Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Der Sound des Widerstands

Seit Monaten wird im Südosten der Türkei gekämpft, ganze Stadtquartiere sind abgeriegelt. Viele BewohnerInnen sind inzwischen geflohen – andere wehren sich gegen die Besatzungsmacht.

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn, Diyarbakir / Nusaybin

Vorsichtig schaut Hasim Kulak aus dem Fenster seiner Wohnung zu den Soldaten hinunter. Irgendwelche verdächtigen Bewegungen? Auf der staubigen Strasse patrouillieren Militärs mit umgehängter Waffe. Dann sieht er hoch, im Tiefflug knattern Militärhelikopter. «Alles ruhig», sagt er zu seiner Ehefrau Emine Kulak, die in der kargen Küche am Gasherd steht. «Heute ist ein guter Tag.»

Er sei ein Überlebender, sagt der bullige 46-Jährige später bei einem Streifzug durch die Strassen von Sur, der Altstadt von Diyarbakir im Südosten der Türkei. Kulak läuft vorbei an Panzerwagen, zeigt auf die Stelle, an der früher sein Haus stand. Nur im Schutthaufen herumliegende Kochtöpfe erinnern noch daran, dass dies mal ein Wohnhaus gewesen sein muss. Nach tagelangem Beschuss sei es einfach eingestürzt. Auch der Verkaufswagen, mit dem er hier einst Sesamkringel verkauft hatte, wurde zerstört. «Wir haben nur noch das, was wir am Leib tragen», klagt Kulak. Jetzt lebt er mit seiner Frau in der Wohnung von Nachbarn, die geflohen sind. «Und all das nur, weil wir Kurden sind.»

355 000 sind geflohen

Seit dem 2. Dezember herrschen kriegsähnliche Zustände in diesem Viertel, das wegen seiner Sehenswürdigkeiten und zahlreichen Cafés einst eine beliebte Ausgehmeile bei Einheimischen und TouristInnen war. Umschlossen wird das Zentrum des kurdischen Widerstands von einer mächtigen Stadtmauer, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Wer hineinwill, wird von vermummten und bewaffneten Militärs durchsucht, muss seine Taschen öffnen und Fragen beantworten. Das gleiche Prozedere erwartet einen beim Hinausgehen – nur dass man hier noch sein Handy vorzeigen muss. Die Militärs kontrollieren die Fotos darauf, blättern Schreibblöcke durch.

Die engen Gassen von Sur sind Kampfgebiet: Mit Sturmgewehren und Sprengfallen bekriegen sich hier die Patriotisch-Revolutionäre Jugendbewegung (YDG-H), die Jugendorganisation der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, und der türkische Staat. Ganze Strassenzüge gleichen Ruinen, ausgebrannte Fahrzeugwracks stehen herum, Häuser sind eingestürzt, Wände durchlöchert. «Es gibt keine Entschuldigung für Verrat», hat jemand auf die Tür eines verlassenen Lebensmittelgeschäfts gepinselt – eine Warnung, die von der türkischen wie auch von der kurdischen Seite stammen könnte. Dünne graue Rauchschwaden steigen in den Himmel. Sie stammen von kleinen Feuern, mit denen die BewohnerInnen ihren Unrat verbrennen. Die Müllabfuhr kommt schon lange nicht mehr.

Weil zugezogene Mäntel verdächtig sind – unter diesen lassen sich leicht Bomben verstecken –, tragen in Sur viele ihre Jacken offen. Auf den Dächern lauern Scharfschützen, es gilt, ruckartige Bewegungen zu vermeiden. Über allem liegt eine seltsame Ruhe, die Menschen bewegen sich fast schon wie in Zeitlupe. Immer wieder sind Schüsse, Granateneinschläge und Sirenen zu hören. Die Strom- und Wasserversorgung funktioniert nur sporadisch. Rund 355 000 Menschen sollen aus den kurdischen Gebieten geflohen sein – zurückgeblieben sind jene, die sich einen Wegzug nicht leisten können, zu schwach sind oder sich weigern.

