpfen».

Kritik ist verstummt

Es ist leider so, denn wir haben einen Staatspräsidenten, der alle nach Freiheit strebenden KurdInnen und nichtkurdischen DemokratInnen in der Westtürkei – die vielleicht in einem noch grösseren Schockzustand sind als wir – in einem bisher unbekannten Mass verfolgt, um sich als ewigen Herrscher festzuschreiben. Nur Widerstand kann ihn in die Schranken weisen! Das mag wie Propaganda oder eine Durchhalteparole klingen. Aber welche Lösung haben die KritikerInnen denn? In der Vergangenheit hatte Widerstand immer wieder etwas bewirkt.

Und was tun die europäischen Regierungen? Sie schieben Präsident Erdogan Geld zu, damit er die Flüchtlinge in der Türkei einsperrt, und verschliessen sonst die Augen. Die Europäische Union eröffnet ihm wieder eine Beitrittsperspektive, um die Türkei enger an sich zu binden. Plötzlich ist all die Kritik der letzten Jahre verstummt. Okay, die Politik der Staaten ist dreckig. Aber ihr in Europa habt noch eine halbwegs unabhängige Öffentlichkeit, was wir hier immer mehr verlieren. Setzt sie in Gang, und lasst diesen dreckigen Deal nicht zu!

«Ihr habt meine Mutter ermordet»

Drei Stunden später. Ich übersetze den Brief des jungen Inan aus Silopi, dessen Mutter im letzten Monat auf der Strasse angeschossen wurde. Sie erlag ihren Verletzungen, weil Scharfschützen der Polizei jeden erschossen, der ihr helfen wollte. Eine Journalistin hatte die Geschichte des Mannes protokolliert und vor einer Woche auf dem Blog einer türkischen Zeitung veröffentlicht. Dies ist vielleicht die schwerste Übersetzung meines Lebens. Ich möchte sie teilen.

«Als wir erfuhren, dass meine Mutter angeschossen worden war, sind wir sofort zum Ort des Geschehens geeilt. Noch bevor wir ankamen, hatte es mein Onkel versucht; auch ihn haben sie erschossen. Als ich dort ankam, trugen die NachbarInnen meinen toten Onkel weg. Ich fragte nach meiner Mutter, und sie sagten, dass sie noch auf der Strasse liege. Als ich zu meiner Mutter wollte, hielten sie mich fest. Ich weinte, weinte, weinte. Meine Mutter fiel mitten auf der Strasse hin und lag einfach da. Zunächst bewegte sie sich noch, später nahmen ihre Bewegungen ab. Wen auch immer wir anriefen – Abgeordnete, Landrat, Provinzgouverneur –, sagte, die Scharfschützen sollten sich zurückziehen, damit wir den Leichnam unserer Mutter holen könnten.

Was fühlte unsere Mutter wohl, als sie da lag? Gelitten hat sie. Meine Mutter blieb sieben Tage auf der Strasse liegen. Keiner von uns hat geschlafen, damit Hunde und Vögel sich ihr nicht nähern konnten; sie lag dort, und wir schauten zu, wie sie in 150 Meter Entfernung ihr Leben liess. Der Staat hat uns in diesen sieben Tagen so viel Leid angetan, wie es ein Mensch einem anderen überhaupt antun kann. Meine Mutter hatte noch ihren Schal in der Hand, ihre Hände waren steif geworden, die Haltung zeigte ihren Überlebenskampf. Das Blut war getrocknet. Ihre Hände, ihr Gesicht, mit dem sie auf den Boden gestürzt war, voller Erde, die Kleidung von Blut durchtränkt und wieder getrocknet.

Diese Gläubigen haben die Seele meiner Mutter herausgerissen. Die Augen meiner Mutter sind offen geblieben, ihr Gesicht unserem Haus zugekehrt. Ich kann nicht ausdrücken, was für ein grosser Schmerz es ist. Sieben Tage blieb meine Mutter im tiefsten Winter auf der Strasse liegen. Das Schmerzhafteste ist, nicht wissen zu können, wie lange sie noch lebte – ich hoffe, dass sie sofort gestorben ist. Ihr habt meine Mutter ermordet.»

Wenn ihr nichts gefühlt habt, dann lest diesen Brief – wieder und wieder.

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