Wie in einem Bürgerkriegsland

So wie Hasim und Emine Kulak, die nun nachts in den Kellerräumen Zuflucht vor den Kugeln suchen. «Die Regierung kann uns doch nicht alle umbringen, irgendwann muss der Frieden wieder zurückkehren», hofft Hasim Kulak. Bis dahin haben sie ihren Sohn zu Verwandten nach Ankara geschickt, weil sie nicht wollen, dass er ins Visier der Armee gerät. «Haben die Soldaten jemanden in Verdacht, gegen sie zu sein, ist er schon so gut wie tot», sagt der Vater.

Die Offensive des türkischen Staats gegen PKK-KämpferInnen läuft nicht nur in Diyarbakir. In der gesamten Region sind laut Ankara rund 10 000 PolizistInnen und Militärs im Einsatz. In den Städten Silopi und Cizre wurde nun das Ende der Operationen verkündet. Bilder aus den beiden Orten zeigen massive Zerstörungen – Szenen wie aus einem Bürgerkriegsland. Zurückgekehrte Flüchtlinge suchen unter Trümmern Leichen. Die Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV) zählte in den vergangenen Monaten allein in Cizre 178 getötete ZivilistInnen. In Sur halten die Kämpfe immer noch an. Ende Februar wurden in der Stadt Idil und im Dorf Dirsekli in der südosttürkischen Provinz Sirnak zusätzlich Ausgangssperren verhängt. Nach Armeeangaben starben bei den Gefechten mehr als 850 PKK-KämpferInnen.

Was ist der Plan?

In Nusaybin, etwa 170 Kilometer südöstlich von Diyarbakir, steht Irfan breitbeinig vor einem Graben. An seiner Schulter hängt eine Kalaschnikow. Hier am Ende der Brücke zum Viertel Abdul Kadir Pascha beginnt sein Einflussgebiet – die «befreite Zone». «Das ist unser Land, und das werden wir bis zum Ende verteidigen», sagt der hagere 24-Jährige, der rund zehn Jahre älter aussieht. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Und er will nicht sagen, wo genau er herkommt. Doch der Akzent verrät, dass Irfan im Südosten aufgewachsen sein muss.

Der junge Mann ist eigentlich Mathematikstudent, jetzt riskiert er für «unsere kurdische Sache» sein Leben. Als Kommandant einer YDG-H-Einheit ist er zuständig für dreissig Frauen und Männer. Ihr Sitz befindet sich in einem Betonbau mit fensterlosen Räumen, Bilder von PKK-Chef Abdullah Öcalan hängen an den Wänden. Vor der Tür ist ein tiefer Krater, über die Strassen haben sie Plastikplanen gespannt, um den Scharfschützen keine Ziele zu bieten.

Die KämpferInnen in Irfans Einheit tragen weder Helme noch Sicherheitswesten, meist nur schlichte khakifarbene Overalls. Die Stimmung wirkt gelöst. Zehn Männer und Frauen füllen Säcke mit Erde – für Barrikaden. Trotz ihrer simplen Ausrüstung ist die urbane Guerilla dem Militär gegenüber im Vorteil, denn die Jugendlichen sind hier gross geworden, sie kennen jedes Schlupfloch.

«Wir bekommen unsere Befehle nicht von der PKK», behauptet Irfan. «Wir entscheiden selbst, wie wir vorgehen.» An solchen Aussagen haben SicherheitsexpertInnen jedoch ihre Zweifel. Und was ist der Plan? Irfan zündet sich wieder eine filterlose Zigarette an, die vierte innerhalb einer halben Stunde. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Kein Grund für ihn, sich umzuschauen. «Wir werden so lange Widerstand leisten, bis wir sterben», sagt er. «Unser Freiheitskampf hat doch erst von neuem begonnen.»

Ermordet vom Staat

Was im Südosten der Türkei wirklich passiert, wissen derweil die wenigsten – denn über die Situation in den kurdischen Gebieten wird kaum berichtet. Regierungstreue Medien huldigen den toten Sicherheitskräften als «Märtyrer», ermordete oder geflohene ZivilistInnen werden nicht erwähnt. Über sie wurde bisher im populären kurdisch-türkischen Fernsehsender IMC TV berichtet – doch Ende Februar wurde die Ausstrahlung des Kanals gestoppt.

So erfuhr auch kaum jemand in der Türkei vom Tod des sechzehnjährigen Mahmut. Sein Vater, Ferhat Bulak, die Wangen eingefallen, Dreitagebart, kauert zusammengesunken auf einem Sessel im Wohnzimmer seiner Wohnung in Diyarbakir. Verwandte und Freunde hocken auf dem Boden um ihn herum und trinken Schwarztee. Bulak hat nicht einmal seine kurze Lederjacke ausgezogen. Seine Ehefrau Menife liegt mit fahlem Gesicht auf dem Boden im Nebenraum. Als es an der Tür klingelt, schaut Ferhat Bulak überhaupt nicht auf. «Es ist Mahmut, der nach Hause kommt. Es ist mein Sohn!», ruft seine Frau. Sie wird von anderen Frauen im Arm gehalten, sie zittert. Sie müsse nun stark sein, redet eine Frau auf Menife Bulak ein. «Jede Familie hat Tote zu beklagen», sagt sie – und hält dabei das Gesicht der Trauernden fest in ihren Händen.

Erst vor wenigen Stunden hat das Paar seinen Sohn beigesetzt. Der Junge war am Vortag bei einer Antiregierungsdemonstration von einer Kugel tödlich getroffen worden. Wer geschossen hat, ist unklar. Viele KurdInnen in Diyarbakir glauben jedoch, der Staat habe Mahmut Bulak ermordet. Tausende rufen bei seinem Begräbnis «sehit» – Märtyrer. Der Sarg ist mit einer PKK-Flagge umwickelt. «Wir werden seinen Tod rächen», sagt ein Mann, der an diesem sonnigen Vormittag im Trauerzug mitmarschiert und ein Foto des Jungen hochhält.

Das Gas, die Leere, der Krach

In Diyarbakir gibt es viele Checkpoints, Wasserwerfer und Panzerwagen stehen herum. Sobald sich irgendwo eine kleine Menschenansammlung formiert, fliegen Helikopter tiefer, um die Menschen zu filmen. Dann wird die Gruppe meist gewaltsam mit Wasserwerfern oder Tränengas aufgelöst. Diese Machtdemonstration des Staats radikalisiere die Jugend, zitierte die türkische Zeitung «Radikal» Selahattin Demirtas. Rund 500 Jugendliche seien allein in den vergangenen Tagen der PKK beigetreten, so der Kovorsitzende der prokurdischen Partei HDP. Er hat inzwischen angekündigt, dass das kurdische Neujahrsfest Newroz Mitte März unter dem Motto «Wir werden mit Widerstand gewinnen» gefeiert wird. Zudem rief er zu Demonstrationen gegen die Militäreinsätze auf.

Damit niemand auf die Strasse geht, wird in ganz Diyarbakir nachts vorsorglich Tränengas versprüht. Doch bis auf einige wenige Jugendliche, die in Hauseingängen Müll anzünden, ist die Stadt ohnehin wie leer gefegt. Die Menschen demonstrieren trotzdem, indem sie in ihren Wohnungen mit Löffeln auf Kochtöpfe schlagen – der Sound des Widerstands gegen die Besatzungsmacht. Alle zwei, drei Stunden fliegen Kampfjets von einem nahe liegenden Militärstützpunkt in Richtung Kandilberge. Seit dem Sommer bombardiert die türkische Luftwaffe in der Autonomen Region Kurdistan im Irak Stellungen der PKK. Das Gas, die Leere, der Krach, die Dunkelheit – es sind schaurige Momente inmitten einer Millionenstadt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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